HOME

Halb Mainz steht Kopf: Die romantische Suche nach der Traumfrau aus Linie 62

Eine dreiminütige Busfahrt in Mainz endet mit großen Gefühlen. Ein junger Mann sucht nun seine Traumfrau – er zeichnet sie und pflastert die Stadt mit Steckbriefen zu. Halb Mainz hilft jetzt schon bei der Suche.

Von Ralf Keinath

Die Linie 62 in Mainz - hier geschah es abends um halb sechs: Paul verliebte sich im Vierersitz in die Frau von gegenüber

Die Linie 62 in Mainz - hier geschah es abends um halb sechs: Paul verliebte sich im Vierersitz in die Frau von gegenüber

Die Mainzer Buslinie 62 verbindet die beiden Stadtteile Weisenau und Gonsenheim, sie fährt vorbei am Volkspark, wo junge Familien grillen, Ältere spazieren gehen, Jugendliche Bier trinken, vorbei an der Synagoge in der Neustadt, deren Architektur an hebräische Buchstaben angelehnt ist, und endet am Gonsenheimer Wildpark, wo Tierfreunde Hirsche, Ziegen und Wildkatzen füttern. Paul*, 29, fuhr an einem Samstagnachmittag allerdings nur drei Minuten mit der 62, nämlich die eher schmucklose Strecke von der Uniklinik zum Hauptbahnhof.

Diese drei Minuten haben gereicht, um sein Leben auf den Kopf zu stellen. Paul kommt eigentlich aus Heidelberg, schreibt dort gerade seine Masterarbeit. Er hatte an diesem Wochenende einen Freund in der Mainzer Oberstadt besucht. Vom Hauptbahnhof sollte nun sein Fernbus nach Heidelberg abfahren. Die beiden stiegen an der Uniklinik ein und setzten sich auf einen Vierersitz entgegen der Fahrtrichtung und gegenüber von einer jungen Frau. Einer Traumfrau.

Und es hat Boom gemacht

"Als ich sie sah, habe ich mich extrem beherrschen müssen, sie nicht pausenlos anzustarren und versucht, mich weiter mit meinem Kumpel zu unterhalten, als ob nichts wäre", erzählt Paul rückblickend. Nach drei Minuten war die Fahrt vorbei, drei Minuten, in denen er einen Entschluss fasste: "Ich habe mir geschworen, sie auf jeden Fall anzusprechen, wenn sie ebenfalls am Hauptbahnhof aussteigen sollte." Und sie stieg am Hauptbahnhof aus. Zu seinem Kumpel sagte Paul: "Ich kann nicht anders - ich muss ihr sagen, wie umwerfend schön sie ist."

Paul spurtete hinter ihr her, als er sie erreichte, sagte er außer Atem: "Du bist die schönste Frau, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe." Herzklopfen habe er gehabt, "sodass ich beinahe ohnmächtig geworden wäre".

Nummer vergessen!

An ihre Reaktion kann sich Paul nicht mehr genau erinnern, er glaubt, "an ihrem Lachen erkannt zu haben, dass sie sehr geschmeichelt war". Er habe sich dann "wie ferngesteuert von ihr entfernt, weil ich durch den Wind war".
Die junge Frau ging Richtung Straßenbahn, er mit seinem Kumpel zur Fernbus-Haltestelle. Dann sei ihm klar geworden, dass er sie nie wiedersehen würde. "Also habe ich panisch in meine Tasche gegriffen, auf irgendeinen alten Kassenzettel meinen Namen und meine Nummer gekritzelt und bin Richtung Straßenbahn gerannt." Der Kumpel rief ihm noch hinterher, dass die Frau schon in die Straßenbahn gestiegen war, die gerade wegfuhr. Pauls Spurt war vergebens. Sollte das schon das Ende einer kurzen Romanze sein?

Der Steckbrief: Wo ist die schöne Unbekannte? Ist sie noch frei? Und: Mochte sie Paul? Der jedenfalls fiebert einem Lebenszeichen entgegen.

Der Steckbrief: Wo ist die schöne Unbekannte? Ist sie noch frei? Und: Mochte sie Paul? Der jedenfalls fiebert einem Lebenszeichen entgegen.


Rückkehr mit Steckbrief

Vielleicht nicht. Etwa eine Woche später fährt Paul nach Mainz zurück. An sämtlichen Haltestellen auf dem Weg von Weisenau zum Hauptbahnhof hängt er "Steckbriefe" auf – inklusive einer Zeichnung von der jungen Frau. "Liebe schöne Unbekannte", so fängt er den Brief an, "leider habe ich bei all dem Adrenalin vollkommen vergessen, dir meine Kontaktdaten zu geben, was mich rückblickend zu Tode ärgert!"
Er beschreibt sie wie folgt: "Du hast dunkelblonde Haare, bist Mitte/Ende 20, ca. 1,75 cm und hattest in etwa ein solches Outfit (?) an (weißes Top, blaue/violette Sommerhose, goldene FlipFlops, Sonnenbrille und deine Handtasche war glaub ich weiß)." Für seine Zeichenkünste entschuldigt er sich sogar: "Dein Gesicht konnte ich leider nicht zeichnen (in deinem Fall könnte das höchstens Michelangelo)." Ein Gesicht wie aus der Sixtinischen Kapelle - darauf muss die schöne Unbekannte doch reagieren!

Halb Mainz sucht mit

Inzwischen ist halb Mainz auf die Liebesgeschichte aufmerksam geworden. Das lokale Onlinemagazin "Merkurist" hat den Steckbrief veröffentlicht. Doch bisher hat sich die Frau nicht gemeldet. Warum ist er nicht den Weg über die Flirtseite "Spotted" gegangen? "Ach, ich bin bei solchen Portalen immer etwas kritisch. Ich ging davon aus, dass ein echter Printaushang deutlich mehr Wirkung hat, als eine von zahllosen Meldungen irgendwo im Internet. Mir schien die Option mit der Zeichnung deutlich ernsthafter, aufrichtiger und romantischer."
Die Mainzer Liebesgeschichte erinnert an den Song "Bye Bye" von Cro, in dem eine Bahnfahrt zu einer kurzen Romanze wird. Cros Geschichte endet allerdings tragisch:
Bye bye, bye bye meine Liebe des Lebens
Und ja, wir beide werden uns nie wieder sehen
Kann schon sein, dass man sich im Leben zweimal begegnet
Doch es beim zweiten Mal dann einfach zu spät ist.

Doch die Geschichte von Paul und seiner Traumfrau aus Bus 62 wird sicher ein anderes Ende nehmen!

Wissenscommunity