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Nach erzwungener Ryanair-Landung Bizarre Pressekonferenz: Wie das Lukaschenko-Regime den inhaftierten Aktivisten Protassewitsch vorführt

Roman Protassewitsch, der während seines Interviews mit dem belarussischen Journalisten Marat Markau weint.
Das das vom belarussischen staatlich kontrollierten ONT-Kanal zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt den regimekritische Aktivisten und Blogger Roman Protassewitsch, der während seines Interviews mit dem belarussischen Journalisten Marat Markau weint.
© ONT Channel/AP / DPA
Seit drei Wochen befindet sich der belarussische Aktivist Roman Protassewitsch in der Gewalt von Alexander Lukaschenko. Zwei Mal legte er bereits tränenreiche, vermeintliche Geständnisse ab. Nun tauchte er plötzlich bei einer Pressekonferenz auf. Ein denkwürdiger Auftritt. 

Es war ein überraschender Zug, zu dem das belarussische Regime am Montag griff. Auf einer Pressekonferenz in Minsk, auf der Vertreter des belarussischen Untersuchungskomitees, des Verteidigungsministeriums und des Ministeriums für Zivilluftfahrt sprechen sollten, tauchte plötzlich Roman Protassewitsch auf – jener Regierungskritiker und Blogger, dessen Festnahme einen internationalen Skandal ausgelöst hat. Der Administrator des oppositionellen Telegram-Kanals Nexta war am 23. Mai am Flughafen von Minsk gemeinsam mit seiner Freundin festgenommen worden, nachdem die belarussischen Behörden das Ryanair-Flugzeug, in dem sie sich befanden, zur Landung gezwungen hatten. 

Seitdem befindet sich Protassewitsch in der Gewalt des Diktators Alexander Lukaschenko, in dessen Augen er seit August letzten Jahres zu den größten Feinden zählt. Damals stieg Nexta zum wichtigsten Informations- und Organisationskanal der Anti-Lukaschenko-Proteste auf. Umso denkwürdiger fiel nun der Auftritt des 26-Jährigen aus. 

Vor laufenden Kameras beteuerte Protassewitsch, dass er wohlauf sei und im Gefängnis nicht misshandelt werde. Gerüchte, Lukaschenko habe ihn persönlich bei Verhören misshandelt, wies er zurück. Auch die Berichte, sein Geständnis sei unter Folter und Druck entstanden, bezeichnete er als Fake News. "Ich fühle mich wunderbar. Ich kann mich über nichts beschweren. Niemand hat mich geschlagen, ja nicht einmal mit dem Finger angerührt", erklärte Protassewitsch. 

"Das ist keine Pressekonferenz, sondern eine Szene, die an Orwell erinnert"

Die belarussische Opposition spricht dem Auftritt jedoch jede Glaubwürdigkeit ab. Der 26-jährige Journalist sei "eine Geisel" der Regierung, twitterte der Berater der belarussischen Oppositionsführerin Swetlana Tichanowsjaka, Franak Wiacorka. "Das ist keine Pressekonferenz, sondern eine Szene, die an Kafka oder Orwell erinnert."

Journalisten des britischen Senders BBC hatten noch während der Veranstaltung aus Protest gegen Protassewitschs Auftritt den Raum verlassen. "Wir nehmen nicht teil, wenn er eindeutig gezwungen wird", twitterte BBC-Reporter Jonah Fisher.

Die britische Regierung verurteilte die Veranstaltung scharf. "Die andauernde Misshandlung des Journalisten Roman Protassewitsch in Belarus ist inakzeptabel", twitterte Außenminister Dominic Raab am Dienstag. "Die gestrige Pressekonferenz, bei der Roman eindeutig unter Zwang gehandelt hat, markiert einen neuen Tiefpunkt der Angriffe des Regimes von (Machthaber Alexander) Lukaschenko auf die Menschenrechte." Raab forderte, Protassewitsch freizulassen und die Pressefreiheit zu verteidigen.

Aus Protassewitsch spricht Lukaschenko

Tatsächlich lässt sich in den Aussagen Protassewitsch eindeutig die ideologische Linie des Regimes erkennen. So erklärte der junge Mann, die eigentlichen "Geiseln der Situation" seien seine Eltern. "Sie werden benutzt. Sie starten jetzt irgendwelche Protest-Aktionen. Hinter ihnen Rücken stehen jedoch konkrete politische Akteure." 

Für Lukaschenko stehen stets hinter jeglichen kritischen Stimmen "politische Akteure", natürlich aus dem Westen, die Belarus schaden wollen – so die offizielle Darstellungsweise. 

Komplimente für Lukaschenko 

Der Vater des Bloggers, Dmitri Protassewitsch, erklärte unterdessen im Gespräch mit der "Bild", seine Briefe würden seinem Sohn nicht zugestellt werden. "Auch seine Anwältin kann mit uns nicht frei am Telefon reden", sagte er. "Stattdessen wurden von der Staatsmacht schon zwei Videos veröffentlicht, in denen er erzwungene Geständnisse ablegt." Dabei sehe man deutliche Folterspuren. Seine Nase sei schief. Sie sei wahrscheinlich gebrochen. Am Hals habe er blaue Flecken. "Eine Expertin sagte uns, dass das Würgemale seien." Die Eltern von Protassewitsch leben im polnischen Exil.

Vor knapp zwei Wochen hatte das belarussische Fernsehen ein 90-minütiges Interview mit Protassewitsch ausgestrahlt, in dem der 26-Jährige seine oppositionellen Aktivitäten bereute und unter Tränen ein erneutes Geständnis ablegte. Er respektiere den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko und betrachte ihn als "einen Mann mit Eiern aus Stahl", sagte der Aktivist. 

Eine Beschreibung, die Lukaschenko zu gut gefallen wird. Der Diktator lässt sich von seinen Geheimdienstlern schon mal gern als "harte Nuss" bezeichnen. 


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