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"Generation Beziehungsunfähig" Bestseller-Autor Michael Nast: "Auf dem Single-Markt gibt es fast nur beschädigte Ware"

Michael Nast
Michael Nast, 45, sprach mit seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig" vielen Menschen aus der Seele
© Steffen Jänicke
Mit seinem Bestseller stellte Michael Nast der "Generation Beziehungsunfähig" eine vernichtende Diagnose. Sein neues Buch verspricht Lösungen bei der Suche nach Liebe. Nasts These im NEON-Interview: Wir suchen Beziehungen und tun gleichzeitig alles dafür, sie zu vermeiden.

NEON: Michael, dein Buch "Generation Beziehungsunfähig" war 2016 ein Bestseller, mit dem sich viele Menschen identifizieren konnten. Dein neues Buch trägt den Titel "Generation Beziehungsunfähig – die Lösungen". Ehrlich gesagt: Das klingt ganz schön hochgegriffen.
Michael Nast:
Der Titel klingt erst mal wie ein Marketingtrick. Mir hat es aber wirklich geholfen, mich mit Psychologen über das Thema zu unterhalten – und das war für mich eine massive Selbsterkenntnis. Es gibt zwar keine Checkliste oder Anleitung. Aber nicht nur die Symptome zu sehen, sondern auch mal die Ursachen, hat schon gereicht, um erste Veränderungen vorzunehmen.

Im Kern geht es um das Problem, dass es vielen Menschen schwerfällt, belastbare Liebesbeziehungen aufzubauen und dann auch zu erhalten. Was sind deine wichtigsten Lösungsansätze dafür?
Letztendlich geht es darum, dass man erst mal eine Beziehung zu sich aufbaut. Diese fehlende Beziehung zu sich selbst ist die eigentliche Beziehungsunfähigkeit unserer Zeit. Man sollte sich also selbst besser kennenlernen und verstehen, warum man sich so verhält, wie man sich verhält. Auch zu verstehen: Was sind denn meine Bedürfnisse in einer Partnerschaft? Ich hatte zum Beispiel immer das Gefühl, gestörte Frauen anzuziehen.

Gestörte Frauen?
Also Frauen mit einem problematischen Charakter. Aber die haben mich ja nicht dazu gezwungen, mich in sie zu verlieben. Sie müssen irgendein Muster bei mir bedient haben, ein unbewusstes Trauma aus der Kindheit. Die Psyche sucht immer wieder nach Personen, mit denen sie das auflösen kann. Am Ende gelingt das meistens nicht und es bricht auseinander. Und dann fängt man wieder von vorn an.

Und wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen?
Das ist heute generell ein Problem in Beziehungen. Die Leute kommen in eine Beziehung, es entstehen Probleme, und statt daran zu arbeiten, denken die meisten, das ist der falsche Partner und sie trennen sich. Mit einem neuen Partner kommen aber die gleichen Probleme wieder. Da muss man herausfinden, warum das passiert und wer man eigentlich ist. Eigentlich müsste in dieser Gesellschaft jeder über 30 mal eine Therapie machen.

Cover "Generation Beziehungsunfähig – Die Lösungen"
Michael Nast
"Generation Beziehungsunfähig – die Lösungen"

303 Seiten
16,95 Euro
Edel Books
© Edel Books

Welche Fehler machen wir noch auf der Suche nach Beziehungen?
Der große Denkfehler ist: Liebe passiert einfach so. Man trifft jemanden und dann ist die große Liebe da. Aber Liebe ist Arbeit, sie entsteht in der Zeit. Und wir sind nicht dafür bekannt, dass wir uns viel Zeit nehmen. Wir haben eine Liste mit Eigenschaften, die der Partner haben sollte, und wenn dann eine Eigenschaft nicht reinpasst, entscheiden wir uns dagegen. Ein Prozent der Person sorgt dafür, dass wir uns gegen sie entscheiden, und die anderen 99 Prozent sind plötzlich völlig unwichtig. Wenn man sich das mit gesundem Menschenverstand anguckt, ist das völliger Quatsch. Wir wünschen uns also alle eine Beziehung und tun gleichzeitig alles dafür, eine Beziehung vermeiden.  

Wie erklärst du dir dieses Paradoxon? Liegt es an den Ansprüchen?
Wir sind einfach sehr Ich-bezogen. Unbewusst sehen wir eine Beziehung gar nicht als gleichberechtigte Partnerschaft, sondern als Teil unserer Selbstverwirklichung. Man investiert und will auch etwas dafür haben. Die hohen Ansprüche, denen keiner gerecht werden kann, sind unterbewusst eine beziehungsvermeidende Maßnahme. Und je länger man Single ist, desto mehr wird diese Liste verfeinert.

Bedeutet das, dass es schwieriger wird, einen Partner zu finden, je länger man Single ist?
Ja, weil du die Freiheit des Alleinseins hast. Du musst auf niemanden Rücksicht nehmen und wirst mit der Zeit kompromissloser. Wenn man länger Single ist, ist man festgefahrener in Bezug auf seine Routinen, seinen Charakter, seine Persönlichkeit. Die meisten Leute leiden ja nicht darunter. Ich zumindest war nie ein unglücklicher Single.

Sich küssendes Paar

Macht es jede Trennung, jede Enttäuschung noch schlimmer?
Jede Trennung, egal wie lange eine Beziehung dauerte, bedeutet eine Verletzung bei uns. Manchmal sind es kleine, manchmal große, manchmal ganz krasse Verletzungen. Aber die sammeln sich über die Zeit und die Psyche versucht, sich vor erneuten Verletzungen zu schützen. Da findet das Gehirn perfide Wege zu verhindern, dass wir wieder in eine solche Situation geraten könnten. Das klingt jetzt brutal, aber auf dem Single-Markt gibt es fast nur beschädigte Ware.

Dating-Apps wie Tinder machen bei der Partnersuche einiges einfacher, aber verschärfen diese Probleme dann eigentlich doch nur.
Das Problem ist nicht die App selbst, sondern der Nutzer. Die meisten benutzen Tinder nicht richtig. Sie suchen nach Quantität statt Qualität. Eigentlich musst du eine Person finden und mit der zusammenwachsen. Auf Tinder denken die meisten: Es kann noch was Besseres geben. Und natürlich macht es psychologisch etwas mit einem, wenn man Leute anhand eines Fotos quasi wegwirft. Ich habe auch Frauen auf Privatpartys kennengelernt und war begeistert von ihnen, aber ich wusste: Auf Tinder hätte die mich nicht interessiert.

Du hast mit deinem Buch das sehr beliebte Label "beziehungsunfähig" etabliert, das sich seitdem viele anheften. Dabei gibt es nur wenige, die in dem Bereich eine ernsthafte Störung haben. Hast du damit auch einen Vorwand für eine weitere beziehungsvermeidende Maßnahme geschaffen?
Eine Beziehungsunfähigkeitsstörung ist eine andere Nummer, da geht es um Beziehungen zu Menschen generell. Das Wort wird tatsächlich oft als Ausrede benutzt. Vielleicht bin ich auch ein bisschen schuld daran, weil ich diesen Begriff geprägt habe. Viele ruhen sich darauf aus: Beziehungsunfähig zu sein ist ja ein Problem, das alle anderen auch haben, dann muss ich mich nicht darum kümmern. Dabei ist es überhaupt nicht so, dass es keine Lösungen dafür gibt.

Wenn die Lösungen existieren und verfügbar sind, warum ist das Problem dann immer noch so präsent?
Weil es ein unbequemer Weg ist. Viele haben sich eingerichtet in dieser unerfüllten Sehnsucht nach Liebe. Sich damit auseinanderzusetzen ist eine jahrelange Arbeit. Es ist viel einfacher zu sagen: Ich bin ein Opfer der Umstände.


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