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Interview: "Die Sponsoren erwarten etwas für ihr Geld"

Der Deutsche Lehrerverband sieht das zunehmende Sponsoring von Schulen durch Unternehmen als problematisch an.

Der Deutsche Lehrerverband sieht das zunehmende Sponsoring von Schulen durch Unternehmen als problematisch an. Während sich der Staat aus seiner finanziellen Verantwortung zurückziehe, gerieten die Schulen in Abhängigkeit von Unternehmen, sagt Verbands-Präsident Josef Kraus. Er fordert, den Trend zu stoppen, der sich nicht mit den pädagogischen Zielen der Schulen vereinbaren lasse.

Befürworten Sie das Sponsoring von Schulen?

Kraus: Ich sehe das mit größter Skepsis. Die Schulen geraten dadurch in Abhängigkeiten, und irgendwann kann der Tag kommen, wo ein Sponsor sagt: Jetzt möchte ich auch etwas haben für mein Geld. Das kann sowohl inhaltlich als auch personell sein. Zudem befürchten wir, dass sich die öffentliche Hand mehr und mehr vor ihrer Aufgabe der Bildungsfinanzierung davonstiehlt. Und es besteht die Gefahr, dass das Gefälle zwischen den Schulen noch verstärkt wird. Ein Gymnasium ist für einen Sponsor attraktiver als eine Sonderschule in einem sozialen Brennpunkt.

Schließen Sie jede Form von Bildungssponsoring generell aus?

Für mich käme eine Kompromisslösung in Frage, bei der die Zuwendungen über einen neutralisierten Förderverein gefiltert werden. Wenn die Unternehmen tatsächlich ein Interesse daran haben, die Bildung zu fördern, wie sie das ja sagen, dann können sie das auch über eine solche neutrale Stelle tun. Akzeptabel sind auch beispielsweise gebündelte Inserate am Ende des Jahresberichts einer Schule, bei denen niemand gezwungen wird, sie zu lesen, mit denen aber gleichzeitig die Kosten gesenkt werden können. Völlig inakzeptabel sind dagegen Entwicklungen wie in Holland, wo sich die Pausengestaltung einzelner Schulen nach den Bedürfnissen des benachbarten McDonald's richtet.

Sind zwischen Sponsoring und reiner Produktwerbung tatsächlich klare Grenzen zu ziehen?

Die Sponsoren erwarten ja etwas für ihr Geld, insofern ist das immer irgendeine Form von Product Placement. Wenn - wie geschehen - eine Schule das Logo einer Firma in den Briefkopf aufnimmt, dann beißt sich das natürlich mit den pädagogischen Zielen der Schule. Werbeflächen in der Schule wie in Berlin kommen für mich nicht in Frage. Und ich möchte auch nicht irgendwann so weit kommen, dass es am Ende einer Physikstunde heißt: "Diese Stunde wurde gesponsert von Sony."

Befürworter von Sponsoring und Werbung in der Schule argumentieren, dass Kinder und Jugendliche, die außerhalb der Schule ohnehin von Werbung überflutet werden, so den verantwortlichen Umgang damit lernen.

Mir kommen die Tränen über die Selbstlosigkeit der Unternehmen. Die Aufgabe der Schule ist es, junge Menschen zu kritischem Konsumverhalten zu erziehen. Wir werden unglaubwürdig, wenn wir Schüler einerseits auffordern, die Tricks der Werbung zu entlarven, und sie gleichzeitig selbst mit Werbung konfrontieren.

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung?

Ich hoffe nach wie vor, dass sich dieser Trend stoppen lässt. Das ist eine Aufgabe der Politik: Sie muss einerseits die Schulen auffordern, diese Entwicklung zu stoppen. Vor allem muss sie aber auch sagen: Wir statten euch so aus, dass ihr das nicht nötig habt. Die Politik muss hier Flagge zeigen und darf sich nicht aus der Finanzierung der Schulen zurückziehen, sonst haben wir bald ein Zwei-Klassen-Schulsystem.

Interview: Mirjam Mohr, AP / AP
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