GLOSSE Zimmer mit düsterer Aussicht


Was würde passieren, wenn die Unterhaltungsindustrie wirklich wahr macht, was sie immer wieder ankündigt? Eine Zukunftsvision.

»Kommen Sie nur mit. Hören Sie? Wie leise er summt. Und wie ruhig. Wenn Computer gelassen wirken können, dann er. Kühl ist es hier unten im Keller, kühl wie er es gern mag. Wir haben ihm hier wie einem Zootier seinen Lebensraum nachgebaut: nie feucht, nicht zu warm, ein Server-Biotop. Das wird er Ihnen noch in Jahren danken. Als ich ihn zum ersten Mal laufen ließ, hat er geblinkt. Seitdem wissen die Geräte oben im Haus, dass er da ist - dass er der Herr im Haus ist. Und Sie natürlich! Nicht zu vergessen! Da muss ich ja lachen. Nein, ich vergesse Sie nicht. Den perfekten Mieter für dieses perfekte Haus.

Das Phonzimmer freut sich auf Sie

Ich weiß, Sie haben schon als Kind davon geträumt, dass Ihnen ein Gerät alles abnimmt. Dass ein Computer weiß, welche Musik Sie genau jetzt hören wollen, welcher Film gerade ihre Stimmung trifft und ob es im Internet etwas gibt, von dem Sie bisher noch gar nicht wussten, dass es Ihnen gefallen könnte. Wie in »Star Trek«. Hören Sie auf zu träumen. Hören Sie heute auf zu träumen! Bevor jemand anderes kommt, der das Haus gar nicht verdient. Gehen wir nach oben. In Ihr neues Phonzimmer. Es freut sich schon auf Sie.

Er fühlt das

Da steht alles! Ihr Stolz. Fünf Boxen fein verteilt im Zimmer, damit der Sound Sie überall umgibt. Wo Sie sind, ist immer die Mitte. Wie? Sie sehen keine Lautsprecher? Natürlich nicht, die sind alle unter Putz. Aber Sie hören sie: Keith Jarrett ist das. Das Köln-Konzert. Das hören viele Kunden gerne. Sie mögen lieber Musik, durch die Strom fließt. Trotzdem, für den Moment hat er das gut ausgewählt, oder? Er fühlt das.

Sie entscheiden, wo Sie Musik hören

Aber ich komme ins Schwärmen. Da vorn, schauen Sie, im Flur: die glänzenden Streifen! Das sind Klangbahnen. Wenn Sie das Phonzimmer verlassen, schaltet Ihr Server auf diese Bahnen um, und Sie hören Ihre Musik weiter. Bis Sie in der Küche sind, natürlich, dann übernehmen die Boxen dort. Ich kenne Sie: Sie lassen sich im 21. Jahrhundert nicht von ein paar Lautsprechern vorschreiben, wo Sie Musik hören. Diese Demütigung haben Sie lange genug ertragen.

Unter der Tapete da drüben versteckt sich übrigens ein Projektor, der Bilder an die Wand strahlt. An die ganze Wand natürlich. Gerade zeigt er uns ein Gemälde von Paul Klee. Ihr Lieblingsmaler, ich weiß, Sie haben es ja auf dem Formular angegeben. Ihr Server weiß das natürlich auch. Ach ja, da vorn unter dem Glastisch verbirgt sich die versenkbare Spielkonsole. Und der digitale Recorder: Alles, was Sie sehen wollen oder sehen wollen könnten, nimmt er auf und schickt es zum Server in den Keller. 1.000 Filme gehören zum Startpaket, von »Apocalypse Now« bis »Zelig«. Bei vielen können Sie sich sogar das Ende aussuchen. Geht der Film gut aus oder schlecht - Sie entscheiden. Nur Sie. Auch das ist etwas Neues. Nichts für jeden. Etwas Exklusives. Früher hatten wir alle diese Videocassetten und Schallplatten, die ganze Schrankwand voll, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Heute darf nichts sichtbar sein, solange Sie es nicht benutzen. Wenn alles digital ist, sollen sich Ihre Möbel bitte schön in der Kulisse aufhalten, bis sie ihren Auftritt haben.

Sie tragen ein Teil von ihm in sich

Wie bitte? Woher Ihr Server weiß, wo Sie sich aufhalten und was Sie hören, sehen oder spielen mögen? Sie tragen ein Teil von ihm in sich. Einen winzigen Chip. Unter Ihrer Haut. Nein, der wird Sie nicht stören, das ist nur ein kleiner Eingriff, Sie müssen nicht einmal in eine Klinik dafür. Sie müssen ihn auch nicht aufladen: Er bekommt seine Energie von Ihnen! Wenn Sie Ihren Arm bewegen, knapst er sich ein wenig Energie ab. Und sendet Ihre Daten zum Server. Der merkt dann, ob Sie sich gerade aufregen, wie schnell Ihr Herz schlägt und wo Sie gerade sind. Der Chip sendet sogar vom Vorgarten aus, sodass Ihr Haus Sie immer mit der richtigen Stimmung empfangen kann. Momentan reagiert er noch auf mich, aber die Umprogrammierung verläuft automatisch.

Technik adoptieren wie ein Kind

Ich weiß, das klingt überzeugend. Endlich wird wahr, was die Industrie seit Jahren versprochen hat - ein Großkino in der eigenen Wohnung; ein Konzertsaal, für den Sie Eintritt verlangen könnten; eine eigene Spielhalle ohne diese pubertierenden Kinder, die man da sonst trifft. Und natürlich haben Sie viel Zeit für sich, denn Sie müssen sich ja um nichts mehr kümmern. O da, sehen Sie: ein Mondrian. Den mögen Sie doch auch. In ein paar Jahren wird sich das jeder leisten können, ich weiß. Sagt die Industrie seit Jahren, da muss ich ja lachen. Aber dann gibt es schon bessere Angebote für Leute wie Sie, Leute mit Lust am Morgen, an der Zukunft. Vorreiter, die Technik adoptieren wie ein Kind. Ihre Freunde werden staunen!»

Das war das Gespräch, mit dem der eloquente Makler mir das Haus verkauft hat. Seitdem sind nur ein paar Wochen vergangen. Wochen mit vielen Partys und vielen Freunden, die gestaunt haben wie angekündigt. Abende mit ausgewählter Musik zu ausgewählten Bildern an der weißen Wand. Aufwachen mit Debussy. Frühstück mit Tiffany. Einschlafen nach Super Mario Sunshine. Und jetzt? Jetzt sitze ich hier, an eben diese Wand gelehnt, die Knie angezogen, der Raum dunkel, über mein Gesicht malt der Projektor einen roten Sonnenuntergang. Klar, ich bin die Mitte, das Zentrum. Die Boxen hinter der Wand dudeln »Always Look On The Bright Side Of Life«. Will sie mich verhöhnen? Diese Maschine da unten im Keller?

Neulich wollte ich nicht hören, was der Server vorschlug...

Nur weil ich vorhin nicht hören wollte, was der Server mir vorschlug. Als meine Freundin Viola mir am Telefon sagte, dass das mit uns niemals etwas werden würde. Als die Musik plötzlich düster wurde. Als das Bild an der Wand verschwand. Ein Scherz ist das, dachte ich. Ein sehr schlechter. Dass ein Chip so feinfühlig ist, wusste ich nicht. Okay, ich fühlte mich wirklich wie am Boden zerstört - aber Rammstein, das konnte ich nun als Letztes gebrauchen. Spielen zur Ablenkung? Ging nicht, das hatte er gesperrt. Und das war mir zu viel. Ich rannte in den Keller. Konnte man den Server nicht ausschalten? Nein. Der Stecker: unter Putz, wie alles Wichtige in diesem Haus. Auch ein Tritt gegen das Gehäuse brachte nichts. Aaargh.

Ich will ausziehen

Wie versteinert sitze ich da. Ich verzichte auf die Zukunft. Nicht, dass ich die gute alte Steinzeit bevorzugen würde, aber Schallplatten und Videocassetten haben so etwas nie mit mir gemacht. Vielleicht wäre es gut, einen Server im Keller zu haben, der speichert, was ich will - nicht das, wovon er denkt, dass ich es will. Der nicht denkt, sondern mich denken lässt. Dessen Herr ich bin. Always look on the bright side of life. Ich will ausziehen.

Endlich, es kommen Menschen in mein Haus

Nicht immer, wenn es klingelt, steht draußen die Polizei. Nur dieses Mal. Ich sehe sie durch meinen Türspion, verzerrt mit großen gebogenen Mützen, das Straßenlicht lässt sie heller erscheinen als sie sind. Es sind zwei, wie immer, ich sehe, wie sie tuscheln. Die kleinere Mütze verschwindet kurz, dann klingelt es noch einmal. Es ist an der Zeit. Ich öffne. »Ihre Nachbarn haben Schreie gehört«, sagt die größere Mütze, fragend, drohend. »Das stimmt«, antworte ich. Und lasse sie rein - froh, dass Menschen in mein perfektes Haus kommen.

Sven Stillich


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