Technikalltag Auf den Spuren der PC-Mützen-Stricker


Strickmützen für PCs und Papierhandys für Tote - die Anthropologin Genevieve Bell wird vom Chiphersteller Intel um die Welt geschickt, um zu beobachten, was die Menschen mit Technik im Alltag anstellen.

Wenn Genevieve Bell von einer Geschäftsreise nach Hause kommt und sich fühlt wie eine Fremde, dann weiß sie, dass sie gute Arbeit geleistet hat. Je seltsamer ihr die eigene Wohnung scheint, je merkwürdiger ihr die Nachbarn vorkommen, je weniger sie sich im Supermarkt zurechtfindet – um so besser. Denn Genevieve Bell lebt davon, in ferne Länder zu reisen, das Fremde in sich aufzusaugen und mit heim zu bringen nach Portland, Oregon, eine verschlafene Hafenstadt an der Nordwestküste der USA.

Als Ethnographin beschäftigt Bell sich von Berufs wegen mit kulturellen Gegensätzen. Früher lehrte die 36-Jährige an der renommierten Universität von Stanford, heute steht ihr Schreibtisch in einem Forschungszentrum des Chipherstellers Intel. Dort sitzt sie Pappwand an Pappwand mit Informatikern und Physikern in einem dieser typisch amerikanischen Großraumbüros, in denen fleißige Arbeitsbienen vor sich hinbrummen, und wertet die Ergebnisse ihrer Feldforschung aus.

Sehen, wir Menschen Technik wirklich benutzen

Derzeit steckt Bell mitten in einem Projekt über Asien: In den vergangenen 18 Monaten hat sie 82 Haushalte in 16 Städten und sechs Ländern besucht, von Indien bis Südkorea, dabei etliche Kladden mit Notizen gefüllt, 12.000 Fotos geschossen und 400.000 Vielfliegermeilen gesammelt. Das alles mit dem Ziel, Asiens wachsende Mittelklasse besser zu verstehen: "Wir wollten sehen, wie die Menschen Technik nutzen", erklärt Bell. "Was sie mit Technik anfangen und – noch wichtiger – was sie nicht machen und warum sie etwas nicht machen."

Der PC wird gehütet wie ein Augapfel

Was sie machen, ist zum Beispiel: PCs in Plastikfolie hüllen. In Indien, wo viele Familien für ihren Heimcomputer ein kleines Vermögen ausgeben müssen, ist das eine weit verbreitete Vorsichtsmaßnahme. "PCs gelten als relativ zerbrechlich, und die Umgebung ist rauh", erzählt Bell. "Die Luftverschmutzung ist so groß, dass man die Rußpartikel sehen kann. Ich habe mir jeden Abend den Schmutz von der Haut gewaschen." In China beobachtete Bell, dass viele Computer, wie auch Fernseher, von ihren Besitzern Strickhäubchen verpasst bekommen - "so ähnlich, wie man sie früher für Teekannen benutzt hat". Auch das gilt dem Schutz des guten Stücks, aber nicht nur: "Oft war ein Markenname eingestickt", sagt Bell, und nicht immer der echte. "Manchmal war es auch ein besserer." Diese kleine Beobachtung, findet die Forscherin, "sagt so viel aus! Sie zeigt, dass die Geräte als kulturelles Kapital angesehen werden. Sie sind Statussymbole. Sie sagen: Ich kann es mir leisten, einen Computer zu kaufen. Und sie zeigen, dass die Kinder eine bessere Erziehung bekommen."

Bis in den Kühlschrank

Fein. Aber warum kümmert sich ausgerechnet Intel um solche Details aus fernen Wohnzimmern? Und es ist ja nicht nur Genevieve Bell - eine ganze, zehnköpfige Abteilung namens "People and Practices" ("Menschen und Gewohnheiten") reist seit 1999 um die Welt, um die Sitten fremder Völker zu dokumentieren. Jeweils für drei bis fünf Wochen packen die Ethnographen ihre Koffer - "länger lässt sich zu Hause die Post nicht stoppen" -, und dann rücken sie ihren Gastfamilien auf die Pelle und wollen die banalsten Dinge wissen: Wann sind Sie heute aufgestanden? Darf ich mal in Ihren Kühlschrank schauen? Wo kaufen Sie Ihre Butter?

Chinesen lieben SMS-Witze

"Deep hanging out" nennt Bell diese Art der Feldforschung, was bedeutet: Mit fremden Leuten herumhängen und tief in ihren Alltag eintauchen, um ihr Leben besser zu verstehen. Dahinter steht die Hoffnung, Dinge zu erfahren, die traditionelle Marktforschung übersieht. "Es geht um den Unterschied zwischen dem, was Menschen sagen, was sie tun - und dem, was sie wirklich tun", erklärt Bell. Auf die Frage "Was machen Sie denn so mit Ihrem Handy?" antworteten ihr Chinesen erwartungsgemäß: Telefonieren und SMS-Nachrichten verschicken. Doch dann fiel Bell auf, dass ihre Gesprächspartner immer wieder aufs Display schauten und kicherten - sie schickten sich Witze per SMS, ein Massenphänomen, das von sich aus niemand erwähnt hatte. "Sie fanden es nicht wichtig", sagt Bell. Doch Intel findet alles wichtig, aus Prinzip.

Der Wert liegt im Verborgenen

Dass Engländer viel Zeitungen lesen, Italiener sich vorzugsweise in der Küche tummeln und Deutsche gern in Biergärten gehen (wenn sie nicht gerade in Urlaub fahren) - selbst das fanden die Ethnographen bemerkenswert genug, um es in einer Europa-Studie ausführlich zu dokumentieren. Warum, fragten sich anfangs sogar ihre Kollegen: "Der Wert unserer Arbeit erschließt sich nicht immer auf den ersten Blick", sagt Bell. Es springen keine neue Produkte dabei heraus, keine Prototypen zum Vorzeigen, nur Vorstellungen darüber, welche Rolle Technik im Alltag übernehmen könnte und was sie leisten muss, wenn sie sich verkaufen soll. Ein Beispiel ist die neue Intel-Werbekampagne für "Centrino"-Chips, die das Internet drahtlos machen: "Da heißt es nicht 'Kabel ab mit 2,4 Gigahertz'", sagt Bell, "sondern einfach nur 'Kabel ab!'" Zu viel Technik schreckt manchmal ab. "Das haben wir bei Intel endlich begriffen", sagt Bell - auch dank ihrer Hilfe.

Handys mit Mekka-Zeige-Service

Was sie tun können, um ihre Produkte menschenfreundlicher zu machen, loten amerikanische Computerfirmen schon seit Jahren aus. Sie wissen inzwischen ziemlich genau, was Billy Bob und Mary Jane in Kansas erwarten - es sind die seltsamen Menschen mit seltsamen Vornamen in Kairo, Köln und Kuala Lumpur, die ihnen Rätsel aufgeben. Welcher Produktmanager im Silicon Valley ahnt schon, dass es Bedarf geben könnte für Handys, die anzeigen, wo Mekka liegt? In vielen muslimischen Ländern ist das ein gefragter Service, weil Gläubige gehalten sind, sich fünfmal am Tag im Gebet gen Mekka zu verneigen. Woran sich wiederum Muslime in London per SMS erinnern lassen können – auf Wunsch auch nach saudi-arabischer Tageszeit.

Burn, Handy, burn

Ähnlich verblüffen dürfte finnische Ingenieure die Nachricht, dass Chinesen in Malaysia Papier-Handys für ihre Toten verbrennen. Traditionell zünden die Menschen dort Papiergeld für ihre Angehörigen an, damit sie im Jenseits nicht mittellos sind - inzwischen gehen auch Nokia-Imitate in Rauch auf. "Hier haben wir ein Produkt, das selbst für Tote unentbehrlich geworden ist!", jubelt Bell mit derselben Entdeckerfreude, die Indiana Jones angesichts verborgener Goldschätze ergreift.

Grün für die Dame, schwarz für den Herrn

Natürlich ist Bell sofort losgelaufen und hat sich in Penang solche Papier-Handys gekauft - zwei Packungen: eine mit einem schrill grünen Telefon, Marke "Mikia", für die Damen; die andere mit einem dezent schwarzen Handy ("Ainok") nebst Batterie und Ladegerät für männliche Verblichene. "Und es kommt noch besser!", ruft Bell. "In einer anderen Stadt, Ipoh, kehren die Menschen einmal im Jahr zurück ans Grab und bringen ihren Toten neue Telefone mit!" Könnte ja sein, dass Technik im Jenseits auch so schnell veraltet…

Aufgewachsen im australischen Busch

Genevieve Bell ist eine Frau, die in Ausrufezeichen spricht, und sie spricht viel. Sie spricht laut, sie redet mit den Händen, an denen kein Finger ohne Ring ist, sie fährt sich durchs rotbraune Haar, sie lacht, sie sprudelt über vor Anekdoten, und sie lässt keine Gelegenheit aus, mit alledem zu kokettieren. "Auch wenn's vielleicht schwer zu glauben ist", sagt sie, "ich kann ganz still sein und stundenlang zuhören!" Gelernt ist gelernt. Als Tochter einer Anthropologin in ihren Beruf beinahe hineingeboren, lebte Klein-Genevieve jahrelang im australischen Busch. Dort betrieb ihre Mutter Feldstudien über die Ureinwohner, die Aborigines. In die Schule ging Genevieve nicht, dafür lernte sie essbare von giftigen Beeren zu unterscheiden und auch, dass echte Forscher immer erstmal eines beschützen: ihre Aufzeichnungen. Bei einem Buschfeuer musste Mama Bell sich einmal zwischen ihren Notizen und ihren Kindern entscheiden – "ihre Notizen haben gewonnen", sagt Bell und lacht. "Die hat sie gerettet. Uns hat sie angeschrien, dass wir uns in Sicherheit bringen sollen."

Australien, ihre Heimat, ist das Land, das Bell in ihrem Asien-Projekt noch fehlt. Im Oktober will sie zurückkehren und dort ihre eigenen Feldstudien betreiben, in Sachen Mensch und Technik. Kann das gutgehen? Kennt sie das Land nicht viel zu genau, um den Alltag wissenschaftlich distanziert zu beschreiben? "Ach, ich war schon ewig nicht mehr da", sagt sie. "Ich bin 1986 weggezogen und seitdem nur ein paarmal dagewesen. Da hat sich so viel verändert, es könnte glatt ein fremdes Land sein." Schwein gehabt!

Karsten Lemm

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