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Influencer Mirko Drotschmann Er sollte Lügen über Biontech-Impfstoff verbreiten: "Ich hätte die Mail fast gelöscht"

Mirko Drotschmann
Mirko Drotschmann ist auf Youtube als "Mr. Wissen2Go" bekannt
© Arne Immanuel Bänsch / Picture Alliance
Influencer Mirko Drotschmann, auf Youtube bekannt als "MrWissen2Go", sollte im Netz Falschinformationen über den Biontech-Impfstoff verbreiten. Im stern-Interview erzählt er, wie dubios die Anfrage für die Desinformationskampagne ablief.

Mehrere Influencer haben in den vergangenen Wochen dubiose E-Mails von einer Londoner Agentur erhalten. Darin wurde ihnen Geld angeboten, wenn sie auf ihren Social-Media-Auftritten Falschinformationen über den Impfstoff von Biontech verbreiten. Unter anderem sollten sie behaupten, es sei im Zusammenhang mit der Impfung zu hunderten Todesfällen gekommen. Wissenschaftliche Belege gibt es dafür nicht. Hinter den Anfragen steckt offenbar die Londoner PR-Agentur Fazze. Die Spur führt allerdings nach Russland – auch wenn es keine Beweise für eine Beteiligung des russischen Staates an der Kampagne gibt. (Lesen Sie hier: Influencer bekamen für Falschmeldungen über Impfstoff Geld geboten)

Mirko Drotschmann ist einer der Youtuber, die von der Agentur kontaktiert wurden. Drotschmann vermittelt auf seinem Youtube-Kanal "MrWissen2Go", der zum Online-Medienangebot Funk von ARD und ZDF gehört, Themen rund um Wissenschaft, Geschichte und die aktuelle Nachrichtenlage auf allgemeinverständliche Art und Weise. Im stern-Interview erklärt Drotschmann, wie die Anfrage ablief und warum er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Mirko Drotschmann: "Für mich sah die Mail wie Spam aus"

Mirko Drotschmann, Sie wurden von einer Agentur angefragt, über Ihre Social-Media-Kanäle Falschinformationen über den Impfstoff von Biontech zu verbreiten. Wie genau ist das abgelaufen?
Mirko Drotschmann:
Ich hätte die Mail fast gelöscht, weil sie für mich wie Spam aussah. Bei dem Link in der Mail und dem Wort Biontech bin ich dann doch hellhörig geworden und war nicht nur schockiert, sondern auch erstaunt, wie sehr mit der Tür ins Haus gefallen wurde. Üblicherweise fragen Agenturen erst einmal nach, ob man Interesse an einer Zusammenarbeit bei einem interessanten Projekt hätte. Dass sofort gesagt wird, worum es geht, ist sehr unüblich.

Gab es daraufhin noch einen weiteren Austausch?
Ich wollte sofort wissen, was dahintersteckt und habe mich zum Schein darauf eingelassen. Ich habe behauptet, dass es in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben ist, bei einer Veröffentlichung auch zu posten, wer das Ganze finanziert hat. So ein Gesetz gibt es nicht, aber ich wollte wissen: Woher kommt das Geld für diese Kampagne? Da wurde mir direkt geschrieben, das sei geheim.

Wie genau hätte die Kampagne aussehen sollen?
Ich habe einen Zugang zu einer Seite bekommen, auf der verschiedene Anweisungen und Formulierungshilfen standen. Zum Beispiel, dass es als eigene Meinung und auf keinen Fall als gesponserter Post rüberkommen soll. Es gab auch durchaus einen zeitlichen Druck bei der Kampagne. Am 18. Mai wurde ich angeschrieben und eigentlich hätte ich schon vergangenen Freitag (21. Mai, Anm. d. Red.) etwas posten sollen. Ich wollte etwas Zeit gewinnen und habe behauptet, ich wäre auf einer Geschäftsreise. Aber es gab wohl schon den Plan, möglichst schnell etwas zu veröffentlichen.

Wie war Ihr Eindruck von der Agentur, die Sie kontaktiert hat?
Als die Anfrage kam, bin ich sofort auf die Website gegangen. Die sah für mich aus wie die Website vieler anderer Influencer-Agenturen auch. Über LinkedIn habe ich herausgefunden, dass der CEO des Unternehmens seinen Wohnort mit Moskau angibt. Darüber habe ich auch noch weitere Mitarbeiter gefunden, die zum Teil einen Bezug zu Russland hatten. Auch die Person, die mich angeschrieben hatte, hatte einen russischen Namen. 

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, dieses Angebot auf Twitter zu veröffentlichen?
Ich habe die Anfrage öffentlich gemacht, damit viele Leute davon mitbekommen. So eine Desinformationskampagne kann auch schnell Wirkung zeigen. Deshalb war meine Idee, möglichst schnell ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was da los ist. Und ich wollte schneller sein als diejenigen, die dann womöglich eine Falschmeldung verbreiten.

Dem französischen Influencer Léo Grasset wurden laut Medienberichten 2000 Euro dafür geboten, dass er behauptet, es sei im Zusammenhang mit der Biontech-Impfung zu hunderten Todesfällen gekommen. Ist das auch die Größenordnung, um die es bei Ihnen ging?
Das war auch etwas, was mich sofort interessiert hat: Wie sieht das Budget aus? Deshalb habe ich nachgefragt, was sie bezahlen könnten. Da kam sofort die Gegenfrage: Was sollen wir denn bezahlen? Daraufhin habe ich ein paar Analyse-Daten meines Instagram-Accounts geschickt. Allerdings kam dann die erste Berichterstattung und ich habe nichts mehr von der Agentur gehört. Ich weiß also nicht, wie viel sie mir bezahlt hätten.

Bekommen Sie als Influencer öfter solche Anfragen?
Wenn man im Internet mit einer gewissen Reichweite unterwegs ist, kommen jede Woche Anfragen, für Produkte zu werben. Ich mache das generell nicht – zum einen, weil mein Youtube-Kanal öffentlich-rechtlich ist, zum anderen bin ich Journalist und finde es schwierig, in einem redaktionellen Kontext Werbung stattfinden zu lassen. Aber dass man eine Anfrage bekommt, ob man an einer Desinformationskampagne teilnehmen und Falschinformationen verbreiten will, das hatte ich so noch nie.

Influencer Mirko Drotschmann: Er sollte Lügen über Biontech-Impfstoff verbreiten: "Ich hätte die Mail fast gelöscht"

Wissen Sie von anderen deutschen Influencer:innen, die ebenfalls mit diesem Angebot kontaktiert wurden?
Auch das war einer der Gründe, warum ich mich zum Schein darauf eingelassen habe. Ich habe behauptet, ich würde gern mit anderen in Deutschland kooperieren. Daraufhin bekam ich die Antwort, bisher hätten sie da noch niemanden. Dabei ist es auch geblieben.

In Frankreich haben einige Youtube-Stars ähnlich wie Sie die Anfragen für die Desinformationskampagne öffentlich gemacht. Stehen Sie mit denen in Kontakt?
Kontakt gab es nicht, aber ich bin dankbar, dass die Kollegen das veröffentlicht haben, weil dadurch das Ganze erst ins Rollen gekommen ist. Nachdem ich die Anfrage getwittert hatte, ist zunächst wenig passiert. Erst als die Meldung aus Frankreich kam und sich auch der französische Gesundheitsminister dazu geäußert hat, wurde auch in Deutschland darüber berichtet.

Auf Youtube vermitteln Sie Wissensthemen an vornehmlich junge Leute, mehr als zwei Millionen Abonnenten folgen Ihren Kanälen. Wie groß ist die Anfälligkeit für Falschinformationen beim Publikum und welche Verantwortung haben Sie als Influencer?
Die Gefahr, dass Leute auf solche falschen Informationen hereinfallen, ist durchaus gegeben – auch weil Medienpädagogik an Schulen noch in den Kinderschuhen steckt. Schüler:innen müssen sensibilisiert werden, wie man mit Quellen umgeht und prüfen kann, ob eine Information verlässlich ist. Aber auch Menschen, die sich nicht mehr im Schulalter befinden, sind für solche Falschinformationen anfällig. Ich selbst sehe mich in der Pflicht, das, was ich veröffentliche, vorher genau zu überprüfen und journalistische Grundsätze zu wahren. Außerdem möchte ich auf die Mechanismen hinter Falschmeldungen hinweisen, Faktenchecks machen, Dinge aufgreifen und aufklären. Gerade mit einem jungen Publikum ist das sehr wichtig.


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