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Auktion von Mobilfunkfrequenzen Was bringt das Handynetz der Zukunft?


Die Bundesnetzagentur versteigert neue Mobilfunkfrequenzen - die die Netzbetreiber dringend brauchen, weil mobiles Surfen beliebter wird. Was Sie über das Handynetz der Zukunft wissen müssen.
Von Ralf Sander

Am Montag hat die bislang größte Auktion für Mobilfunkfrequenzen in Deutschland begonnen. Sie werden für die vierte Mobilfunkgeneration LTE benötigt, die deutlich schnelleres Internet bietet als die bisherigen Handynetze, aber auch als DSL- oder Kabelanschlüsse. Wir beantworten die wichtigen Fragen zum Mobilfunk der Zukunft.

Worum geht es bei der Versteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen?

Die Bundesnetzagentur versteigert von Montag an neue Mobilfunkfrequenzen. Darunter befindet sich die so genannte digitale Dividende - Frequenzen, die durch die Digitalisierung des Fernsehempfangs über Antenne (DVB-T) frei geworden sind. Zusätzlich werden Frequenzen in drei weiteren Bereichen versteigert. Insgesamt sind 41 Frequenzblöcke zu vergeben mit einem Spektrum von rund 350 Megahertz. Das ist ungefähr das zweieinhalbfache Volumen im Vergleich zur Versteigerung der UMTS-Frequenzen im Jahr 2000. Einige der zur Versteigerung stehenden Frequenzbereiche sind für die beiden bereits seit vielen Jahren genutzten Mobilfunktechniken GSM und UMTS vorgesehen. Besonderes Augenmerk liegt aber auf den Frequenzblöcken, die für die Mobilfunktechnik der kommenden vierten Generation eingeplant sind: Dieser Nachfolger von UMTS heißt Long Term Evolution (LTE). Zur Auktion zugelassen wurden die Deutsche Telekom, Vodafone, O2 und E-Plus. Die Unternehmen sind auf zusätzliche Frequenzen angewiesen, da Multifunktionshandys wie Apples iPhone die Datennutzung explodieren lassen. Vor dem Start haben die Bieter sogar bereits einen größeren Bedarf angemeldet, als Frequenzen verfügbar sind. (Weitere Informationen über die wirtschaftlichen Aspekte der Versteigerung bietet der Artikel "Showdown ums mobile Internet")

Was bedeutet Long Term Evolution?

Long Term Evolution (LTE) ist das kommende Mobilfunksystem der vierten Generation (4G). LTE ist vollständig auf die Übertragung von Daten ausgerichtet. Für die Übertragung von Sprache sind die bestehenden Standards GSM und UMTS völlig ausreichend. Die angestrebten Datenübertragungsgeschwindigkeiten sind beeindruckend: LTE wäre rund doppelt so schnell wie der aktuell schnellste VDSL-Anschluss zu Hause und mehr als zehnmal leistungsfähiger als die zurzeit schnellste Mobilfunk-Technik HSDPA (die auf UMTS aufbaut). Damit werden beispielsweise Videokonferenzen in fahrenden Autos möglich. In einigen asiatischen Ländern wird LTE bereits großflächig eingesetzt. Um LTE auch in Deutschland anbieten zu können, brauchen die Betreiber die jetzt versteigerten Frequenzen.

Warum ist das kommende Mobilfunknetz so wichtig für Kleinstädte und Dörfer?

Die Bundesregierung will mit der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen die digitale Kluft zwischen gut versorgten Ballungszentren und nur schlecht mit schnellen Internetzugängen ausgestatteten ländlichen Regionen auffüllen. Die Netzbetreiber, die an der Auktion teilnehmen, müssen sich an strenge Vorgaben halten: Jedes Unternehmen verpflichtete sich, im Falle des Kaufs ab dem 1. Januar 2016 in allen Bundesländern einen Versorgungsgrad von 90 Prozent zu erreichen. Erst wenn Gemeinden und Städte mit höchstens 5.000 Einwohnern schnelle Internetanschlüsse bekommen haben, dürfen die Unternehmen die lukrativere Versorgung von größeren Städten angehen. Für die Versorgung auf dem Land ist besonders der niederfrequente Bereich um 800 Megahertz nützlich, auf dem früher die analogen Signale für den Fernsehempfang per Antenne gesendet wurden. Denn je niedriger die Frequenz einer elektromagnetischen Welle, desto höher ist ihre Reichweite. Das bedeutet: Ländliche Gebiete lassen sich auf diese Weise relativ kostengünstig versorgen, weil nicht so viele Sendemasten benötigt werden.

Vor welchen technischen Problemen wird gewarnt?

Einige Experten fürchten, dass LTE den Fernsehempfang stört. Thomas Schierbaum, Fachmann beim Institut für Rundfunktechnik in München, warnt im "Spiegel": Die rund 20 Millionen seit 2004 verkauften DVB-T- und DVB-S-Receiver könnten im schlimmsten Fall nutzlos werden. Grund: Die Funkfrequenzen werden neu geordnet, wodurch Handys oder Computer in einem Bereich senden würden, der sehr nahe an dem zur digitalen Verbreitung von Fernsehprogrammen liegt. "Dass es Störungen geben wird, ist unstrittig", sagte Jochen Mezger vom Institut für Rundfunktechnik (IRT) dem "Tagesspiegel". Nur das Ausmaß sei noch unklar. Die Bundesnetzagentur habe es versäumt, solche Störungen etwa durch eine vernünftige Frequenz-Koordination schon im Vorfeld auszuschließen, kritisiert Michael Bobrowski vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Auch wer die Kosten für die Beseitigung möglicher Störungen übernehme, sei nicht geklärt. Einschränkungen durch die neue Handytechnik sind auch für den Betrieb von Funkmikrofonen zu erwarten, wie sie in Musikstudios und Veranstaltungshallen, im Theater, auf Open-Air-Konzerten und Sportevents verwendet werden. Wer diese Geräte benutzt, wird sich auf einen schmaleren Frequenzbereich als bisher beschränken müssen.

Was sagen Umweltschützer zum Ausbau des Mobilfunknetzes?

Umweltschützer warnen vor einem massiven Ausbau von Mobilfunknetzen. Vor allem in ländlichen Regionen, wo es an leistungsfähigen Glasfaserkabeln mangele, sei mit erhöhten Elektrosmog-Belastungen zu rechnen, sagt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die gesundheitlichen Langzeitwirkungen seien bisher noch nicht richtig erforscht. Es gebe jedoch eine Reihe von Studien, die zeigten, dass die Mobilfunkstrahlung Menschen, Tieren und Pflanzen schade, so die Umweltschützer. Matthias Kurth, der Präsident der Bundesnetzagentur, die die Funkfrequenzen versteigert, entgegnet auf die Vorwürfe: "Ich glaube, die gesundheitlichen Risiken sind so vielfältig geprüft und bewertet, dass man schon sagen kann, dass davon keine signifikanten Gefahren ausgehen."

Werden Telefonieren und mobile Datenübertragung billiger oder teurer?

Wer den Zuschlag auf der Auktion erhält, auf den kommen immense Kosten zu. Zum einen für den Erwerb der Frequenzen an sich: Die Bundesnetzagentur erwartet Einnahmen im Milliardenbereich. Zum anderen erfordert der darauf folgende technische Ausbau des Mobilfunknetzes hohe Investitionen. Für den Kunden bedeutet das: Wer die neue Technik sofort nutzen will, wird vermutlich mehr zahlen als bisher für UMTS. Experten erwarten dennoch, dass der Wettbewerb zwischen den Mobilfunkbetreibern relativ schnell zu einem Verfall der Preise führen wird, wie es auch nach der Einführung von UMTS geschehen ist.

Brauche ich einen neuen Mobilfunkvertrag?

In den zurzeit gültigen Mobilfunkverträgen ist von der künftigen Technik keine Rede, und wer die sowieso nicht nutzen will, braucht sich um nichts zu kümmern. Es ist aber davon auszugehen, dass die Mobilfunkanbieter es ihren Kunden so leicht wie möglich machen wollen, die superschnelle Datenübertragung zu nutzen. Vertragsänderungen sollten also sehr einfach möglich sein.

Benötige ich für LTE ein neues Handy?

Ja. Keines der derzeit in Europa und den USA verfügbaren Mobiltelefone ist für die vierte Generation des Mobilfunks vorbereitet. Und die LTE-Handys aus Asien werden hierzulande nicht vertrieben. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona im Februar hatte es geheißen, LG Electronics werde erste LTE-Handys noch dieses Jahr in den Handel bringen. Der US-Netzbetreiber Verizon wiederum hat als erster amerikanischer Anbieter ein LTE-Handy ankündigt - für 2011. Ob in diesem Jahr tatsächlich noch 4G-Telefone auf dem Markt kommen, ist alles andere als sicher. Die ersten Geräte, die das neue Netz nutzen können, werden keine Mobiltelefone, sondern Steckkarten und USB-Sticks für Notebooks sein.

Benötige ich für LTE ein neues Notebook?

Nein. Notebooks können mit Erweiterungskarten oder USB-Sticks für LTE fit gemacht werden. So funktioniert es bisher ja auch für die Datenübertragung mit den aktuellen Standards Edge und UMTS. Das Zubehör für Laptops wird höchstwahrscheinlich deutlich früher erhältlich sein als Smartphones, die LTE nutzen können. Notebooks, die sich ab Werk ins Netz der nächsten Generation einklinken können, werden noch etwas auf sich warten lassen.

Wann kann ich LTE nutzen?

Allein die Versteigerung der Frequenzen kann Tage und Wochen dauern, danach muss technisch noch einiges aufgerüstet werden. Eine Nachfrage von "Chip Online" bei den vier deutschen Netzbetreibern ergab, dass keiner von ihnen in diesem Jahr damit rechnet, ein kommerzielles LTE-Angebot auf die Beine stellen zu können. Die Technik ist offenbar noch nicht ganz reif, unter anderem fehlt bisher ein gültiger Standard dafür, wie Telefongespräche über LTE übertragen werden sollen. "Chip Online" prophezeit: Wie schon bei UMTS dürfte es eine Weile dauern, bis die ersten Kinderkrankheiten der neuen Übertragungstechnik ausgestanden und wirklich attraktive Endgeräte auf dem Markt sind.


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