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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner ist wütend und frustriert – und gibt mir an allem die Schuld

Maria ist den Streit mit ihrem Partner leid (Symbolbild)
Maria ist den Streit mit ihrem Partner leid (Symbolbild)
© South_agency / Getty Images
Schon wegen Kleinigkeiten geht Marias Partner unkontrolliert in die Luft - und stellt die gesamte Beziehung in Frage. Ist die Beziehung noch zu retten?

Liebe Frau Dr. Peirano,

mein Partner hat von Anfang an in unserer Beziehung Probleme gehabt, Gefühle zu zeigen und über Probleme und Gefühle zu reden. Seine Erklärung ist, dass er es in seiner vorherigen 15-jährigen Ehe nicht konnte. 

Ich habe versucht, Zugang zu ihm zu finden, was mir für kurze Zeit gelungen ist. Er hat von Anfang an viel Stress gemacht und viel Streit vom Zaun gebrochen, war oft über Nacht weg und hat immer gedroht, sich zu trennen. Seine Wut und seinen Unmut ließ er unkontrolliert laufen. 

Wir haben ein Kind zusammen, welches er in Streitsituationen bereut, genau wie er es bereut, mit mir zusammen zu sein. Ich halte es kaum noch aus, da dies seit über einem Jahr so geht.  Er unterstellt mir auch immer wieder, dass ich einen anderen Partner hätte oder er sagt mir, dass ich mir endlich jemand anderen suchen soll. Es macht mich fertig, es laugt mich aus, ich fühle mich hilflos. 

Nun bin ich an einen Punkt gekommen, an dem ich unter innerer Anspannung und Unruhe leide. Ich habe Herzrasen, fange an zu zittern, sobald sich nur eine Kleinigkeit in seinem Verhalten ändert, mir wird schwindlig und schlecht. Ich kann kaum noch essen, habe Kopfschmerzen und Rückenschmerzen. 

Inzwischen bin ich soweit, dass ich sein Verhalten genau beobachte und kleinste Veränderungen bemerke, die mich unkontrolliert in Stress versetzen. Ich habe Angst, dass er wieder ausfällig wird. Ich bin teilweise gereizt und im Streit aggressiv geworden. Ich habe das Gefühl, mich schützen zu müssen, da ich mich oft verletzt fühle. 

Freude empfinde ich momentan kaum noch, im Gegenteil, ich fange tagsüber an unkontrolliert zu weinen. Wir wollten dieses Jahr gemeinsam nach Rumänien gehen, da er unheimlich Heimweh hat, das verstehe ich. Leider hat es durch Corona nicht geklappt. 

Nun ist es mit seinem Verhalten für fast zwei Monate richtig schlimm geworden. Seit kurzer Zeit, circa zwei Wochen, ist etwas Ruhe eingekehrt und plötzlich überrollen mich die ganzen Gefühle, die ich oben beschrieben habe. Ich versuche es zu kontrollieren und es gelingt mir nicht. Ich habe versucht, nach einem Streit zu reden, und er ignoriert mich. Bei meiner Bitte um Gespräche ist er laut geworden und er will nicht reden. Es scheint ihm vollkommen egal zu sein, wie es mir geht.

Sein Lösungsvorschlag war mal wieder die Trennung.  Er hat seit langer Zeit schlimme Wut darauf, dass er noch in Deutschland sein muss. Er meint, dass er sich ändern kann, wenn er wieder zu Hause ist in seinem Land. Er glaubt, dass er dort zufrieden und glücklich sein kann. 

Ich habe das schlimme Gefühl, dass wir verloren sind - oder gibt es noch eine Chance?

Liebe Grüße, Maria R.

Liebe Maria R.,

ich war erschrocken und erschüttert, als ich gelesen habe, wie Ihr Partner mit Ihnen umspringt. Ich habe mich gefragt, ob es auch gute Seiten Ihrer Beziehung gibt, die die ganzen Verletzungen zum Teil aufwiegen können.

Ansonsten frage ich mich, warum Sie diese Beziehung überhaupt retten wollen. Sie beide sind anscheinend noch nicht so lange zusammen, und Ihr Partner ignoriert Sie, missachtet Ihre Wünsche, zeigt Ihnen seine Wut und seinen Ärger ungehemmt, droht Ihnen, unterstellt Ihnen Untreue und stellt die Grundfeste der Beziehung in Frage, indem er Ihnen sagt, dass er es bereut, mit Ihnen zusammen zu sein und mit Ihnen ein Kind zu haben. Sein Lösungsansatz ist es, sich zu trennen. 

Gemeinsame Pläne scheint er nicht zu verfolgen, sondern nur seine eigenen - nämlich nach Rumänien zu gehen. Was wird denn aus Ihnen in Rumänien? Können Sie dort leben und arbeiten, oder würden Sie sich vollständig von Ihrem Partner abhängig machen, wenn Sie ihm folgen (und wahrscheinlich die Sprache nicht sprechen, nicht arbeiten können, Ihr soziales Umfeld verlieren?). Spätestens hier gehen bei mir alle Alarmlampen an, und ich hoffe, dass Sie auch einige kleine rote Lichter aufblinken sehen und sich das alles noch einmal in Ruhe und mit etwas Abstand anschauen können.

Wie wäre es, wenn Sie sich einmal ernsthaft fragen, was die guten Seiten dieser Beziehung sind? Welche Gründe sprechen eigentlich dagegen, sich zu trennen? Sind Sie z.B. finanziell von Ihrem Partner abhängig? Oder wollen Sie ihn als Vater Ihres Kindes nicht verlieren? Sie schreiben leider nicht, wie er mit Ihrem Kind umgeht - kann er da Liebe zeigen und seine aggressiven Gefühle beherrschen oder lässt er seine Wut auch an dem Kind aus?

Was sagen Ihre Eltern und Ihre Freundinnen zu Ihrer Beziehung? Eigentlich ist das immer ein ganz guter Maßstab, was die Menschen, die es gut mit Ihnen meinen, sagen. Wenn keiner die Beziehung versteht und Ihre Freundinnen sich deswegen schon von Ihnen distanziert haben, könnte es dafür sprechen, dass Sie in einer wirklich giftigen Beziehung gefangen sind.

Ich kann auf jeden Fall gut nachfühlen, dass es Ihnen in dieser Beziehung wirklich schlecht geht. Eigentlich sind Ihre Gefühle von Hilflosigkeit, Traurigkeit, Anspannung, körperlichen Schmerzen und Unruhe ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Beziehung schädlich und unerträglich für Sie ist. Wahrscheinlich würden Sie erst wieder zur Ruhe kommen, wenn Sie sich getrennt haben und Ihren Partner aus Ihrem Leben verbannt haben.

Doch die Kernfrage ist: Warum fällt Ihnen das so schwer, sich zu trennen?  Kennen Sie es vielleicht aus Ihrer Kindheit, schlecht behandelt zu werden? Gab es einen Elternteil oder einen anderen nahestehenden Menschen, der ähnlich war wie Ihr Partner und vor dem man ständig in Hab-Acht-Stellung sein musste? Oder haben Sie bisher andere Beziehung mit schwierigen, aggressiven Partnern geführt, in denen Sie selbst zu kurz gekommen sind?

Es würde sich lohnen, das genau anzuschauen. Meistens liegen die Ursachen in der Kindheit, und man wiederholt dann als Erwachsener den leidvollen Kampf, den man als Kind mit z.B. dem unberechenbaren Vater gekämpft und verloren hat. 

Ich würde Ihnen empfehlen, sich therapeutische Unterstützung zu holen und herauszufinden, was es für Parallelen mit Ihrer Kindheit gibt und was Sie eigentlich dort in dieser Beziehung erfahren wollen (Anerkennung? Verständnis?). 

Es lohnt sich, das herauszufinden! Und ich denke, dass Ihr Selbstwertgefühle durch die Beziehung so verunsichert ist, dass Sie Hilfe brauchen, um sich zu lösen.

Wenn Sie mich so offen fragen: Einen Weg zur Rettung und Verbesserung der Beziehung kann ich nicht sehen, da Ihr Partner nicht zur Veränderung bereit ist und die Ursachen immer bei anderen sucht (er muss in Deutschland sein, er hält Sie für schuldig, er war schon immer so….). Die Veränderung muss von Ihnen kommen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Mut, um sich zu befreien!

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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