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Südkorea: 16-jährige Koreanerin geht freiwillig in ein staatliches Entzugscamp – wegen ihrer Handysucht

Eines Tages hat Chae-rin es selbst eingesehen: Sie hatte die Nutzung ihres Smartphones nicht mehr im Griff. Die 16-Jährige entschloss sich, zwölf Tage in einem Camp zu verbringen, in dem Jugendliche von ihrer Sucht geheilt werden sollen. Das Programm war erfolgreich.

Drei weibliche Teenager sitzen in Seoul im Bus und jeder guckt auf sein Handy

Durch den hohen schulischen Druck und wenig Freizeit sind Kinder und Teenager in Südkorea besonders gefährdet, sich Ablenkung über das Smartphone zu verschaffen

Getty Images

Yoo Chae-rin hat die Kontrolle über ihr Leben verloren, genauer gesagt über die Zeit, die sie mit ihrem Smartphone verbringt. So richtig bewusst wurde ihr das, als sie um vier Uhr morgens ausrechnete, dass sie ihr Handy seit 13 Stunden in der Hand hielt und in drei Stunden wieder aufstehen musste, um zur Schule zu gehen. "Selbst wenn ich im Kopf wusste, dass ich aufhören sollte, mein Smartphone zu benutzen, machte ich weiter", zitiert CNN das 16-jährige Mädchen aus Seoul. "Ich konnte nicht aufhören und blieb deshalb bis zum Morgengrauen online." Chae-rin beschloss, ihr Problem zu bekämpfen und meldete sich zu einem Camp an, das der Staat für Teenager anbietet, die ihr Telefon nicht aus der Hand legen können.

Südkorea gehört zu den Ländern mit der höchsten Eigentumsrate von Smartphones in der Welt. Mehr als 98 Prozent der Teenager nutzten 2018 eines, wie der Staat ermittelte, und viele von ihnen zeigten Anzeichen von Sucht. 30 Prozent der Kinder zwichen 10 und 19 Jahren wurden laut dem Ministerium für Wissenschaft, Information und Kommunikationstechnologie im vergangenen Jahr als "zu abhängig" klassifiziert. Das bedeutet, dass ihr Nutzungsverhalten ernsthafte Konsequenzen zeigte, auch den Verlust der Selbstkontrolle.

Staatliche Hilfe gegen die Online-Sucht

Für Kinder wie Chae-rin sind die staatlichen Camps gegen Internetsucht ausgelegt. Das Programm existiert bereits seit 2007 und wurde 2015 um die Handysucht erweitert. In diesem Jahr finden 16 Camps über das ganze Land verteilt statt, rund 400 Mittel- und Oberstufenschüler nehmen teil. Für manche Eltern sind die Institutionen die letzte Rettung. "Ich glaube, sie senden ihre Kinder hierher, weil sie den verzweifelten Wunsch haben, die Hilfe eines Experten zu bekommen", zitiert CNN Yoo Soon-duk, die Direktorin der Jugendberatung und Sozialstation in Gyeonggi-do ist und im Norden der gleichnamigen Provinz eines der Camps für Teenager leitet.

Für Chae-rin hatte ihre Smartphonesucht auch schulische Konsequenzen. Während sie in der Mittelstufe noch zu den Durchschnittsschülern gehörte, sank ihre Leistung in der Oberstufe auf das Niveau der Schlusslichter der Klasse. Sie blieb lange wach, las ihren Facebook-Feed, spielte mit der Kamera-App und chattete mit ihren Freunden über den südkoreanischen Instant Messenger KakaoTalk. "Ich fühlte mich, als würde mein Realitätssinn schwinden", zitiert CNN das Mädchen. "Selbst wenn ich einen lustigen und produktiven Tag mit meinen Freunden hatte, fühlte es sich an wie im Traum."

Die Kommunikation in der Familie nahm ab

Ihr Vater Yoo Jae-ho machte sich immer mehr Sorgen um das Mädchen. "Es gab kaum noch Unterhaltungen in der Familie", sagte er CNN. "Wenn ich mit ihr über das Telefon sprach, gab es unweigerlich Streit." Seine Zeitbegrenzung auf zwei Stunden pro Tag wusste die Tochter stets zu umgehen. Bis es Klick machte und Chae-rin selbst die Idee hatte, im Juli an dem Camp teilzunehmen. Am Tor musste sie ihr Telefon abgeben, zum ersten Mal seit Jahren trug sie es nicht mehr bei sich, und begann mit dem zwölftägigen Entzug.

Für die Eltern kostet der Aufenthalt eines Kindes lediglich einen Beitrag fürs Essen von 100.000 Won, umgerechnet rund 75 Euro. Jedes Camp nimmt 25 Teenager auf, Jungen und Mädchen werden nach Geschlecht getrennt. Die Beschäftigung der Jugendlichen reicht von Schnitzeljagden bis zu künstlerischen oder handwerklichen Tätigkeiten und Sport. Parallel sind sie verpflichtet, an Einzel-, Gruppen- und Familienberatungssitzungen teilzunehmen, in denen ihr Smartphoneverhalten diskutiert wird. 30 Minuten vor der Bettzeit wird meditiert.

Schulstress und Leistungsdruck führen zur Flucht ins Internet

"Ab dem dritten Tag sieht man, wie sie sich verändern", berichtet Yoo Soon-duk CNN. Dann ist die Zeit vorbei, in der sie mit einem gequälten Gesicht herumlaufen, die Jugendlichen beginnen, mit Freunden abzuhängen. Neben den Jugendcamps gibt es bereits welche für Grundschüler, die während der Schulzeit stattfinden.

In Südkorea verschärfen soziale Zwänge das Problem der Smartphonesucht. Neben der hohen schulischen Belastung werden viele Kinder noch in Leistungsförderungsklassen geschickt, sodass ihnen wenig Zeit für andere Aktivitäten bleibt. Durch den Stress entsteht ein Dopaminmangel im Gehirn, das Smartphone wird zur einzigen Ablenkung für die Kinder und Jugendlichen. Mit der Zeit kann die Internetsucht laut der World Health Organization (WHO) zu sozialer Isolation führen.

Einen Monat nach ihrer Zeit im Camp nutzt Chae-rin ihr Telefon nun rund zwei bis drei Stunden pro Tag, vorher waren es sechs bis sieben Stunden. Einer der Betreuer des Camps hat ihr erklärt, warum sie so viel Zeit am Smartphone verbringt: Sobald eine App sie langweilt, wechselt sie zur nächsten, dann zur nächsten und so weiter. "Vorher konnte ich nicht aufhören, selbst wenn ich wusste, ich sollte", sagte Chae-rin CNN, "aber wenn ich jetzt aufhören will, kann ich es umgehend."

Quellen: WHO, CNN

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