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Lehrmittel: Wenn Schulbücher zu teuer sind

Viele ABC-Schützen freuen sich auf ihre Einschulung. Doch für ihre Eltern kann das ein teurer Spaß werden: Oft reißen Schulbücher ein tiefes Loch ins Budget. Einige Bundesländer bieten zwar Lehrmittelfreiheit an - doch nicht alle Eltern profitieren davon.

Insgesamt 234,90 Euro sollten die Schulbücher für den zwölfjährigen Manuel kosten, der in die siebte Klasse eines Mainzer Gymnasiums geht. Immerhin drei Bücher konnte die Mutter billiger auf einem Schulbuchbasar kaufen. In Rheinland-Pfalz gibt es, anders als zum Beispiel in Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg, keine Lernmittelfreiheit. Eine finanzielle Belastung vor allem für einkommensschwache Familien, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schon seit langem kritisiert. In Rheinland-Pfalz ebenso wie in Brandenburg und im Saarland müssen Eltern die Schulbücher für ihre Kinder in der Regel selbst kaufen. Allerdings gibt es Zuschüsse für sozial Bedürftige. So können in Brandenburg Asylbewerber und Hartz-IV-Empfänger die Bücher kostenlos von der Schule ausleihen; Eltern von mehr als zwei Kindern erhalten ab dem dritten Kind die Hälfte der Buchkosten erstattet.

Zuschuss soll helfen

Im Saarland kann ein Schulbuchzuschuss beantragt werden, der - je nach Einkommen - bis 100 Prozent betragen kann. Alleinerziehende mit einem Kind und einem monatlichen Einkommen bis 910 Euro beispielsweise erhalten die Hälfte der Schulbuchkosten erstattet, liegt das Einkommen nicht über 690 Euro, übernimmt das Land komplett die Kosten. Pro Kind erhöht sich die Einkommensgrenze um 159 Euro. Ähnlich geregelt ist es in Rheinland-Pfalz. Dort erhalten derzeit rund 130.000 Schüler landesweit staatliche Lernmittelgutscheine, deren Wert an allgemein bildenden Schulen bei 50 bis 203 Euro liegt. Voraussetzung: Das Einkommen darf eine bestimmte Obergrenze nicht überschreiten.

Derzeit liegt diese Grenze bei 26.500 Euro für Familien mit zwei Elternteilen und einem (fehlt hier Kind?) beziehungsweise bei 22.750 Euro bei Alleinerziehenden mit einem Kind. Das sei zu niedrig, kritisiert die GEW. So fielen Familien der unteren Mittelschicht meist nicht mehr unter die Härtefallregelung und hätten unglaublich zu knappsen, sagt die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. "Die Forderung nach kompletter Lernmittelfreiheit wird immer dringender", erklärt sie.

Büchergeld in Bayern vom Tisch

In acht Bundesländern - Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig Holstein, Sachsen und Bremen - werden die Bücher den Schülern kostenlos von der Schule zur Verfügung gestellt. Geht eines verloren, muss es in der Regel vom Schüler beziehungsweise den Eltern ersetzt werden. In einigen dieser Länder scheiterten Versuche, die Lernmittelfreiheit einzuschränken, am Protest von Eltern. In Bayern zum Beispiel sollte ein Büchergeld in Höhe von 40 Euro erhoben werden, die Regelung wurde jüngst wieder abgeschafft. Auch in Thüringen blieb die Landesregierung erfolglos in dem Bemühen, eine Lernmittelpauschale einzuführen. Elternvertreter gingen vor Gericht; die Pauschale ist vom Tisch. Abgeschafft wurde die Lernmittelfreiheit dagegen in Hamburg.

Dort müssen die Eltern seit dem Schuljahr 2005/6 die Bücher selber anschaffen oder können sie gegen eine Gebühr von der Schule ausleihen. Die Höhe der Nutzungsgebühr wird von der jeweiligen Schule festgelegt, es gelten aber Höchstgrenzen: 50 Euro pro Jahr für Grundschulen, 80 Euro für die Sekundarstufe I und 100 Euro für die Sekundarstufe II. Erlassen wird die Leihgebühr einkommensschwachen Familien. Niedersachsen erhebt eine Leihgebühr von im Schnitt 40 Euro pro Schuljahr; auch hier gibt es Härtefallregelungen für Hartz-IV-Kinder oder Familien mit mehreren Schulkindern. In Sachsen-Anhalt muss seit dem Schuljahr 2003/4 eine Leihgebühr von drei Euro pro Schulbuch gezahlt werden. Ab dem dritten schulpflichtigen Kind liegt der Beitrag bei zwei Euro, ab dem fünften bei einem Euro pro Buch. ALG-II-Empfänger haben stets nur einen Euro Leihgebühr pro Buch zu zahlen. In Nordrhein-Westfalen stellen die Schulen ihren Schülern einen Teil der Lernmittel als Leihgabe zur Verfügung. Zusätzlich müssen die Eltern ihren Kinder einige Bücher selbst kaufen. Dieser Eigenanteil der Eltern beträgt maximal ein Drittel eines bestimmten Durchschnittsbetrages, der vom Schulministerium festgelegt wurde.

Einsatz veralteter Bücher

Kritiker der Lernmittelfreiheit argumentieren, dass in diesem Fall aus Kostengründen oft veraltete Bücher benutzt werden. "Es stimmt leider, dass die Bundesländer, die bei voller Lernmittelfreiheit geblieben sind, versuchen, die Kosten auf andere Art und Weise zu senken", sagt Demmer dazu. Dies dürfe aber nicht die Alternative sein. Der Gedanke, dass Bildung ein allgemeines Gut sei, verliere immer mehr an Bedeutung, beklagt sie. "Bildung wird betrachtet als individuelle Angelegenheit der Eltern und nicht mehr als Aufgabe der Gesellschaft." Dieter Dornbusch vom Bundeselternrat (BER) sprach sich für eine "vernünftige Sozialkomponente" aus, wenn es schon keine Lernmittelfreiheit gebe. Eltern rief er auf, sich zum Beispiel in Schulbuchausschüssen zu engagieren und mitzureden, wenn es um die Einführung neuer Schulbücher gehe.

DPA / DPA

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