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Neue Ariane 6 Europas billige Superrakete


In sieben Jahren soll Europas neue Superrakete Ariane 6 erstmals abheben. Sie wird sehr viel billiger als ihr Vorgängermodell - und damit wohl den Traum der eigenen bemannten Raumfahrt beerdigen.
Von Gerhard Hegmann, München

Noch haben die Europäer die Weltmarktführerschaft beim Transport kommerzieller Satelliten ins All. Stolze 60 Prozent aller Neuaufträge für Kommunikations- und TV-Satelliten konnte im vergangenen Jahr Europas Raketenvermarkter Arianespace für sich verbuchen. Die meisten Starts erfolgen mit der Ariane 5-Rakete. Deren Konzept wurde Ende der 80er Jahre beschlossen. "Die Auslegung der damaligen Ariane war von der Technologie getrieben. Die neue Ariane wird von den Kosten getrieben", erklärte jetzt Arianespace-Chef Jean-Yves Le Gall in Berlin. Er sprach davon, dass die Kunden auf das vorgeschlagene "Triple-Seven-Konzept" sehr enthusiastisch reagiert hätten: In sieben Jahren soll die neue Rakete erstmals abheben; sie soll sieben Tonnen Nutzlast befördern können, und ein Start soll 70 Millionen Euro kosten.

Private Konkurrenz im Nacken

Obwohl Arianespace mit gut 1,3 Milliarden Euro Umsatz 2012 nach wie vor weltweit die Nummer eins bei kommerziellen Satellitentransporten ist, könnte diese Position in Gefahr kommen. Die private US-Raketenfirma SpaceX zeigt drastisch, wie schnell ein neuer Wettbewerber auftauchen kann. Das erst vor gut zehn Jahren gegründete Unternehmen profitiert von massiver Unterstützung der Nasa und transportierte mit ihrer Falcon-Rakete bereits Frachtkapseln zur Internationalen Raumstation.

Zudem geht SpaceX offensichtlich mit Kampfpreisen auf Kundenfang bei etablierten Arianespace-Kunden. Die Betreiber von TV- und Kommunikationssatelliten sind an möglichst billigen Transporten ins All und Konkurrenz unter den Anbietern von Raketenstarts interessiert. Wie es in der Branche heißt, subventioniert die private US-Firma SpaceX mit Nasa-Geldern ihre kommerzielle Startangebote.

Aber auch Arianespace lebt von massiver Unterstützung der europäischen Staaten. Jährlich fließen etwa 120 Millionen Euro Steuergelder in die Rakete. Alles müsse billiger werden, lautete daher eine politische Vorgabe der Ministerratstagung der europäischen Weltraumorganisation Esa, die Ende November in Italien tagte.

Ein Dutzend Starts pro Jahr

Langsam sickern jetzt erste Details der dabei beschlossenen Eckpunkte durch. So wird die künftige Ariane 6 in der ersten und zweiten Stufe keinen Flüssigkeits-, sondern einen Feststoffantrieb als Hauptschubquelle einsetzen. Das ist technologisch weniger anspruchsvoll und stützt ein von Frankreich und Italien favorisiertes Konzept zur Stärkung der heimischen Industrie. Frankreich hat bereits durch seine Atomwaffenraketen Kenntnisse in Feststoffraketen.

In Deutschland sitzt hingegen das Flüssigkeitstriebwerks-Know-how, das zumindest in der Oberstufe der Ariane 6 zur Anwendung kommt. Statt bisher mit einem Ariane-5-Start zwei größere Satelliten ins All transportieren zu können, wird die Ariane 6 nur einen Satelliten transportieren. Statt bislang jährlich sechs, sieben Starts von Ariane 5 sollen dann gut ein Dutzend Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou im südamerikanischen Dschungel abheben.

Bislang kostet ein Ariane-5-Start grob 200 Millionen US-Dollar – allerdings für zwei Satelliten. Daher ist ein unmittelbarer Preisvergleich für die angepeilten 70 Millionen Euro für einen Satelliten schwer möglich. Die neue Ariane 6 soll beim Preis mindestens so wettbewerbsfähig sein, wie der US-Konkurrent SpaceX, heißt es bei Insidern.

Abschied von der bemannten Raumfahrt

Mit der Billigstrategie der Ariane 6 verabschiedet sich Europa nach Ansicht von Raumfahrtexperten auch von der Möglichkeit zur eigenen bemannten Raumfahrt. Als die Ariane 5 konzipiert wurde, gab es noch die Idee eines bemannten europäischen Raumgleiters Hermes an der Spitze der Rakete.

Arianespace-Chef Le Gall redete auf einem Neujahrsgespräch in Berlin zunächst nur von der künftigen Ariane 6, die "so schnell wie möglich" fertig sein sollte. Mit keinem Wort erwähnte er den technologischen Zwischenschritt der auf Betreiben Deutschlands von der Esa beschlossenen leistungsgesteigerten Ariane 5 ME. Sie soll bis 2017/2018 fertig sein. Dabei bekommt die Oberstufe zwanzig Prozent mehr Schub. Über die genauen Kosten wollte Le Gall nicht reden. Branchenkenner schätzen, dass die Entwicklung der neuen Ariane 6 etwa vier bis fünf Milliarden Euro kostet.

Der bisherige Generalunternehmer die Ariane 5-Rakete, die EADS-Raumfahrttochter Astrium, erhielt jetzt den mit 108 Millionen Euro dotierten Auftrag, erste Detailentwürfe für die Nachfolgerakete Ariane 6 zu entwickeln. Sie soll nach einem Baukastenprinzip modular aufbaut sein, also auch kleine Nutzlasten befördern können. Nach Ansicht von Arianespace-Chef Le Gall, kann die Ariane 6 eines Tages auch die russische Sojus-Rakete ersetzen, die 2011 erstmals in Kourou abhob. Offensichtlich wollen sich die Europäer von der Abhängigkeit der Sojus-Rakete lösen, bei der die Russen den Preis diktieren können.

Hinter den Kulissen beginnt jetzt das große Tauziehen, welche Unternehmen welche Technik für Europas künftige Lastenrakete Ariane 6 liefern und wie die Arbeitsanteile zwischen den Ländern verteilt werden. Bereits in diesem Jahr sollen erste Entscheidungen getroffen werden. Die Politik soll 2014 dann endgültig alle Details beschließen. Arianespace-Chef Le Gall kann sich eine "Optimierung beim Produktionsprozess" vorstellen. Details will der Franzose dazu aber nicht nennen.


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