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Windows-Smartphones Lumia 920 und 820 Nokias letzte Hoffnung ist knallgelb


Die beste Kamera, das schnellste Display und Strom aufladen via Funk - Nokia will mit neuen, knallbunten Lumia-Geräten den Handymarkt zurückerobern. Doch der Start steht unter schlechten Vorzeichen.
Von Christoph Fröhlich

Die Zeichen standen nicht gut für Nokia: Erst kreuzte Samsung die Pläne und stahl den Finnen auf der Ifa die Premiere des ersten Windows-Phone-8-Smartphones, jetzt verschickte Apple nur einen Tag vor der Pressekonferenz in New York Einladungen an Journalisten, in denen das baldige Erscheinen des iPhone 5 angedeutet wurde. Für Nokias Vize-Präsidentin Jo Harlow kein Grund, sich einschüchtern zu lassen: "Es ist Zeit für den Wechsel" verkündete die taffe Managerin gleich zu Beginn der Veranstaltung. Und setzte nach: "Das ist das innovativste Smartphone der Welt."

Drei Hoffnungen

Gemeint war natürlich das neue Handy-Flaggschif Lumia 920. Drei Argumente sollen Käufer zum Wechsel bewegen: scharfe Bilder, interaktive Karten und eine kabellose Ladeschale. Unter dem Markennamen Pureview bekommt das Lumia 920 eine Kamera mit 8,7 Megapixeln spendiert, die nach Angaben des Konzerns fünf Mal mehr Licht aufnehmen kann als üblich. Damit sollen bessere und vor allem schärfere Bilder möglich sein. Sie sollen auf dem großen Bildschirm mit einer Diagonalen von 4,5 Zoll (11,4 cm) besonders gut dargestellt werden. Es sei die beste Kamera in einem Smartphone überhaupt, versprach Harlow. Das Gehäuse ist aus einem besonders wertigen Polycarbonat geformt und ist auch in knalligen Farben wie Sonnengelb oder Lippenstift-Rot erhältlich.

Der zweite Schwerpunkt der Präsentation waren aufwendige Kartendienste: Mit der Funktion "City Lens" werden im Kameradisplay etwa via Augmented Reality Informationen zu Geschäften und Restaurats angezeigt, wenn man die Kamera auf eine Straße richtet. Der Akku des Telefons - mit einer Kapazität von 2000 Milliamperestunden der größte in einem Nokia-Handy überhaupt - lässt sich zudem drahtlos aufladen. Dazu liefert Nokia eine Induktionsladeschale, auf die das Smartphone gelegt werden muss. Das Aufladen mit einem Stecker ist dann nicht mehr nötig.

Microsoft-Manager Joe Belfiore präsentierte den anwesenden Journalisten anschließend erste Einzelheiten zum neuen Betriebssystem Windows Phone 8. Es lässt sich sehr stark personalisieren, so können die Kacheln auf dem Bildschirm - die sogenannten Tiles - nach Belieben verschoben werden. Neben Kontakten können auch Nachrichtendienste als Kachel hinterlegt werden, die via Internet stets die neuesten Nachrichten präsentieren. Außerdem bietet das neue mobile Betriebssystem verbesserte Funktionen zur Bildbearbeitung, unter anderem eine Gesichtserkennung. Nokia setzt große Hoffnungen in die Plattform, um die immer noch schwächelnden Smartphone-Verkäufe anzukurbeln.

Neben dem Lumia 920 bringt Nokia eine abgespeckte Version unter dem Namen Lumia 820 auf den Markt: Mit einem etwas kleineren Display (4,3 Zoll), einem kleineren Akku (1650 Milliamperestunden) und einer Kamera mit acht Megapixeln soll sich das Handy vor allem im mittleren Preissegment positionieren. Viele Fans sind enttäuscht: Sie erhofften sich neben den beiden Smartphones ein Tablet auf Windows-8-Basis, das dem iPad Paroli bieten kann.

Vom Weltmarktführer zum Zwerg

Obwohl der Verkauf der Lumia-Geräte allmählich an Fahrt aufnimmt, ist er im internationalen Geschäft nahezu unbedeutend: Von den aktuellen Lumia-Modellen mit Windows Phone 7 wurden im vergangenen Quartal vier Millionen Geräte verkauft. Zum Vergleich: Samsung setzte in dieser Zeit rund 50 Millionen Smartphones ab, Apple kam auf rund 26 Millionen iPhones, obwohl viele Kunden schon auf das nächste Modell warteten, das kommende Woche vorgestellt werden dürfte. Ob es dem einstigen Handyriesen mit dem neuen Modell gelingt, wieder vorne mitzumischen, bleibt fraglich.

Auch die Börse überzeugten die Pläne der Finnen nicht: Noch während der großen Präsentation sackte die Aktie in Helsinki um knapp 14 Prozent auf rund zwei Euro ab. Das Papier hatte Mitte Juli allerdings noch beim Allzeit-Tief von 1,33 Euro gelegen.

Nokia und insbesondere Unternehmenschef Elop stehen massiv unter Druck: Der einstige Microsoft-Manager hat bei Nokia voll auf die Windows-Phone-Karte gesetzt und muss nun, nach fast zwei Jahren an der Spitze, größere Fortschritte vorweisen. Stattdessen präsentiert der Handyhersteller jedes Quartal hohe Verluste, sodass die großen Rating-Agenturen die Bewertungen bereits auf Ramsch-Niveau herabstuften.

Nicht nur Nokia strauchelt

Doch nicht nur Nokia steht das Wasser bis zum Hals: Auch Microsoft muss dringend die Marktposition seiner Windows-Phone-Plattform verbessern. Im vergangenen Quartal haben die Lumia-Smartphones zwar nahezu im Alleingang den Marktanteil des Systems erstmals deutlich steigen lassen - es war aber nur eine Verbesserung von 1,6 auf 2,7 Prozent, wie die Marktforscher von Gartner berechneten. Das Google-Betriebssystem Android dominiert den Markt mit mehr als 60 Prozent. Täglich werden mehr als eine Million Mobilgeräte mit dem Google-Betriebssystem registriert.

Dass die Veranstaltung nicht in Finnland, sondern in New York stattfand, war kein Zufall: In den USA spielt Nokia im Mobilfunkgeschäft praktisch keine Rolle. Wenn die Finnen den Anschluss an die Weltspitze der Smartphone-Anbieter finden wollen, müssen sie auf dem riesigen Markt präsenter werden. Die Amerikaner stehen technischen Neuheiten besonders aufgeschlossen gegenüber. Hier nahm der Siegeszug der Smartphones seinen Anfang.

Von Christoph Fröhlich, mit DPA

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