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Modulares Smartphone: LG G5 im Test: Das geht zu weit

Dank Doppelkamera und Erweiterung per magischem Slot ist das LG G5 eines der spannendsten Smartphones des Jahres. Aber ist innovativ auch wirklich besser? Der Test verrät es.

LG G5

Das LG G5 sieht gewöhnlicher aus, als es ist. Nur die Dualkamera sticht deutlich hervor.

Das Smartphone sei zu Ende erzählt, behaupteten letztes Jahr eine Menge Experten. Alle sehen ähnlich aus, haben nahezu die gleichen Features. Klar, hier ist mal der Prozessor schneller, da das Design etwas schicker. Und die Kameras werden immer besser. Aber echte Neuerungen sind doch eher die Ausnahme. Dann kam im Februar LG und stellte das LG G5 vor - und das strotzte geradezu vor neuen Ideen. Von Innovationsmangel keine Spur. Aber ist das Ergebnis auch wirklich besser als die Konkurrenz?

Auf dem Papier klingt das LG G5 wirklich beeindruckend: Spitzentechnik im Metallgehäuse. Dazu eine innovative Doppelkamera und einen Schlitz, Magic Slot genannt, über den sich das Smartphone mit Ansteckmodulen verbessern lässt. Nimmt man es dann das erste Mal in die Hand, ist der Aha-Effekt deutlich kleiner. Bis auf die markante Doppelkamera auf der Rückseite sieht das G5 erst einmal aus wie viele andere Smartphones auch.

So sieht das LG G5 im Detail aus
LG G5

Die linke Kamera ist die Hauptknipse, die rechte unterstützt sie mit einem Weitwinkel-Objektiv.

Kein Design-Preis für das LG G5

Beim grundsätzlichen Design lehnt sich LG nicht besonders weit aus dem Fenster. Wie die Konkurrenten setzt man auf ein Metall-Gehäuse mit leicht abgerundeten Kanten. Ähnlich wie beim Galaxy S7 Edge ist das Display ganz leicht zur Kante abgerundet. Die Rundung fällt allerdings deutlich sanfter aus, zudem neigt sich das Display zum oberen statt zu den Seitenrändern. Während das Edge-Display wirklich schick aussieht, ist die Rundung beim G5 kaum zu bemerken - und wirkt eher unförmig. Dass der obere Displayrand Schwarz und der untere Silber-farben ist, macht das G5 leider auch nicht hübscher.

Die Verarbeitung ist sehr ordentlich, allerdings nicht ganz auf demselben Niveau wie bei Apple, Samsung oder mittlerweile auch Huawei. Beim Einschub für den Magic Slot ist die Plastikleiste um das Smartphone etwa nicht vollständig gleichmäßig, sondern ganz leicht versetzt. Das ist nicht schlimm und fällt kaum auf, wäre bei den Premium-Konkurrenten aber wohl nicht vorgekommen.

Prallvoll mit toller Technik

Technisch hat das LG G5 alles an Bord, was man von einem Spitzenmodell erwartet. Der Prozessor ist der schnellste auf dem Markt, er wird auch im Galaxy S7 und vielen anderen Topsmartphones verbaut. Der Arbeitsspeicher fällt mit 4 Gigabyte üppig aus. Im Alltag bedient es sich immer flink. Das 5,3 Zoll große Display ist mit der extrem hohen QuadHD-Auflösung von 2560 x 1440 Bildpunkten knackscharf und bietet ein tolles Bild mit knalligen Farben und einem satten Schwarz. Der Speicher ist mit 32 GB ausreichend groß, er lässt sich zudem per MicroSD-Karte erweitern. Nichts zu meckern also. Aber auch nichts, was es von anderen Spitzengeräten absetzt.

Dazu hat das Gerät ja seine Doppelkamera. Die ist die erste auf dem Markt, die Konkurrenz dürfte aber bald nachziehen. Das Huawei P9 kommt ebenfalls bald in den Handel, gerüchtweise soll auch das iPhone 7 zumindest in einzelnen Versionen zwei Kameras mitbringen. Doch was bringt das überhaupt? Beim G5 hat die zweite Kamera zwei Funktionen: Zum einen unterstützt sie die herkömmliche Hauptkamera, wenn die Lichtverhältnisse schlechter sind. Dann hat das G5 tatsächlich etwas weniger Bildrauschen als die Konkurrenz, die Details sind besser zu sehen. Das liegt sicher auch an der lichtstarken f1.8-Blende.

So wirkt der Panorama-Modus des LG G5
LG G5

Der Hamburger Hafen: Im normalen Modus...

Weil die Zweitkamera zudem einen weiteren Aufnahmewinkel hat, kann man mit dem G5 außerdem Panorama-Bilder aufnehmen, ohne dafür das Smartphone durch die Gegend bewegen zu müssen. Man schaltet einfach per Option auf dem Display in den Panorama-Modus - und schon ist der Blickwinkel drastisch größer. Das Foto fängt einen viel größeren Bereich ein. Das sieht wirklich toll aus. Zumindest, solange man nicht ins Bild zoomt. Denn dann sieht man schnell, dass im normalen Fotomodus deutlich mehr Details zu sehen sind. Der Panorama-Modus taugt also nicht für Standard-Aufnahmen, sondern nur, wenn man wirklich mal einen größeren Bereich einfangen will.

Für "normale" Fotos eignet sich die Knipse hervorragend. Die 16-Megapixel-Kamera schießt detailreiche Bilder mit realistischen Farben. Wie beim Galaxy schärft die Software allerdings etwas nach. Zoomt man zuweit ins Bild, wirkt das unnatürlich. Der Effekt tritt im Allgemeinen nur bei sehr starker Vergrößerung auf, bei Panorama-Bildern allerdings merkbar früher. Insgesamt ist der Effekt der Doppelkamera etwas enttäuschend. Die Bilder sind nicht signifikant besser als die des iPhone 6s oder des Galaxy S7. Nur der Panorama-Modus sticht wirklich heraus, ist dank der fehlenden Details aber auch nur begrenzt brauchbar. Trotzdem: Die Kamera des LG G5 gehört klar zu den besten auf dem Markt. Man hätte sich von der neuen Technik aber etwas mehr Revolution erhofft. 

Die Selfie-Kamera ist übrigens mit 8 Megapixeln ebenfalls recht potent. Allerdings haben die Bilder einen leichten Weichzeichner-Effekt, der wohl kleinere Hautunreinheiten und ähnliches ausgleichen soll, dadurch aber für ein unnatürliches Bild sorgt.

Magic Slot ohne Magie

Während Dualkameras dieses Jahr wohl in mehr Geräten zu finden sein werden, hat LG mit dem Magic Slot tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal für sein Topgerät. Der untere Bereich des Smartphones lässt sich - gemeinsam mit dem wechselbaren Akku - abnehmen und gegen andere Module austauschen. Bei der Vorstellung zeigte LG etwa ein Modul für verbesserte Musik-Wiedergabe sowie ein Kamera-Modul, das allerdings nur einen Blitz und ein Zoom-Rad enthielt und kein besseres Objektiv. Zudem sind eine 360-Grad-Kamera und eine VR-Brillen-Modul im Angebot. Nervig: Um das Modul zu wechseln, wird auch immer der Akku herausgezogen. Und das Gerät geht aus.

So toll die Idee ist, sein Smartphone mit Modulen zu erweitern: Die meisten Nutzer werden für die aktuell angebotenen Module wohl wenig Verwendung finden. Zu speziell sind die Anwendungsbereiche, sie sind mit einem Preis um 99 Euro pro Modul zudem recht teuer. LG erlaubt Drittanbietern zwar, eigene Module zu entwickeln. Solange die aber nur für ein einziges Gerät benutzbar sind, wird der Markt kaum explodieren. Man darf also bezüglich der Entwicklung des Magic Slots durchaus skeptisch sein. Obwohl die Idee natürlich erst einmal sehr kreativ und auch gut umgesetzt ist.

Enttäuschender Akku

Dass der Akku sich auswechseln lässt, ist übrigens wirklich lobenswert. Viele Hersteller verzichten mittlerweile darauf. Was die Laufzeit angeht, enttäuscht das LG G5. Mit 2800 Milliamperestunden ist der Akku für ein Smartphone dieser Größe etwas schwach auf der Brust. Nach spätestens einem Tag ist Schluss. Andere Riesen-Smartphones haben da oft noch mehr Reserve und sind nicht ganz so dringend auf die nächste Steckdose angewiesen. Vielnutzer werden mit dem G5 vermutlich nicht über den Tag kommen. Immerhin: Dank Schnelllade-System ist der Akku ruckzuck gefüllt, in knapp einer halben Stunde ist der Akku halb voll.

Auch zur Software sollte man ein Wort verlieren. LG setzt auf eine leicht modifizierte Version des aktuellen Android 6 mit dem Code-Namen Marshmallow. Die bringt allerdings kaum Verbesserungen, sondern macht die Benutzung oft unnötig kompliziert. Die Menüs sind deutlich verschachtelter als beim puren Android. Die LG-Tastatur ist für schnelles Tippen auf Deutsch kaum geeignet, die Umlaute sind extrem umständlich zu erwischen. Großschreibung beherrscht die Autokorrektur allem Anschein nach überhaupt nicht. Klar, das kann man alles mit einem Wechsel auf die tolle Google-Tastatur ausbügeln - die muss allerdings händisch nachinstalliert werden. Da wäre LG mit einem unveränderten Android sicher besser gefahren.

Fazit: Innovation alleine reicht nicht

Das LG G5 ist ein tolles Smartphone, ganz ohne Zweifel. Die Technik ist bis auf den mageren Akku voll auf dem Stand der Zeit, im Gegensatz zu den manchmal etwas konservativen Konkurrenten hat LG viel Wert auf Innovation gelegt. Das ist zunächst einmal sehr lobenswert.

Die Begeisterung bleibt leider irgendwie aus. Denn wirklich besser machen die Innovationen das LG G5 nicht. Die Kamera gehört zu den besten auf dem Markt, herausstechen kann sie aber kaum. Der Magic Slot ist eine tolle Idee - ohne echten Anwendungsfall. Und das Design mit der nach oben abgerundeten Kante hat man zwar noch nirgendwo anders gesehen, aber aus gutem Grund.

So ist das LG G5 immer noch ein sehr gutes Smartphone, aber ohne den erhofften Wow-Faktor. Wer oft Panorama-Bilder macht oder ganz heiß auf die Möglichkeiten des Magic Slots ist, findet aktuell kein passenderes Smartphone. Alle anderen dürfen überlegen, ob sie zu einem vergleichbaren Preis nicht lieber zum Galaxy S7 greifen. Das ist zwar deutlich konservativer, aber technisch weitgehend gleichwertig. Und es hat zusätzlich noch ein echt schickes Äußeres zu bieten.

Das LG G5 ist bereits zu einem Preis von 699 Euro im Handel erhältlich.