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Yahoo-Mitgründer David Filo: "Geld im Überfluss, auch für dumme Ideen"

Das Silicon Valley boomt wieder. Ist diesmal alles anders? Im Exklusiv-Interview mit stern.de spricht Yahoo-Mitgründer David Filo über das Auf und Ab der Technikwelt, Microsofts Übernahmeangebot und Dot-com-Hilfe für den Klimaschutz.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Wer sich dieser Tage im Silicon Valley umschaut, könnte auf den Gedanken kommen, dass Zeitreisen gegen alle Gesetze der Physik doch möglich sind. "Party Like It's 1999" scheint, in Anlehnung an Popstar Prince, das Motto der Fete zu sein, die das kalifornische Tal der Technik ausgelassen feiert. Überall zwischen San Francisco und San Jose schießen junge Firmen aus dem Boden, hören sich Investoren die neuesten Ideen an, werfen Stanford- und Berkeley-Studenten ihre Doktorarbeit in die Ecke, um den nächsten großen Boom nicht zu verpassen.

Im vorigen Jahr verteilten Risiko-Kapitalgeber 5,9 Milliarden Dollar an finanzieller Starthilfe - fast elf Prozent mehr als 2006, berichtet das "Joint Venture Silicon Valley" in seinem jüngsten Jahresbericht. Mehr als eine Milliarde davon ging nicht an Dot-coms und Chip-Entwickler, sondern Gründer, die sich vorgenommen haben, die Welt zu retten: "Cleantech", saubere Technologie zur Energiegewinnung aus Sonne, Wasser, Wind - das ist die neueste Vision, die viele Herzen im Silicon Valley höher schlagen lässt und Träume von Reichtum nährt. Zumindest bei all jenen, die nicht damit beschäftigt sind, das nächste Social-Networking-Phänomen à la MySpace und Facebook zu erfinden.

Abseits davon, gut 1200 Kilometer nördlich in Redmond bei Seattle, sitzt ein Riese, an dem der zweite Internet-Boom bisher weitgehend vorbeigegangen ist: Microsoft. Um den Zug nicht zu verpassen, kaufte sich der Software-Gigant im vorigen Jahr ein Schnipselchen von Facebook - 1,6 Prozent für 240 Millionen Dollar. Hochgerechnet ergab sich so für das vier Jahre alte soziale Netzwerk ein Wert von 15 Milliarden US-Dollar. Den nächsten Fisch wollte Microsoft-Chef Steve Ballmer komplett schlucken: 44,6 Milliarden Dollar legte er Anfang Februar für Yahoo auf den Tisch, mit etwa 500 Millionen registrierten Nutzern das weltgrößte Internetportal und hinter Google die Nummer zwei unter den Suchmaschinen. Im Interview mit stern.de erklärt Yahoo-Mitgründer David Filo, warum die Firma, die 11,000 Mitarbeiter beschäftigt und im vorigen Jahr sieben Milliarden Dollar einnahm, das Microsoft-Angebot ausgeschlagen hat.

Herr Filo, Ihr offizieller Titel lautet "Chief Yahoo" Was macht man da den ganzen Tag?

Bis vor kurzem habe ich als Technikchef ausgeholfen. Es ging darum, alle Züge am Laufen zu halten, im Tagesgeschäft genau wie in der Entwicklung. Jetzt, da wir Ari Balogh als "Chief Technology Officer" gefunden haben, kümmere ich mich mehr um die technisch-strategische Ausrichtung der Firma, arbeite aber weiter eng mit unseren Top-Ingenieuren zusammen, um unsere Strategie voranzutreiben.

Schlafen Sie noch manchmal unter dem Schreibtisch, so wie in Yahoos Anfangstagen?

Nein, das kommt heute eher selten vor. (Grinst.) Aber es stimmt, früher ging es manchmal nicht anders. Das Internet kennt ja keine Pause, man muss rund um die Uhr auf Draht sein, 365 Tage im Jahr. Das heißt, wenn nachts um zwei Uhr etwas schiefgeht, muss man schnell reagieren können. Meine Wohnung lag zwar in der Nähe unseres Büros, aber zu Hause hatte ich nur eine langsame Modem-Verbindung; die nützte nicht viel. An Urlaub war damals natürlich auch nicht zu denken.

Immerhin, es hat sich gelohnt. Ist Ihnen und Jerry Yang je in den Sinn gekommen, dass Yahoo einmal ein globaler Internetgigant werden könnte?

Nein, überhaupt nicht. Als wir anfingen, war Yahoo für uns nicht mehr als ein Hobby. Niemand hat damals das Internet als großes Geschäft gesehen. Es war eine akademische Einrichtung, die von Forschern genutzt wurde, und es gab praktisch keine kommerziellen Webseiten. Im Rückblick kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Natürlich hätten wir nie gedacht, dass Yahoo einmal eine Weltmarke werden würde, ein Unternehmen mit vielen tausend Mitarbeitern, das Milliarden umsetzt und Gewinn abwirft. Das ist schon großartig. Die Tatsache, dass es uns noch gibt, dass wir in vielerlei Hinsicht ganz vorn mit dabei sind und auch noch so erfolgreich - das ist sehr befriedigend und weit mehr, als wir je erwartet hätten.

Und wenn Sie in die Zukunft schauen?

Die Zukunft hat ja immer etwas mit Überraschung zu tun und liegt sozusagen im Nebel. Das gilt natürlich ganz besonders im Internet, wo der Konkurrenzkampf so groß ist und alles sich ständig ändert. Einerseits scheint es schwer vorstellbar, dass es uns gelingen kann, auch die nächsten zehn Jahre so erfolgreich zu meistern; andererseits geben viele schlaue Leute hier ihr Bestes, um dieses Ziel zu erreichen.

Wenn Erfolg im Internet über Nacht verfliegen kann, warum haben Sie dann das Übernahmeangebot von Microsoft ausgeschlagen? Wäre es nicht schlau, sich mit einem starken Partner zu verbünden?

Uns bietet sich ein enormer neuer Markt: Weltweit soll der Umsatz mit Internetwerbung von derzeit 45 Milliarden Dollar auf 75 Milliarden Dollar im Jahr 2010 wachsen. Yahoo ist in einer einzigartigen Position, das Beste daraus zu machen. Unsere Marke und unsere Nutzer, unsere Technologie und finanzielle Stärke, die Beziehung zu unseren Partnern in der Anzeigenwelt - all das fügt sich zusammen, um Yahoo eine wertvolle Führungsposition in diesem Markt zu geben.

Das klingt wieder mächtig nach Goldrausch. Kommt Ihnen das, was Sie derzeit im Silicon Valley sehen, aus "New Economy"-Boomzeiten bekannt vor?

In der Wirtschaft kommt und geht alles in Wellen, das gilt auch für das Internet. Nach dem Platzen der "Dot-com"-Blase befinden wir uns seit einiger Zeit wieder im Aufwind. Man muss sich nur ansehen, wie viel Kapital in junge Firmen fließt. Es gibt auch schon wieder viele Startups, die sich verrückte Sachen einfallen lassen, ohne ein solides Geschäftsmodell zu besitzen. Aber es ist noch kein Vergleich zum Jahr 2000. Solche Zyklen laufen jedes Mal anders ab, und damals ging es noch um einiges verrückter zu. Wird es eines Tages eine Korrektur nach unten geben? Ganz bestimmt. Das ist der natürliche Lauf der Dinge: In harten Zeiten traut sich keiner, etwas Neues zu finanzieren, und dann wollen plötzlich alle mitmachen. Prompt gibt es Geld im Überfluss, auch für dumme Ideen - bis das Pendel zurückschwingt in die andere Richtung.

War das bei Ihnen anders? Hatte Yahoo von Anfang an ein Geschäftsmodell?

Ich denke schon, dass es etwas anderes war. Zunächst mal haben wir lediglich eine Million Dollar als Startkapital erhalten - eine eher kleine Summe, besonders im Vergleich zu dem, was später viele andere bekamen. Zum anderen erkannte unser Investor, Mike Moritz, wie viel Potenzial in Yahoo steckte: Es stimmt schon, wir hatten zu Anfang keinerlei Einkünfte und auch kein Geschäftsmodell. Aber es war klar, dass Yahoo gute Chancen haben würde, ein Erfolg zu werden, wenn sich das Internet durchsetzt. In gewisser Weise hat Mike also auf den Erfolg des Internets ganz allgemein gewettet, und das galt auch für Jerry und mich. Wir haben Stanford den Rücken gekehrt, weil wir die Möglichkeit sahen, mit Yahoo Geld zu verdienen. Wir wussten zwar noch nicht genau wie, aber wir glaubten fest daran, dass es geht. Andernfalls hätten wir sicher an der Doktorarbeit weitergearbeitet.

Die Rechnung ist aufgegangen: Laut Wirtschaftsmagazin "Forbes" sind Sie heute mit einem Vermögen von zwei Milliarden Dollar einer der reichsten Amerikaner ...

Dazu möchte ich nichts sagen.

Dennoch: Wie wichtig ist Geld - die Aussicht, reich zu werden - im Silicon Valley?

Es ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt. Es gibt eine bestimmte Gruppe von Menschen, ob es nun Firmengründer sind oder Risiko-Investoren, die als oberstes Ziel haben, ein Vermögen zu machen. Diese Menschen sind ganz entscheidend für den Erfolg, den das Silicon Valley hat. Aber darüber hinaus gibt es weit mehr Menschen, für die Geld nur ein Aspekt von vielen ist. Gute Softwareentwickler wollen sich für ihre Aufgabe begeistern können, und wenn sie nicht das Gefühl haben, an etwas mitzuarbeiten, das langfristig der Gesellschaft dient, dann ist es sehr schwer, sie für sich zu gewinnen und anschließend in der Firma zu halten.

Was unternimmt Yahoo, jenseits von üppigen Gehältern, um mitzuhalten beim Wettbewerb um gute Mitarbeiter?

Wir versuchen, einen aufregenden Arbeitsplatz zu schaffen. In der Technikwelt bedeutet das in erster Linie: schwierige Probleme bieten. Das ist das, was viele Leute mitreißt - je größer die Herausforderung, umso besser. Dann ist am Ende auch die Befriedigung am größten. Wir haben das Glück, uns auf einem Gebiet zu bewegen, auf dem es von kniffligen, aufregenden Aufgaben nur so wimmelt. Das liegt zum Teil schlicht an der Größe: Bei uns geht es inzwischen darum, mit unseren Diensten den ganzen Erdball abzudecken, also reden wir potenziell von Milliarden an Nutzern. Dazu kommt das gigantische Ausmaß des Internets, das immer weiter wächst. Daraus ergeben sich wirklich schwierige Herausforderungen, und wir sind froh darüber.

Als eines der größten Probleme gilt allgemein der Klimawandel. Das scheint "Cleantech", Technik für eine saubere Zukunft, zum aktuellen Lieblingsthema im Silicon Valley gemacht zu haben.

Es ist sicher ein Thema, das die Menschen in dieser Gegend bewegt. Viele halten ein waches Auge auf die Umwelt und sind sehr motiviert, Lösungen für die beiden großen Herausforderungen zu finden: Klimawandel und saubere Energiegewinnung. Die allgemeine Auffassung ist, dass es sich dabei um ein technisches Problem handelt; wenn wir es lösen wollen, müssen wir neue Technologien entwickeln, und das ist ein Gedanke, für den sich viele hier begeistern können - im Silicon Valley ganz allgemein, aber auch bei uns im Unternehmen.

Google hat sich vorgenommen, erneuerbare Energien billiger zu machen als Strom, der aus Kohle gewonnen wird - was tut Yahoo?

Wir versuchen, auf unsere Weise einen Beitrag zu leisten. Zunächst haben wir das Glück, Teil einer Branche zu sein, die ohnehin recht sauber ist: Wir produzieren Bits, elektronische Recheneinheiten, und sonst nichts. Es gibt keine qualmenden Schornsteine, und wir fressen auch keine Ressourcen in atemberaubendem Tempo.

Bis auf Strom: Server-Farmen verbrauchen enorme Mengen an Energie ...

Richtig, das ist unser größter Umwelteinfluss, und daran arbeiten wir, so gut wir können. Seit dem vorigen Jahr hat Yahoo sich verpflichtet, CO2-neutral zu sein. Deshalb versuchen wir, erneuerbare Energien zu nutzen - etwa aus Sonnen- oder Windkraft. Und falls das nicht möglich ist, suchen wir nach anderen Wegen, unseren Einfluss auf die Umwelt zu minimieren: Wir bemühen uns, Flüge durch Telekonferenzen zu ersetzen, reduzieren den Stromverbrauch in unseren Datencentern und investieren in Windfarmen in Indien. Der größte Einfluss, den wir haben können, besteht allerdings darin, die halbe Milliarde Menschen zu informieren, die regelmäßig Yahoo nutzen, damit sie ihr Verhalten ändern können. Deshalb haben wir die Seite "green.yahoo.com" geschaffen.

Und Sie persönlich? Stehen Sie auch schon auf der Warteliste für den Elektrosportwagen von Tesla Motors, auf den George Clooney, die Google-Gründer und viele andere ungeduldig warten?

Nein. 100.000 Dollar für ein Auto? Das finde ich ein bisschen übertrieben. Ich warte auf ein billigeres Fahrzeug mit Elektroantrieb. Im Augenblick beschränken meine Frau und ich uns auf einen Toyota Prius mit Hybridantrieb.