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Streitgespräch: "Wie in einem Vulkan"

Sie ist bunt, teuer und immer viel zu schnell aufgebraucht: Druckertinte. Das Reizthema für jeden, der einen Tintenstrahldrucker besitzt. Im stern-Gespräch streiten sich Ralf Groh von Hewlett-Packard und Karl Kallinger vom Konkurrenten Pelikan, ob Tinte wirklich so viel kosten muss.

Verbraucherschützer haben ausgerechnet, dass Druckertinte siebenmal teurer ist als Champagner. Geht das nicht billiger, Herr Groh?

Groh: Die Tinte ist ja nicht das, was teuer ist. Was ihren Preis hat, ist die gesamte Technologie. Wir investieren jedes Jahr 600 Millionen Dollar in die Weiterentwicklung unserer Drucksysteme. Da ist zum Beispiel der Druckkopf mit seinen bis zu 600 Düsen auf kleinstem Raum. Und auch die Tinte ist Hochtechnologie: Sie muss 300 Grad Hitze aushalten, sie muss immer rechtzeitig nachfließen, ihre Oberflächenspannung muss so sein, dass sich die Farbe richtig verteilt, dass zum Beispiel Schwarz und Gelb nicht zusammenlaufen, aber Magenta und Gelb sich so mischen, wie man sich das wünscht. Versuchen Sie das mal mit einem Tuschekasten, dann werden Sie merken, wie schwierig das ist.

Warum können Sie das dann so viel billiger machen, Herr Kallinger?

Kallinger: Wir dürfen aus patentrechtlichen Gründen keine Druckköpfe selber herstellen, sondern sind gezwungen, leere Druckerpatronen mit intaktem Druckkopf zu sammeln. Diese werden dann in einem hochtechnischen Prozess aufbereitet und mit Pelikan-Markentinte befüllt. Da auch die Tinte diversen Patenten unterliegt, ist es ganz schön schwierig, das optimal aufeinander abzustimmen. Aber wir mischen die Tinte so, dass sie den Eigenschaften des Originals entspricht. Natürlich bleibt da ein Unterschied, aber unsere Produkte kommen dem Original sehr, sehr nah. Durch die Wiederverwertung haben wir natürlich einen Kostenvorteil, den wir an die Kunden weitergeben. Groh: Wir sagen ja auch nicht, dass das nicht geht. Wir treffen keine Vorkehrungen, um unsere Patronen nicht wiederverwendbar zu machen. Alle sind neu befüllbar, wenn man das unbedingt möchte. Aber sie sind nicht für den mehrfachen Gebrauch konstruiert.

Warum eigentlich nicht? Pelikan zeigt doch, dass es funktioniert.

Groh: Die Technologie, die da im Druckkopf steckt, müssen Sie sich vorstellen wie den Schlot eines Vulkans: Da werden 36 000-mal pro Sekunde kleine Tintentropfen auf über 300 Grad erhitzt und herausgeschossen. Wenn Sie dauernd solche Eruptionen haben, verändert sich der Kraterrand und verschleißt mit der Zeit. Das ist zunächst kein Problem, aber mit der Zeit wird die Qualität schlechter: Dann feuern die Düsen die Tinte schräg ab, es gibt Verstopfungen, sodass Sie Streifen im Bild haben.

Dann müssten Sie ja ständig Ärger mit Ihren Kunden haben, Herr Kallinger.

Kallinger: Überhaupt nicht. Mit unserem Druckerzubehör liegen wir umsatzmäßig inzwischen teilweise vor Canon, Epson oder Lexmark. Kundenzufriedenheitsanalysen bestätigen unsere gute Qualität.

Können Sie wirklich ausschließen, dass die Qualität unter dem Nachfüllen leidet?

Kallinger: Mit Alternativtinte ist es so wie mit Gebrauchtwagen: Die haben vielleicht ein paar Lackspritzer, fahren ansonsten aber genauso gut wie Neuwagen. Bevor wir die Patronen befüllen, untersuchen wir sie eingehend. Mit einer speziellen Technologie erkennen wir frühzeitig, ob eine leere Patrone unseren Ansprüchen genügt oder nicht. Das machen übrigens längst nicht alle Anbieter.

Warum kaufen dann noch immer so viele Kunden die Originaltinte vom Hersteller?

Kallinger: Zunächst hat der Kunde beim Kauf des Druckers die Originalpatrone im Einsatz. Durch mangelnde Aufklärung meint noch immer eine Vielzahl von Kunden, dass diese auch nur durch Originalpatronen zu ersetzen ist. Mit Aufklärung und überzeugender Qualität haben wir aber seit Jahren Marktanteile hinzugewonnen. Unabhängige Untersuchungen bestätigen die Topqualität unserer Produkte. Groh: Letztlich muss der Kunde entscheiden. Will er die höchste Qualitätsstufe und Zuverlässigkeit über die ganze Lebensdauer seines Druckers, dann ist Originalzubehör die erste Wahl.

Das Problem ist doch, dass die Nachfülltinte inzwischen manchmal so teuer ist wie der ganze Drucker.

Kallinger: Es gibt Hersteller, die verkaufen ihre Drucker schon für 29 oder 39 Euro. Das ist so, als würde man einen VW kaufen, dann zur Tankstelle fahren, weil der Tank leer ist, und die Benzinquittung für die erste Tankfüllung ist teurer als der Wagen. Groh: Der Vergleich mit dem Auto und dem Benzin hinkt, denn es wird ja sehr viel mehr ausgetauscht als die Tinte. Sie müssen immer die Gesamtkosten im Blick behalten. Wenn man den billigstmöglichen Drucker kauft und dann ganz viel druckt, entsteht tatsächlich ein schiefes Bild. Insgesamt betrachtet sind die Druckkosten in den vergangenen Jahren aber massiv gesunken, nämlich um 75 Prozent pro Seite. Im gleichen Zeitraum sind Qualität und die Geschwindigkeit aber um 466 Prozent gestiegen.

Können Drucker durch Alternativtinte kaputtgehen?

Groh: Es kommt natürlich vor, dass eine Patrone ausläuft, weil sie falsch befüllt wurde. Oder weil die Kapillarität, die die Tinte in der Patrone hält, nicht korrekt eingestellt ist. Besonders gefährlich ist das bei gefälschten Produkten. Da gibt es asiatische Importe mit dem Originalnamen drauf, die für den Konsumenten vom echten Produkt nicht zu unterscheiden sind. Kallinger: Dem Wunsch nach Sicherheit für den Verbraucher wird durch die DIN-Norm 33871 für wiederbefüllte Druckköpfe Rechnung getragen. In der Tat sind Markenfälschungen ein Problem. Sogar wir sind inzwischen betroffen.

Wenn es nicht möglich ist, die Patronen wieder zu befüllen, warum fordern Sie Ihre Kunden dann auf, leere Patronen an HP zurückzuschicken?

Groh: Wir bieten die Möglichkeit, die Patronen in bestmöglicher Weise zu entsorgen. Wir haben viel investiert, um eine fast hundertprozentige Wiederverwertung aller Materialien garantieren zu können. Wenn Sie sehen, wie HP die alten Patronen umweltgerecht entsorgt, muss Ihnen doch das Herz bluten. Kallinger: Ja, wir finden das nicht in Ordnung. Wir möchten daraus natürlich am liebsten neu befüllte Patronen herstellen, was auch für die Verbraucher besser wäre. Deshalb haben wir ein intelligentes Sammelsystem eingerichtet. Die Reste, die wir nicht brauchen, werden bei uns übrigens fachgerecht entsorgt.

Interview: Thomas Borchert/Ulf Schönert / print
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