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Inside Anonymous: Die Köpfe hinter der Maske

Anonymous und Lulzsec wirbelten das Netz auf wie niemand zuvor. Die Journalistin Parmy Olson begleitete die Hackergruppen ein Jahr - und zeigt einen beeindruckenden Blick hinter die Masken.

Von Christoph Fröhlich

Ein kopfloser Mann im Anzug, umgeben von Lorbeerzweigen vor einer Silhouette der Welt. Die Botschaft des Anonymous-Logos ist eindeutig: Die wohl bekannteste Hackergruppe operiert ohne Anführer und ist frei von Hierarchien. Gelenkt wird sie nur vom Schwarm, dem kollektiven Widerstand im Netz. Auch der Slogan "Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns" lässt keine Zweifel: Wird ein Hacker verhaftet, kommen zehn neue.

Doch ganz so frei von Anführern, wie es die Gruppe gerne behauptet, war sie nicht. Parmy Olson, die Leiterin des Londoner Büro des "Forbes"-Magazins, zeichnet in ihrem neuen Buch "Inside Anonymous" Porträts der wichtigsten Mitglieder. Mehr als ein Jahr sprach sie mit Beteiligten und schildert den Aufstieg und Fall der wohl bekanntesten Hackergruppe der Welt. Es ist eine Geschichte von Verrat und Täuschung. Sie erzählt von gelangweilten Internetjunkies, die für das bessere Ganze kämpfen wollten, aber schon im Kleinen scheiterten. Ihr gelingt ein beeindruckender Blick hinter die Masken.

Sabu - der Kopf

Das Leben meinte es nicht gut mit Hector Xavier Monsegur. Der Latino mit Wurzeln in Puerto Rico lebte in einer Sozialwohnsiedlung in der Lower East Side von New York und musste von seiner geringen Sozialhilfe fünf Brüder, eine Schwester und zwei Nichten durchbringen. Die neunte Klasse hat der 1983 geborene Amerikaner nie vollendet, weil er sich nicht den Lehrern unterordnen konnte. Er war arbeitslos und ohne Ziel im Leben.

Doch wenn er nachts am Computer saß, dann war Hector ein Star. Dann wurde er zu Sabu, dem Anführer der berüchtigten Hackergruppe Anonymous. Er nannte sich nach einem Wrestler, der wegen seiner extremen Kampftechnik in den Neunzigern gefeiert wurde. Sein Talent als Hacker war beeindruckend: Schon als Jugendlicher soll er die Telefonleitung seiner Familie geknackt und sich kostenlosen Zugang zum Internet verschafft haben. In den Neunzigern attackierte er Regierungsseiten von Puerto Rico und lieferte sich Scharmützel mit chinesischen Hackern.

Doch erst die Anonymous-Bewegung gab dem überzeugten Linksaktivist eine Stimme, die auch gehört wurde. Das Leerräumen von Datenbanken und Knacken von Servern schienen ihm geeignete Mittel zu sein, um den korrupten Mächten der modernen Welt die Stirn zu bieten. Er fühlte sich wohl in den Weiten des Webs, in denen er das Sagen hatte. Er war die Galionsfigur der dunklen Seite der Generation Web. Doch Sabu war nicht nur talentiert, sondern auch skrupellos: Angeblich soll für seinen Angriff auf tunesische Regierungsserver im Januar 2011 einer seiner Unterstützer ins Gefängnis gewandert sein. Das tat ihm zwar leid, doch er fühlte sich nicht schuldig. Wen interessiert das Schicksal eines Einzelnen, wenn es dem großen Ganzen dient? Es war nicht der letzte Unterstützer, den er über die Klippe springen ließ.

Vom Messias zum Judas

Sabu war ein Genie, das gerne prahlte. Doch sein Stolz wurde ihm zum Verhängnis: Schnell wurden auch das FBI und andere Gruppierungen auf das vermeintliche Wunderkind aufmerksam. Im März 2011 wurde er fast enttarnt, doch ans Aufhören oder das Zulegen einer neuen Identität dachte Sabu nie. Es sei bereits zu spät, er habe die Grenze unumkehrbar überschritten, sagte er einmal zu seinem langjährigen Weggefährten Topiary. Stattdessen gründete er im Mai mit fünf anderen Anonymous-Sympathisanten die Gruppe Lulzsec. "Wir Menschen leiden an unserem Ich", erzählte Sabu später der Buchautorin. "Wir haben alle den Drang nach Anerkennung." Noch einmal konnten sich er und seine Internetbekanntschaften austoben, sie hackten gemeinsam Sony und den Fernsehsender Fox, den US-Senat und zahlreiche Videospielserver. Sie liebten das Bloßstellen und gingen in den Servern dieser Welt ein und aus.

Zwei Monate später stand das FBI vor Monsegurs Apartment und klopfte an die Tür. Zunächst verweigerte Sabu die Zusammenarbeit, er verachtete Regierungen und die seiner Meinung nach korrupten Polizeibeamten. Doch ihm drohte eine mehrjährige Haftstrafe. Und wer sollte sich dann um seine beiden Nichten kümmern? Sabu knickte ein. Widerwillig wurde er zum Spitzel des FBI und musste weitere Beweise gegen den Rest der Gruppe sammeln. "Fox News" zitierte später einen FBI-Ermittler mit den Worten: "Es ging um seine Kinder. Er würde für seine Kinder alles tun. Er wollte nicht ins Gefängnis und sie allein zurücklassen. So haben wir ihn gekriegt."

Nach nur zwei Monaten und einigen spektakulären Hacks löste sich Lulzsec auf. Genützt hat es nichts: Ein Mitglied nach dem anderen wurde festgenommen. Bis zum 6. März 2012: Als alle führenden Lulzsec-Mitglieder aufgespürt waren, wurde Sabu als Verräter zur Schau gestellt. Der einstige Messias der Netzbewegung war plötzlich ein Judas. Der Liebling wurde verstoßen. Doch an die große Revolution glaubte Sabu immer noch: Gegen 22.00 Uhr deutscher Zeit schickte er die Abschnittstext letzte Nachricht an seine 45.000 Follower. Sie war auf Deutsch und ein Zitat von Rosa Luxemburg: "Die Revolution sagt ich bin, ich war, ich werde sein."

Topiary - die Stimme

Wenn Sabu in New York den Computer startete und sich in die Chatkanäle von Anonymous einklinkte, wurde er meist schon von Topiary begrüßt. Er war die Stimme hinter der Maske, der Pressesprecher von Anonymous und Lulzsec. Im echten Leben verbarg sich hinter dem Nickname Topiary ein 18-jähriger schottischer Schulabbrecher namens Jake Davis. Er lebte sehr bescheiden, hatte einen Teilzeitjob in einer Autowerkstatt und kam gerade so über die Runden. Sein Zuhause war ein kleines, gelbes Häuschen auf den Shetlandinseln, weit weg von seiner Mutter und seinem Bruder, in einer heruntergekommenen Gegend voller Drogensüchtiger.

Doch das alles soll ihn nicht gestört haben. Den ganzen Tag habe er nur darauf gewartet, wieder ins Netz gehen zu können, erzählt er der "Forbes"-Redakteurin Parmy Olson. Zwar hatte Topiary kaum Ahnung vom Hacken, doch was ihm an technischem Wissen fehlte, glich er mit Redegewandtheit und Schlagfertigkeit aus. Immer wenn ein Server geknackt oder ein Skandal aufgedeckt wurde, schlug seine große Stunde: Er schrieb die Botschaften, die auf den gekaperten Seiten hinterlassen wurden. Zugleich war er verantwortlich für den Twitter-Account der Gruppe.

Spott und Hohn

Verfasste er bei Anonymous noch pathetische Botschaften mit drohendem Charakter, wurde er bei der Hackergruppe Lulzsec zum scharfzüngigen Sprachrohr mit boshaftem Witz. "Hashtag des Tages von Lulzsec: #FuckFox: Geben wir ihm noch ungefähr eine Stunde, sagt es euren Freunden.^___^“, schrieb er kurz vor dem Fox-Hack und machte die Menge neugierig auf das, was folgen sollte. In nur wenigen Tagen scharte er mit seinen Tweets voller beißendem Spott Tausende von Followern um sich.

Ihm ging es nicht primär um den politischen Umsturz wie Sabu, sondern um den Spaß am Chaos, wie er oft betonte. In seiner ersten Ansprache schrieb er: "Wir sind Lulzsec, eine kleine Gruppe lulziger Individuen, die die Farblosigkeit der Cybercommunity als Belastung für das empfinden, worauf es ankommt: Spaß.“

Sein Spitzname war das Ergebnis einer Laune. Ihm gefiel der Zeitreisefilm "Primer", und als er las, dass der Regisseur Shane Carruth an einem Nachfolgeprojekt namens "A Topiary" arbeitete, faszinierte ihn das Wort so sehr, dass er es für seinen Spitznamen auswählte. Dass ein Topiarium ein Ziergarten mit in Form geschnittenen Büschen ist, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht. Am 27. Juli 2011 wurde Davis festgenommen. Sein letzter Tweet stammt vom 22. Juli: "Man kann eine Idee nicht verhaften."

Kayla - der Ninja

Obwohl die Mitglieder von Lulzsec teils schon seit Jahren miteinander zu tun hatten, war das Misstrauen untereinander riesig. Private Informationen galten als Tabu, viele verrieten nicht einmal ihren Wohnort. Die wohl paranoideste Figur des Kollektivs war Kayla. Sie präsentierte sich als 16-jähriges Mädchen und legte viel Wert darauf, so wenig wie möglich über ihre Identität zu verraten. Topiary bezeichnete sie deshalb später einmal als den Ninja der Gruppe.

In Wirklichkeit verbirgt sich hinter Kayla ein Mann: Ryan Mark Ackroyd, 25 Jahre alt, vier Jahre Dienst in der Britischen Armee. Zum Zeitpunkt der Festnahme war er arbeitslos und wohnte bei seinen Eltern. Dass Kayla kein Mädchen war, vermuteten die meisten Anons: Zwar gab es in der Hackerszene einige weibliche Unterstützer, doch Hackerfrauen, erst recht mit solchen Fähigkeiten, gab es ausgesprochen selten.

Geist im Netz

Ryan Mark Ackroyd bewegte sich fast wie ein Geist durchs Netz: Er tippte nie seinen wirklichen Namen in das Notebook, aus Angst, jemand könnte die Tastatureingaben mitlesen. Zudem besaß der Rechner laut seiner Aussage keine eigene Festplatte, stattdessen soll er über eine winzige MicroSD-Speicherkarte gelaufen sein, die er notfalls hinunterschlucken konnte, falls die Polizei die Wohnung stürmen sollte. Angeblich hatte er sogar die Webcam mit einem Messer außer Gefecht gesetzt, damit niemand den PC hacken und ihn unbemerkt filmen konnte. Der Spitzname Kayla bedeutet im Altenglischen "Schlüsselbewahrer“.

Ryan entwickelte für die Gruppe ein leistungsstarkes Programm, mit dem sie das Internet automatisch nach Seiten mit Schwachstellen durchsuchen konnte. Von Hunderten Treffern hatten ungefähr zwanzig Prozent gravierende Sicherheitslücken, davon führten fünf Prozent zu Datenbanken mit Zehntausenden und mehr Nutzern. Innerhalb weniger Tage soll Lulzsec private Informationen von Hotels, Flughäfen, Golfclubs und sogar von staatlichen Einrichtungen in die Finger bekommen haben.

Ryan Mark Ackroyd wurde am 2. September 2011 festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, an mehreren Cyber-Attacken von Anonymous in leitender Funktion teilgenommen zu haben. Außerdem soll er die Sicherheitslücken entdeckt und Lulzsec Zugang zum Senatssystem der USA verschafft haben.

Tflow - das technische Hirn

Tflow war der Programmierer und das technische Hirn der Gruppe. Er war sehr schweigsam und zurückhaltend, doch nicht weniger bedeutend für Lulzsec und Anonymous. Tflow war nicht nur derjenge, der Kayla, Sabu und Topiary zusammenbrachte, er war auch maßgeblich an den spektakulärsten Angriffen beteiligt. So koordinierte er die Attacken auf Regierungsserver während des Arabischen Frühlings und entdeckte die massiven Sicherheitslücken beim US-Sender Fox, die im Diebstahl von mehreren Datenbanken mündeten, unter anderem von Kandidaten für die Castingshow "X-Factor".

Doch Tflow attackierte nicht nur Webseiten, sondern unterstützte auch die Revolutionäre aus Tunesien während der Aufstände: Er programmierte ein Skript, dass die Landesbewohner auf ihren Webbrowsern installieren konnten, um unentdeckt surfen zu können. Außerdem war er auch für organisatorische Aufgaben zuständig, so entschied er sich gemeinsam mit Topiary für den Namen Lulzsec.

Tflow war der erste Hacker des Anonymous-Kerns, der festgenommen wurde. Am 19. Juli 2011, einen Tag nach dem Hackerangriff auf die Webseite der britischen Tageszeitung "The Sun", berichteten Medien über die Festnahme eines 16-jährigen Briten, der ein führendes Mitglied von Lulzsec sei. Tflows richtiger Name ist bis heute unbekannt.

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