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Smartphone: Xiaomi Mi 10 im Test: Warum ausgerechnet die 108-Megapixel-Kamera enttäuscht

Smartphones aus China locken normalerweise mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Das Xiaomi Mi 10 trumpft dagegen mit Superlativen auf: 128 Megapixel, 5G, riesiger Bildschirm. Ist es eine Konkurrenz für Apple und Samsung? Unser Test verrät's.

Das Xiaomi Mi 10 misst 6,7 Zoll

Das Xiaomi Mi 10 misst 6,7 Zoll

Smartphones von chinesischen Herstellern haben den Ruf, gut und vor allem günstig zu sein. Zumindest Letzteres ist jedoch nicht mehr selbstverständlich: Vor allem bei den Flaggschiffgeräten greifen etablierte chinesische Hersteller mittlerweile ebenso tief ins Portemonnaie wie die Konkurrenten aus Südkorea, Japan oder den USA.

Das jüngste Beispiel dafür ist das Mi 10, das aktuelle Premiummodell von Xiaomi. Der Straßenpreis liegt bei rund 700 Euro, das Pro-Modell mit etwas besserer Ausstattung kostet mit 870 Euro beinahe so viel wie ein nagelneues iPhone oder Samsung Galaxy. Doch wenn der Preisvorteil weg fällt, ist das Gerät dann überhaupt noch ein Deal? Was man für das Geld bekommt, verrät unser Test.

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Gehäuse: Schicker Riese

Mit 163 x 75 x 9 Millimetern ist das Xiaomi Mi 10 kein kleines Gerät. Man sollte große Smartphones wirklich mögen, wenn man sich für dieses Telefon entscheidet. Mit 208 Gramm ist es angesichts des Formfaktors nicht über die Maße schwer. Apples iPhone 11 Pro Max bringt bei ähnlicher Größe 224 Gramm auf die Waage. Die schimmernde Glasrückseite dürfte Blicke auf sich ziehen, allerdings ist sie ein Fingerabdruckmagnet. Ständig hat man das Verlangen, mit einem Poliertuch darüber zu wischen. Wer schön sein will, muss eben reiben.

Schade: Das Gehäuse ist nicht staub- und wasserdicht. Das ist bei Smartphones dieser Preisklasse eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Der Bildschirm ist mit seinen abgerundeten Kanten ein Hingucker.

Der Bildschirm ist mit seinen abgerundeten Kanten ein Hingucker.

Bildschirm: Da ist ein Loch im Display

Ein Hingucker ist auch das riesige Display. Mit 6,7 Zoll ist es größer als der Bildschirm des iPhone 11 Pro Max, der 6,5 Zoll misst. Das Display selbst punktet mit einem scharfen Bild, satten Kontrasten und einer ausgesprochen hohen Helligkeit. Selbst im direkten Sonnenlicht lässt es sich gut ablesen. Es wölbt sich elegant um den Rand, was schick aussieht, aber keinen Mehrwert zu planen Bildschirmen liefert und sich bei Stürzen bitter rächt. Eigentlich ist dieses Telefon zu schick, um es in eine Schutzhülle zu sperren, aber aus Vernunftsgründen spricht vieles dafür.

Die Sorge vor ungewollten Bildschirmeingaben mit dem Handballen können wir nehmen: Das Betriebssystem MIUI 11 bietet eine Einstellung, bei der man einen roten Bereich, quasi eine tote Zone, definieren kann, in welcher der Touchscreen nicht reagiert - eine clevere Lösung.

Als erstes Xiaomi-Telefon bietet das Mi 10 eine variable Bildwiederholrate. Standardmäßig läuft es mit 60 Hertz, bei Bedarf kann man auf 90 Hertz hochschalten, wodurch Animationen wie etwa das Scrollen im Browser flüssiger wirken. Andere Android-Konkurrenten für weniger Geld bieten jedoch schon 120-Hertz-Displays. Je höher die Bildwiederholrate, desto schneller ist jedoch der Akku leergesaugt. Man sollte die Option also mit Bedacht einschalten.

Experimente wie eine ausfahrbare Pop-Up-Kamera gibt es beim Mi 10 nicht, oben links im Bildschirm befindet sich ein kleines Loch, in dem die Selfie-Kamera steckt. Wer sein Gerät lieber mit dem Finger entsperrt: In den Einstellungen lässt sich ein Fingerabdrucksensor aktivieren, der in den Bildschirm integriert ist. Der funktionierte in unserem Test zuverlässig.

Einen 3,5-Millimeter-Klinkenanschluss für kabelgebundene Kopfhörer gibt es nicht.

Vier Kameras verbergen sich auf der glänzenden Rückseite.

Vier Kameras verbergen sich auf der glänzenden Rückseite.

Kamera: 108 Megapixel, aber ...

So elegant das Design im Allgemeinen ist, der lange Kamerariegel auf der Rückseite wirkt wie ein Fremdkörper. Während drei Linsen im Modul herausragen, ist die vierte Linse eine Mini-Insel darunter, wodurch das Kamera-Modul wie ein Ausrufezeichen wirkt. Dass die obere Linse von einem reflektierenden Chromring umkreist wird, der Rest jedoch nicht, wirkt ebenfalls beliebig.

Doch am Ende zählen die inneren Werte, und hier lässt vor allem eine Zahl aufhorchen: Laut Aufdruck ist im Xiaomi Mi 10 ein 108-Megapixel-Sensor eingebaut. Das klingt spektakulär, bedenkt man, dass selbst das iPhone 11 Pro mit gerade einmal 12 Megapixeln knipst.

Doch wie früher bei Digital-Kompaktkameras sagt die reine Megapixel-Zahl nichts über die Bildqualität aus. Denn verglichen zum Normalmodus sind die 108-Megapixel-Bilder nicht nur deutlich größer, sie benötigen auch mehr Zeit in der Erstellung. Und der Qualitätsgewinn ist überschaubar, zumal die meisten Bilder niemals außerhalb des Displays angesehen werden.

Dieses Bild des Porträtmodus zeigt ein Problem des Xiaomi Mi 10. Das fokussierte Motiv erscheint herausragend scharf, zu den Rändern hin setzt aber ein unnatürlich wirkender Unschärfe-Effekt ein. Der gelingt anderen Smartphones deutlich besser. 

Dieses Bild des Porträtmodus zeigt ein Problem des Xiaomi Mi 10. Das fokussierte Motiv erscheint herausragend scharf, zu den Rändern hin setzt aber ein unnatürlich wirkender Unschärfe-Effekt ein. Der gelingt anderen Smartphones deutlich besser. 

Die Hauptkamera knipst detailreiche Bilder, hervorragend ist die Schärfe im Fokusbereich. Leider ist der Schärfebereich in den meisten Situationen sehr klein - das bedeutet, dass ein Bereich sehr detailreich dargestellt wird, der Rest aber schnell sehr unscharf wird. Ein Effekt, der auch im Porträtmodus zu beobachten ist. Das Bokeh setzt sehr früh ein, der Übergang gelingt bei vielen anderen Smartphones weicher. Auch die Farben sind gelegentlich etwas blass, insbesondere was Hauttöne betrifft. Angesichts des Preisschildes und der Tatsache, dass die Kamera bei DxO Mark die bislang höchste Wertung erhalten hat, bleibt sie jedoch hinter unseren Erwartungen zurück.

Eine Ultraweitwinkelkamera mit 13 Megapixeln ist ebenfalls an Bord, der Aufnahmewinkel ist jedoch nicht so groß wie beim iPhone 11. Eine nette Spielerei ist die Makro-Funktion, mit der man etwa Details in Blüten einfangen kann.

Der Makromodus beim Xiaomi Mi 10. Auf dem Smartphone-Display wirkt der Effekt cool, auf einem großen Monitor fällt leider deutlich das Bildrauschen auf. Schade.

Der Makromodus beim Xiaomi Mi 10. Auf dem Smartphone-Display wirkt der Effekt cool, auf einem großen Monitor fällt leider deutlich das Bildrauschen auf. Schade.

Auf einem großen Bildschirm betrachtet fällt jedoch auf, dass die Bilder eine starke Körnung aufweisen und die Qualität (der Sensor hat zwei Megapixel) nur mäßig ist. Für Profis ist das Makro definitiv keine Option.

Wer lieber filmt als knipst: Das Mi 10 kann Videos nicht nur in 4K, sondern sogar in 8K aufnehmen. Jedoch dürfte kaum jemand das passende Endgerät für diese Aufnahmen haben.

Prozessor und Akku: Es läuft und läuft

Angetrieben wird das Xiaomi Mi 10 mit einem Prozessor des Typ Snapdragon 865. Der Achtkerner bietet mehr als genug Rechenleistung für anspruchsvolle 3D-Spiele und dürfte mit gegenwärtigen Apps kaum an seine Grenzen gebracht werden können. Der eingebaute Speicher zählt ebenfalls zu den schnellsten, die man derzeit kaufen kann. Insgesamt ist das Mi 10 eines der schnellsten Smartphones am Markt.

Bemerkenswert: Mit dem beigelegten Netzteil ist der Akku via USB-C in weniger als einer Stunde aufgeladen. Die Batterie selbst ist üppig bemessen, selbst als Vielnutzer kommt man ohne Steckdose über den Tag. Wer nur gelegentlich surft, chattet und fotografiert, schafft auch locker zwei Tage, das hängt jedoch von diversen Faktoren wie Bildschirmhelligkeit, Bildwiederholrate und Mobilfunkverbindung und dem eigenen N utzungsverhalten ab.

Kabelloses Laden ist ebenfalls möglich, auf Wunsch gibt es auch "reverse charging", also das Aufladen anderer Geräte durch Auflegen. Auf diese Weise kann man Kopfhörer mit Qi-Unterstützung oder sogar ein anderes Smartphone aufladen, auch wenn das einige Zeit dauert.

In puncto Konnektivität muss man sich keine Gedanken machen: Das Mi 10 unterstützt das moderne Wi-Fi 6 und den neuen Mobilfunkstandard 5G. Den richtigen Tarif und Wohnort vorausgesetzt (denn bislang ist 5G alles andere als ein Massenphänomen) kann man mit dem Gerät unterwegs ultraschnell surfen. Das macht das Mi 10 auch für die nächsten Jahre zukunftstauglich.

Das Xiaomi Mi 10 ist ziemlich groß

Das Xiaomi Mi 10 ist ziemlich groß

Fazit

Die Firma Xiaomi wurde berühmt für das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Geräte. Das Mi 10 bricht mit dieser Tradition, mit rund 700 Euro ist es ähnlich teuer wie die Premium-Modelle der Konkurrenz. Die Verarbeitung des Geräts ist hochwertig und auch das Design gefällt uns sehr. Das Display ist sehr hell, die Akkulaufzeit top. Gut gefallen haben uns außerdem die Schnellladefunktion und die 5G-Unterstützung.

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Ein Manko ist die fehlende IP-Zertifizierung. Etwas enttäuscht waren wir von der Kamera: Die Hauptlinse knipst zwar gute, scharfe Fotos - doch weder der Porträtmodus noch der Makro-Modus konnten begeistern. Wenn man schon vier Linsen hat, sollten auch alle ihren Zweck erfüllen. Beide Kritik-Punkte wären bei Sparmodellen ein verkraftbarer Kompromiss, für ein Premium-Modell sind sie eigentlich nicht akzeptabel.

Alternativen zum Xiaomi Mi 10 sind das Samsung Galaxy S20+ oder das neue Oneplus 8 Pro, das uns im Test ebenfalls sehr gut gefallen hat. Wem das Android-Betriebssystem nicht so wichtig ist, der findet beim - allerdings deutlich kleineren - iPhone 11 eine gute Alternative. Ist man bereit auch 1100 Euro auszugeben, ist das iPhone 11 Pro Max einen Blick wert.


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