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Fleisch-Skandal: Gammelfleisch - Guten Appetit!

Immer mehr verdorbenes Fleisch taucht auf, doch die Verbraucher scheinen hart im Nehmen. Ob das Vertrauen aber gerechtfertigt ist, bleibt fraglich.

Eine Liste ohne Kommentar:

Ein niedersächsischer Fleischgroßhändler, der bereits wegen illegalen Machenschaften mit einem Berufsverbot belegt ist, hat tonnenweise als Beweismaterial sichergestelltes Fleisch in den Handel gebracht. Der Mann hatte die im November 2005 beschlagnahmten acht Tonnen Putenfleisch in einem Kühlhaus in Hamburg abgeholt und sie in mehrere Bundesländer verkauft.

Bei einer Verkehrskontrolle auf der Autobahn Nürnberg-Heilbronn hat die Polizei bei Ansbach in Mittelfranken 660 Kilogramm verdorbenes Fleisch in einem Kleintransporter entdeckt. Die Spanferkelhälften, Wurstwaren, Grillhähnchen und Rollmöpse lagerten bereits mehrere Stunden lang in Plastikwannen ohne Kühlung. Wie es hieß, war die Grillware auf einem Volksfest in der Oberpfalz übrig geblieben und sollte auf einem Fest in Baden-Württemberg weiter verkauft werden.

In einem Kühlhaus in Frankfurt/Main wurden bisher 26,5 Tonnen Rind- und Schweinefleisch als verdorben eingestuft. Davon seien 3,5 Tonnen nicht tiefgekühltes Rindfleisch aus Litauen mit weit überschrittenem Haltbarkeitsdatum bis Juli 2005. Bei einem anderen Teil des Rindfleischs waren die Etiketten entfernt. Der Rest seien Schweinebacken aus Frankreich, die Gefrierbrand aufgewiesen hätten.

In Nordrhein-Westfalen räumte ein Gastronomiegroßhändler aus Heinsberg in Düsseldorf ein, Fleisch nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums zu günstigeren Preisen verkauft zu haben. In dem Betrieb hatten die Behörden insgesamt 15 Tonnen überlagertes Fleisch entdeckt.

Im saarländischen Dillingen wurde ebenfalls Fleisch mit weit überschrittenem Haltbarkeitsdatum gefunden worden. 780 Kilogramm Fleisch wurden sichergestellt.

Bei 113 Fleischproben in Baden-Württemberg als Folge des Gammelfleischskandals aus Bayern wurden bisher 500 Kilogramm verdorbenes Fleisch entdeckt.

Die österreichischen Behörden beschlagnahmten im Zusammenhang mit dem Skandal aus Bayern zehn Tonnen Fleisch bei 13 Unternehmen. Das Saarland setzte Sonderkontrollen fort. In der vergangenen Woche waren in einem Betrieb in Dillingen worden.

Deutsche essen weiter Fleisch

Überrascherweise hat der Gammelfleisch-Skandal bislang keine Auswirkungen auf den Appetit der Deutschen. Dies ergab eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern vom 7. / 8. September. Drei Viertel der Befragten (74 Prozent) sagten, sie würden wegen des Skandals ihren Fleischkonsum nicht reduzieren. 15 Prozent gaben an, dass sie nach dem Skandal weniger Fleisch essen würden als zuvor. 11 Prozent der Befragten machten keine Angaben, weil sie sowieso nie Fleisch essen. Laut stern befragte das Forsa-Institut 1000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger am 7. und 8. September.

Auch der Verband der Fleischwirtschaft und die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) berichteten, dass nur ein leichter Nachfrage- und Preisrückgang zu verzeichnen sei. Diese liege aber im Rahmen der normalen Saisoneffekte liege.

Dennoch sind die Verbraucher verunsichert. Dies zeigt der Döner-Konsum in Berlin und Hamburg. Branchenangaben zufolge sank der Verzehr von Dönerfleisch in der "Dönerhauptstadt" Berlin zunächst. In Hamburg hatten Dönerhändler Medienberichten zufolge von Umsatzeinbußen in Höhe von 30 bis 40 Prozent gesprochen. Aber die Verbraucher sind noch hart im Nehmen: Nach einem anfänglichen Nachfragerückgang hat sich der Verzehr wieder stabilisiert.

Aber ist das Vertrauen gerechtfertigt?

Auch wenn das tonnenweise Gammelfleisch dank rechtzeitiger Sicherstellung nicht in den Handel oder gar in den Verzehr gelangt ist, weisen die Skandale eindeutig auf Mängel in den Lebensmittelkontrollen hin. Die Länder haben die Lebensmittelkontrollen nach den Gammelfleischskandalen im vergangenen Jahr kaum aufgestockt und "schwarze Schafe" nur in einigen Fällen genannt. Lediglich Baden- Württemberg erhöhte die Zahl der Kontrolleure seit Februar um 61 auf 283. Das Land stellte im Herbst 2005 zusätzliche Mittel für die Überwachung bereit. Die Anzahl der Lebensmittelkontrolleure schwankt in den Ländern erheblich: So gibt es nach Angaben der Behörden in Niedersachsen rund 1400 Kontrolleure, im kleineren Bremen nur 16. Formal sind die Länder für die Kontrollen zuständig, in zahlreichen Fällen übernehmen dies Kommunen.

Das Bundesverbraucherministerium will sich nach mehreren Fleischskandalen für eine bessere Rückverfolgbarkeit stark machen. "Der Verbraucher muss wissen, was er in der Pfanne hat", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Gerd Müller (CSU) der "Passauer Neuen Presse". Auf der Verpackung solle künftig stehen, woher die Lebensmittel stammten. In der EU etwa dürfe Fleisch tiefgefroren bis zu sieben Jahre gelagert werden. Die Länder hatten das Bundesministerium gebeten, sich auf EU-Ebene für eine bessere Codierung einzusetzen. Müller kündigte zudem für November die Beratung im Bundestag über einen Gesetzentwurf gegen Preisdumping an.

DPA/Reuters/AP/fri / AP / DPA / Reuters

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