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Kampf gegen das Virus: Bewegungsdaten aus Werbe-Apps: So überwacht die Trump-Regierung wegen Corona die US-Bürger

Um die Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu bekommen, ergreifen manche Regierungen drastische Mittel. Die US-Behörden sollen nun einen ungewöhnlichen Weg gehen: Sie überwachen die Bürger auf Schritt und Tritt - mit Bewegungsdaten von der Werbeindustrie.

Anthony Fauci auf einer Pressekonferenz zur Coronakrise mit US-Präsident Donald Trump in Washington

Anthony Fauci ist in der Coronakrise US-Präsident Donald Trumps wichtigster Berater

AFP

Die Corona-Krise beschäftigt die Welt - und die USA noch mehr als andere Staaten. Innerhalb kürzester Zeit hat sich die Supermacht zum größten Krisenherd entwickelt. Um die sich rasant verbreitenden Erkrankungen mit Covid-19 einzudämmen, setzen die Behörden vermehrt auf die Überwachung der Bürger. Mit der Idee sind die USA nicht alleine, der Ansatz ist aber durchaus ungewöhnlich.

Dass sich aus den Bewegungsdaten der Bürger wichtige Erkenntnisse gewinnen lassen, liegt auf der Hand. Wie breitet sich die Krankheit aus? Wer hat sich mit wem getroffen? Um die Ausbreitung einzugrenzen, können das entscheidende Fragen sein. Doch während in Deutschland über die daraus folgenden drastischen Einschränkungen der Privatsphäre debattiert wird und etwa Grünen-Chef Robert Habeck eine freiwillige App-Lösung vorschlägt, macht die US-Regierung Nägeln mit Köpfen - und wertet einfach die üppigen Daten der Werbeindustrie aus.

US-Behörden greifen nach Werbedaten

Wie das "Wall Street Journal" berichtet, sollen gleich mehrere Behörden die Bewegungsdaten von Millionen Smartphones analysieren, darunter die Gesundheitsbehörde CDC sowie Staats- und Lokalverwaltungen. Das Ziel sei ein Portal, um die Bewegungen in bis zu 500 Städten auswerten zu können, zitiert die Zeitung eine anonyme Quelle.

Die Daten sind demnach von persönlichen Bezügen wie Namen oder Adressen befreit. Trotzdem sollen sie eine umfangreiche Analyse des Bürgerverhaltens ermöglichen. So soll man aus ihnen etwa ablesen, welche Orte wie Parks, Einkaufszentren oder Bars immer noch größere Mengen von Menschen anziehen. So habe man etwa herausgefunden, dass sich immer noch viele Personen im Prospect Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn getroffen hätten. Obwohl alleine New York mehr Covid-19 Erkrankte meldet als die meisten Länder, sind die Parks bisher nicht geschlossen.

Doch auch anderweitig sollen die Daten genutzt werden. In Städten, die bereits Ausgangsbeschränkungen beschlossen haben, ließe sich etwa überprüfen, ob diese im Großen und Ganzen eingehalten werden. Durch eine Auswertung der Besucherzahlen von Ladengeschäften könnte man auch das Ausmaß des wirtschaftlichen Effekts der Krise besser einschätzen, argumentieren die Quellen des "WSJ". Die Gesundheitsbehörde CDC und das Weiße Haus wollten sich lieber nicht äußern.

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Die Neugier der Werbebranche

Konkret stammen die Informationen von den zahlreichen Apps der Smartphone-Nutzer, die sie sonst zu Werbezwecken sammeln. Stimmen die Nutzer mit einem unbedarften Klick bei der Einrichtung der App der Datensammlung zu, können sie von den Apps oft auf Schritt und Tritt überwacht werden. Das wird sonst benutzt, um den Kunden passgenaue Werbung zu liefern, etwa indem die besuchten Geschäfte ausgewertet werden oder im Laden dann dort erhältliche Produkte beworben werden.

Wie die US-Regierung mit den Beschränkungen von Apples iOS umgeht, erwähnt der Artikel nicht. Seit iOS 13 erlaubt das iPhone die Standort-Überwachung nur noch deutlich eingeschränkter, auch das Werbetracking ist nicht mehr so stark möglich wie früher. Da Apple in den USA mit einem Marktanteil von knapp 45 Prozent sehr weit verbreitet ist, dürfte der Effekt eigentlich deutlich spürbar sein.

Wie genau die Regierung an die Daten kommt, ist nicht bekannt. Viele Werbefirmen verkaufen ihre Erkenntnisse weiter, ob die Behörden ebenfalls zur Kasse gebeten wurden, ist nicht bekannt. Zumindest einige Firmen haben die Daten bereits öffentlich kostenlos zur Verfügung gestellt. Foursquare, einer der größten Anbieter Standort-basierter Werbung, soll sich im Gespräch mit mehreren US-Bundesstaaten und Kommunalverwaltungen befinden.

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USA sind nicht alleine

Die USA sind mit ihrem Vorgehen nicht alleine. Auch in Deutschland bekommt das Robert-Koch-Institut Bewegungsdaten der Bürger von der Telekom, sie sind allerdings ungenauer als die GPS-Daten der Werbefirmen. Andere Staaten greifen ebenfalls auf die Standortdaten zu, in Israel wurde dafür gar ein eigentlich für den Kampf gegen Terrorismus gedachtes Gesetz genutzt.

Wie zu erwarten sehen die Datenschützer die Vorstöße äußerst skeptisch. Dabei spielt auch eine Rolle, dass sich vermeintlich anonyme Daten erschreckend genau zuordnen lassen. Vor allem sind sie aber skeptisch gegenüber den Versprechen, es handle sich um Ausnahmeregelungen. Die Skeptiker befürchten, dass einige Regierungen die Maßnahmen auch nach dem Ende der Krise aufrechterhalten könnten. EX-NSA-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden warnte etwa schon letzte Woche davor, dass mit dem Coronavirus auch ein Ausbau des Überwachungsstaates verbunden sein könnte. Regierungen könnten etwa Zugang zu Fitnesstrackern verlangen, um einen durch Fieber erhöhten Puls erkennen zu können, glaubt er. "Und irgendwann ist der Virus weg, aber die Werkzeuge bleiben."

Quellen: Wall Street Journal, Haaretz, Heise, Youtube (Snowden-Interview)