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Internet - Telefon - Handy - Fernsehen: Die ganze Welt aus einer Leitung

Nur Telefondose oder TV-Kabel sollen zukünftig ausreichen, um alle Kommunikationsbedürfnisse zu erfüllen. Der stern beschreibt die Technik-Revolution und klärt die wichtigsten Fragen zu Technik und Tarifen.

Technik ist Bernhard Hoylers Leidenschaft. Jahrelang hat der promovierte Arzt und Physiker viel Zeit investiert, um für seine Frau und seine zwei Töchter das optimale Kommunikationspaket fürs Wuppertaler Heim zu schnüren. Er hat Preislisten für Telefon, Internet, Handy und Fernsehen studiert, hat Leistung und Kosten akribisch miteinander verglichen. Doch vor kurzem hat der Doktor dann doch kapituliert: "Diesen Tarifdschungel durchblicke ich einfach nicht mehr."

Wie Hoyler geht es den meisten Deutschen. Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, seit die Kommunikationsfirmen das Land mit immer grelleren Fernsehspots und Prospekten befeuern. Die Reklame verspricht Sensationsangebote für Telefon, Handy, Internet und TV - die große digitale Freiheit zum Nulltarif. Doch all die Anglizismen und Gebührenstaffeln im Kleingedruckten kann kaum noch ein Kunde verstehen. Wer sich dennoch daran versucht, stellt schnell fest, dass die Billigofferten mit den obligatorischen Sternchenverweisen meist Luftnummern sind: Die wahren Kosten haben die Anbieter in winzigen Fußnoten versteckt. Mal sind Telefongespräche zu Handys sündhaft teuer, mal läuft der Vertrag unzeitgemäß über Jahre, mal schlagen die Einmalgebühren ins Kontor.

Was bedeutet "Triple Play"?

Der Werbe-Aktivismus der Kommunikationsfirmen hat einen tiefen Grund. Gerade wächst zusammen, was bislang nicht zusammen gehörte: die Telefon- und die Antennendose. Bald kann man entweder über das Telefon- oder über das TV-Kabel sowohl telefonieren und mit Hochgeschwindigkeit im Internet surfen als auch Fernsehprogramme empfangen. Wer das übers TV-Kabel tut, kann seinen Telefonanschluss abschaffen; wer es über das Telefon macht, braucht keinen zusätzlichen TV-Empfang. Triple Play heißt die neue digitale Dreifaltigkeit aus Telefon, TV und Web im Werbedeutsch. Selbst Mobilfunkanbieter steigen über ihre Funknetze in dieses Geschäft ein. So wird der Markt komplett durcheinander gewirbelt. Jeder kämpft gegen jeden, und alle kämpfen um jeden Kunden.

Harter Konkurrenzkampf

Die Schlacht um die Augen und Ohren tobt, seit die TV-Kabelfirmen massiv in den Beritt der DSL-Anbieter einbrechen: Derzeit bauen Kabel Deutschland, Ish und Iesy ihre Netze so aus, dass auch per TV-Kabel im Internet gesurft und telefoniert werden kann. 20 Millionen Haushalte in Deutschland hängen derzeit am TV-Kabel, etwa 8,5 Millionen könnten schon jetzt darüber telefonieren und online gehen. Allein Marktführer Kabel Deutschland will bis Mitte des Jahres zwei Millionen weitere Anschlüsse Triple-Play-fähig machen. Wer zu denen gehört, hat es bequem und kann dem Gebühren- und Technikterror entgehen. Wenn der TV-Kabelanbieter am Wohnort bereits Telefon und Internet offeriert, kann dies gerade für Bewohner von Blocks mit mehreren Wohneinheiten auch die preiswerteste Lösung sein, weil der Kabelanschluss dort meist nur einen Bruchteil des Listenpreises kostet und der herkömmliche Telefonanschluss entfallen kann.

Internet per Fernsehkabel? Die Anbieter von schnellen DSL-Onlinezugängen per Telefonkabel halten dagegen: Sie bauen ihre Datenautobahnen zu Superdatenhighways aus. Bisher galt ein DSL-Anschluss über das Telefonkabel, wie ihn etwa die Telekom, Arcor oder Netcologne liefern, als schnellste Internetverbindung für den Privathaushalt. Telefonieren und surfen - das klappte damit wunderbar. Ab diesem Jahr kommt nun aber VDSL durch die Kupferkabel - und das ist bis zu 50-mal leistungsfähiger. Mit VDSL lassen sich auch Fernseh- und Pay-TV-Programme in allerhöchster Digital-Qualität durch die Telefondose quetschen.

Und das geht jetzt los

In diesem Jahr beginnen DSL-Firmen damit, auch die gängigen Fernsehsender über den schnellen DSL-Zugang per Telefonleitung anzubieten. Eine spezielle Settop-Box sorgt hier für die Verbindung zwischen Telefondose und Fernseher. DSL-Kunden des Kölner Marktführers Netcologne etwa werden zum Weihnachtsgeschäft ein üppiges Fernsehpaket beziehen können. Hansenet in Hamburg startet in wenigen Monaten mit rund 100 Fernsehkanälen, zunächst in eingeschränkter Qualität.

Ebenfalls auf die Tube drückt die Telekom. Jeden Monat verliert sie rund 100.000 Festnetz-Telefonkunden an billigere Konkurrenten. Drei Milliarden Euro stecken die Bonner in ihr schnelles VDSL-Leitungsnetz, ziehen 18.000 Kilometer Glasfaserleitung und stellen 4000 neue Verteilerhäuschen auf. Zudem hat Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke die Internetrechte für die Fußball-Bundesliga gekauft und will - womöglich gemeinsam mit Premiere - bereits zur Fußball-WM via VDSL in zehn deutschen Großstädten Fernsehprogramme senden. Ricke schwärmt davon, die Olympischen Spiele 2008 in Peking per 3-D-Fernsehen zu übertragen: "Madonna hat ihr letztes Video bereits in 3D gedreht. Und wenn ein Kunde online einkauft, kann er die Waren künftig dreidimensional von allen Seiten betrachten."

"Das ist eine ganz heiße Nummer"

Auch Arcor-Chef Harald Stöber, der bundesweit gegen die Telekom antritt, investiert kräftig. Er plant TV-Spartenkanäle gegen Gebühr über das schnelle Internet an die Haushalte zu verkaufen. "Das ist eine ganz heiße Nummer", sagt Stöber. Zwar gewinnt Arcor nach eigenen Angaben pro Monat 90.000 Kunden hinzu, doch beim Ausbau ihres Datenhighways liegen die Eschborner gegenüber der Telekom rund anderthalb Jahre zurück.

Verlierer im Kampf um die Kunden könnten die Satellitenbetreiber werden. Allein SES Astra versorgt derzeit 15,2 Millionen deutsche Haushalte mit Fernsehen. Für Telefon und Internet können die Luxemburger noch keine komfortable Lösung anbieten. Zwar kann man per Satellit Internet im Höllentempo empfangen, aber um Daten zu verschicken - etwa E-Mail oder Anfragen bei einer Suchmaschine -, muss man einen lahmen Telefonanschluss verwenden. Astra setzte deshalb bis auf weiteres mehr auf das Geschäft mit digitalen TV-Inhalten. Die wird es bald nicht mehr kostenlos geben: Ab 2008 wird wohl der größte Teil des digitalen Fernsehprogramms verschlüsselt sein - mit Ausnahme von ZDF und ARD. Ohne eine persönliche Smartcard, eine Art Scheckkarte, die in den Satellitenempfänger gesteckt wird, bleibt dann der Bildschirm schwarz. Selbst bei ARD und ZDF. Rund drei Euro pro Monat wird die Smartcard kosten, heißt es im Astra-Umfeld. Pay-TV-Angebote wie Bundesliga-Fußball oder Top-Spielfilme sind in der Grundgebühr nicht inbegriffen.

Vor allem die Landbevölkerung wird den Himmel anzapfen müssen, um in den Genuss des Turbointernets zu kommen. Denn Deutschland ist digital geteilt: Lukrative Ballungsgebiete werden von Netzbetreibern bestens versorgt, das Hinterland aber wird vernachlässigt. Glasfaserleitungen in die Provinz zu ziehen rechnet sich nicht. Auch nicht für die 1000-Seelen-Gemeinde Bergheim, einen Ortsteil der ostwestfälischen Stadt Steinheim. "Bergheim ohne DSL - Leben wie im Mittelalter", steht auf einem Handzettel, der im Gasthof Hegge ausliegt. Rund 40 Bürger haben sich versammelt, die für mehr Tempo kämpfen. Einer von ihnen ist Friedel Bastian, 55. Ihm gehört eine Firma für Industrieverpackungen. Wochenlang muss er auf Zahlungseingänge warten, weil er Rechnungen nicht vernünftig elektronisch übermitteln kann. Nicht einmal seine drei Standorte sind vernetzt. "Deswegen muss ich bis zu 20-mal am Tag mit dem Auto hin- und herfahren", klagt Bastian. Auf das Ebay-Gefühl "Drei, Zwei, Eins - Meins" müssen die Bergheimer komplett verzichten: Wer per langsamem Modem bietet, hat kaum eine Chance, den Zuschlag zu erhalten.

Über die Dachantenne ins Internet

Hoffnung für die Millionen unterversorgten Deutschen bringt eine Funktechnik namens Wimax, die flott ist wie DSL. Kunden können sich über eine Dachantenne ins Internet einloggen. Der Aufbau des Funknetzes beginnt aber gerade erst. Der führende Anbieter Deutsche Breitband Dienste will bis Ende März in neun Bundesländern vertreten sein. Bislang gibt es nur 25 lokale Netze in sieben Bundesländern. In Kaiserslautern erprobt Arcor das Internet per Funk. Einfach zu nutzen ist die Technik nicht. Die Installation der Antennen muss ein Fachbetrieb übernehmen, schon ein dicker Ast kann den Empfang stören. Und das billige Telefonieren übers Internet (Voice over IP) funktioniert nicht.

Mit dem Handy online zu gehen sollte dagegen sogar auf dem Land eine Notlösung bleiben. Als Ersatz für DSL sind selbst die UMTS-Netze zu schmalbrüstig. Sechsfache ISDN-Geschwindigkeit, mehr ist nicht drin. Es gibt zwar Mobilfunk-Surf-Boxen für den PC, etwa von O2, Vodafone und bald auch von T-Mobile, doch die sind vergleichsweise langsam und teuer. Nur wer vorwiegend E-Mails schreibt und selten im Web surft, dürfte am Handy-Zugang Gefallen finden.

All die technischen Finessen der Zugangswege können Bernhard Hoyler, den Wuppertaler Arzt und Physiker, auch heute noch begeistern. Auf Tarifjagd geht er trotzdem nicht mehr: "Ich habe es aufgegeben, jedem neuen Lockangebot nachzulaufen. Bequeme Lösungen sind mir inzwischen lieber - auch wenn sie mich etwas mehr kosten."

Umfangreicher Ratgeber

Der stern hilft, das Tarifdickicht zu zerschlagen. Ein umfasssender Katalog von Fragen & Antworten gibt Ihnen das Rüstzeug, um das Fachchinesisch der Angebote zu verstehen und den optimalen Tarif für Telefon, Mobilfunk, Internet und Fernsehen ganz individuell für sich zu ermitteln. Welche Lösungen je nach Lebenssituation sinnvoll und sparsam sein können, verraten wir hier anhand einiger Musterfälle.

Dirk Liedtke und Rolf-Herbert Peters / print