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Handy-Tarife: Das Ende der Zweijahres-Bindung? Wie neue Tarife den Mobilfunk-Markt aufbrechen

24 Monate Laufzeit - das war bei Mobilfunktarifen viele Jahre so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch mit der wachsenden Konkurrenz steigt auch die Kreativität der Anbieter. Die experimentieren fleißig - von täglich kündbar bis zur Abbuchung einmal im Jahr.

Der Mobilfunk-Markt ist erheblich flexibler als noch vor wenigen Jahren 

Der Mobilfunk-Markt ist erheblich flexibler als noch vor wenigen Jahren 

Getty Images

Es ist ein ungewöhnliches Angebot, das Aldi da gerade macht: 60 Euro zahlt man für ein Jahr Handy-Nutzung im Voraus - inklusive unbegrenzten Anrufen und SMS sowie 12 GB Datenvolumen. Das Volumen ist dabei für das ganze Jahr vorgegeben. Wer also im Alltag wenig verbraucht, hat etwa mehr für den Urlaub. Wer am Jahresanfang prasst, muss am Ende sparsam sein oder draufzahlen. Der Tarif bricht mit vielen Gewohnheiten der Kunden - und zeigt eine interessante Bewegung im Mobilfunkmarkt.

Der ist in den letzten Jahren erstaunlich flexibel geworden. Nachdem man jahrzehntelang nur die Wahl zwischen Zweijahresverträgen und Prepaid-Tarifen auf Guthabenbasis hatte, haben sich die Provider mächtig bewegt. Durch die stetig wachsende Zahl an Anbietern sind nicht nur die Preise gepurzelt: Die Provider setzen sich auch immer öfter mit ungewöhnlichen Tarif-Modellen von der Konkurrenz ab und bieten so deutlich mehr Auswahl.

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Das Ende der Einheits-Lösung

So ist es mittlerweile gang und gäbe, dass sich auch klassische monatlich abgerechnete Tarife monatlich, wöchentlich oder gar täglich kündigen lassen. Der Anbieter Freenet dachte sich im Sommer gar eine noch radikalere Variante aus: Der Tarif, und auch sein Inklusivvolumen, gilt immer nur einen Tag - und muss auch täglich bezahlt werden. Wer täglich viele Daten verbrauchte, bekam bei Freenet zudem eine enorm günstige vollwertige Flat, die Gelegenheitsnutzer konnten den Tarif immer wieder pausieren und nur bei Bedarf aktiv nutzen. 

Und nun also der Jahrestarif. Ganz neu ist die Aldi-Idee nicht: Auch Tchibo Mobil bietet seit Mitte des Jahres einen Ein-Jahres-Tarif an, der vorab bezahlt werden muss. Einmal bezahlt, erinnert das 100 Euro teure Tchibo-Paket aber doch wieder an einen klassischen Tarif: Das Datenvolumen von 1,5 GB gibt es jeden Monat neu, ansparen wie beim Aldi-Tarif ist nicht möglich. Allerdings gibt es dadurch auch nicht die Gefahr, dass nach zehn Monaten die Daten für das ganze Jahr verbraten sind.

Die neuen Tarife haben alle eines gemein: Sie bieten den Kunden Optionen, die es so vorher nicht gab. Wer am liebsten gar nicht über seinen wenig genutzten Tarif nachdenkt, kauft das Ein-Jahres-Paket - und muss bei moderater Internetnutzung einfach nur seinen Tarif nutzen. Wer immer den günstigsten Tarif will, baut auf die kurzen Kündigungsfristen. Und dazwischen gibt es mittlerweile für nahezu jeden eine passende Zwischenstufe. Selbst Datenmuffel finden wieder Angebote: Nachdem es jahrelang Telefonflats nur gemeinsam mit einer Datenflat gab, kann man nun wieder ohne schwatzen und simsen - für nur knapp vier Euro im Monat.

Nicht jeder Ansatz funktioniert

Den wohl wichtigsten Vorteil des klassischen Zwei-Jahres-Vertrags können die neuen Angebote aber nicht bieten: die Verlässlichkeit. So handelt es sich bei den Jahrestarifen von Tchibo explizit um Aktionsware, ob es sie im nächsten Jahr nochmal geben wird, steht in den Sternen. Auch die schnellen Kündigungsfristen haben ihre Tücken: Sie gelten auch für die Anbieter - und die machen davon auch Gebrauch.

Freenet kam bereits zweimal deswegen in die Schlagzeilen. So warf der Anbieter im Sommer Kunden heraus, die ihre Datenflatrate überstrapazierten, indem sie die Karte in einen LTE-Router steckten und Hunderte Gigabyte Daten über mehrere Geräte durch die Leitung jagten. Auch die Pausen-Funktion wurde vor kurzem stark überarbeitet. Bisher durfte man ständig eine Pause machen, nach zwei Wochen wurde der Vertrag wieder für einen Tag aktiviert. Ab 2020 hat man im Jahr nur noch 30 Tage Pause kostenfrei. Für jeden weiteren will Freenet 29 Cent kassieren. Für Kunden, die ihre Karte nur mal in der Gartenlaube oder für Zugfahrten nutzten, wird der Tarif dadurch erheblich unattraktiver. Ihnen bleibt so eine Option weniger.

Trotz des gelegentlichen Scheiterns haben die Experimente der Provider etwas Gutes: Mit den Angeboten können sowohl sie als auch die Kunden ausprobieren, welche Tarif-Konzepte auch im Alltag funktionieren - und welche auf Dauer doch nicht attraktiv für einen der Vertragspartner sind. Auch der Zwei-Jahres-Vertrag muss sich nun beweisen.

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