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Skandalöse Festnahme Bis zu 15 Jahre Haft: Diese Verbrechen will das Lukaschenko-Regime der Freundin von Protassewitsch anlasten

Belarus: Die Freundin des oppositionellen Aktivisten Roman Protassewitsch wird vom Geheimdienst KGB festgehalten 
Belarus: Sofia Sapega, Freundin des oppositionellen Aktivisten Roman Protassewitsch, wird vom Geheimdienst KGB festgehalten 
© Instagram/SAPEGA_SOFIA_
Sofia Sapega war zusammen mit ihrem Freund unterwegs nach Vilnius, als ihr Flug in Minsk landen musste und der Oppositionelle Roman Protassewitsch verhaftet wurde. Nun sitzt die junge Frau in Untersuchungshaft beim KGB. 

Als am 23. Mai am Flughafen in Minsk eine Ryanair-Maschine zur Landung gezwungen wurde, geriet nicht nur der belarussische Oppositionelle Roman Protassewitsch in die Gewalt des Diktators Alexander Lukaschenko, sondern auch seine Partnerin Sofia Sapega. Über den Grund der Festnahme der russischen Staatsbürgerin schweigen die belrussischen Behörden hartnäckig. Medienberichten zufolge werden ihr aber gleich drei vermeintliche Verbrechen zu Lasten gelegt. Der russische Dienst der BBC meldet nun auf Berufung auf eine interne Quelle, dass der jungen Frau die Verletzung der öffentlichen Ordnung, Organisation von Massenunruhen und Aufstachelung zu sozialem Hass vorgeworfen werden.

Während die Anwälte von Sapega sie in der Untersuchungshaft beim Geheimdienst KGB immer noch nicht aufsuchen konnten, berichtet die Quelle der BBC, dass gegen sie Untersuchungen wegen der Verstöße gegen die entsprechenden Paragrafen des belarussischen Strafgesetzbuchs eingeleitet worden sind.

Zunächst soll Sapega im August vergangenen Jahres an den Protesten gegen Lukaschenko teilgenommen haben. Dabei hätte sie gegen Artikel Nr. 342 verstoßen: "Organisation von Gruppenaktionen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen und mit einem eindeutigen Ungehorsam gegenüber den legitimen Anordnungen von Regierungsbeamten verbunden sind." Bei diesem Vergehen drohen bis zu drei Jahre Haft. Dabei soll sich die 23-Jährige zum Zeitpunkt der Proteste nach Aussagen mehrerer Zeugen gar nicht in Belarus aufgehalten haben. 

Das zweite Verbrechen, dessen sich Sapega schuldig gemacht haben soll wiegt schwerer. Artikel Nr. 293 sieht für die "Organisation von Massenunruhen, begleitet von Gewalt gegen Einzelpersonen, Pogromen, Brandstiftung, Zerstörung von Eigentum oder bewaffnetem Widerstand gegen Vertreter der Behörden" eine Freiheitsstrafe bis zu 15 Jahren vor. 

Und schließlich werde gegen die Russin gemäß Artikel Nr. 130 wegen "Aufstachelung zu rassistischer, nationaler, religiöser oder anderer sozialer Feindseligkeit oder Hass" ermittelt, so die Quelle der BBC. Sapega soll Administratorin des Telegram-Kanals "Schwarzes Buch von Belarus" gewesen sein, wo persönliche Daten von belarussischen Sicherheitskräften veröffentlicht worden waren. Hier drohen ihr bis zu zwölf Jahre Gefängnis. 

Druckmittel gegen Roman Protassewitsch? 

Beobachter vermuten, dass die inhaftierte Sapega als Druckmittel gegen Protassewitsch eingesetzt werden könnte. Der 26-Jährge Aktivist und Journalist gilt seit langem als Feind Nummer 1 des Lukaschenko-Regimes. Die belarussischen Behörden erhoffen sich nun von ihm, Informationen über das Netzwerk des oppositionellen Telegramm-Kanals Nexta herauszubekommen, das Protassewitsch mitbegründet hatte und das im vergangenen Jahr zum zentralen Organisationsmedium der Proteste geworden war.

Unterdessen meldete sich Mutter von Sapega zu Wort. "Ich bin bereit, jeden um Hilfe anzuflehen, damit das Leben unserer Tochter nicht zerstört wird", sagte Anna Duditsch der BBC am Donnerstag. "Wir können nicht fassen, dass uns dies widerfährt, unserer Tochter." Seit deren Festnahme habe sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter gehabt. Die letzte Textnachricht von Sapega habe nur ein einziges Wort enthalten: "Mama". Seitdem sei das Handy der Studentin nicht mehr erreichbar. Sapega lebt seit fünf Jahren in Vilnius und studiert in der Hauptstadt Litauens an der European Humanities University (EHU) Völkerrecht und Recht der Europäischen Union. 

Putin stärkt Lukaschenko den Rücken und schweigt zu Sapega

Am Freitag traf sich der russische Präsident mit Lukaschenko in Sotschi. Mehr als fünf Stunden berieten sich die beiden. Doch zur Festnahme von Sapega verlor der Kreml-Chef kein Wort. Und das obwohl der Kreml in anderen Fällen regelrechte Propganda-Kampagnen gestartet hat, um den Schein zu erwecken, dass der russische Staat seinen Bürgern stets zur Seite steht. So geschehen etwa im Fall von Maria Butina, einer Agentin, die in den USA republikanische Kreise infiltrierte und im Sinne russischer Interessen beeinflusste. 

Nun kandidiert Butina sogar für die russische Duma. Weil sie sich für den Beistand ihres Vaterlandes erkenntlich zeigen wolle, so die ehemalige Doppel-Agentin, die einst bereitwillig mit den US-Behörden kooperiert hatte, um eine längere Haftstrafe zu vermeiden. Ob Sapega auf die vielgerühmte Hilfe des russischen Staats hoffen kann, bleibt offen. 


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