Mit Schulden leben Schöne Pleite


Mehr Deutsche als je zuvor sind hoffnungslos verschuldet. Wie Matthias und Marita Rattmann. Trotdem haben sie nicht schlecht gelebt. Eine Geschichte über Schuldenmachen und Schuldhaben.
Von Sven Rohde

Das neue Leben von Matthias Rattmann begann am 25. Janu ar 2006. Damals ließ er sich offiziell für pleite erklären. Was für ein befreiendes Gefühl. Er hat wunderbar geschlafen in der Nacht nach der Unterschrift unter den Antrag auf Privatinsolvenz. Endlich Ruhe vor den Gläubigern. Wenn alles gut geht, ist Matthias Rattmann in sechs Jahren seine Schulden los. Seine Frau Marita, die ebenfalls einen Antrag gestellt hat, dürfte ein paar Wochen später schuldenfrei sein. Sechs Jahre nachdem das Insolvenzverfahren offiziell eröffnet wurde. 24 Jahre nachdem die beiden zum ersten Mal in die Überschuldung abgerutscht waren.

Es hatte mit einem kleinen Kredit nach der Hochzeit begonnen und endete mit Hunderten von offenen Forderungen. Dazwischen lagen die Verlockungen der Konsumgesellschaft, Begegnungen mit profitorientierten Bankberatern, eigene Dummheit und fremde Raffgier. Wie viele tausend andere versanken die Rottmanns immer tiefer im Schuldensumpf.

Penibel führen ihre Insolvenzanträge die Außenstände der Eheleute auf. 6830,26 Euro für Gas und Strom, 4018,07 Euro für Telefon, 1778,29 Euro für Handyverträge, 1125,17 für Internetgebühren, 5623,45 für Versicherungen, 629,85 für die GEZ, 1031,99 Euro für Kindergartenbeiträge, 824,58 Euro für Tierärzte, 976,16 für Hundesteuer, 742,77 Euro für Tiefkühlkost - alles nicht bezahlt. Nicht "Harry Potter", für 24,45 Euro bei Weltbild bestellt, nicht das Darlehen über 832,13 Euro vom Sozialamt, das für rückständige Stromkosten eingesprungen war. Die Mietschulden von 861,31 Euro nicht, die im Februar 2002 die Zwangsräumung ihres Hauses auslösten, nicht Autoreparatur, Spielzeug, Kosmetik, Gerichtskosten, Anwaltskosten, Kleidung. Erst recht nicht die Forderungen der Inkassodienste Becker, Risk & Collection, Universum, Intrium Justitia und Deutscher Inkasso-Dienst. Alles in allem: 141 offene Forderungen, zusammen 64145,53 Euro. Nicht eingerechnet die Forderungen vieler Gläubiger, die aufgegeben haben.

Marita, 40, gelernte Fleischereifachverkäuferin; Matthias, 43, ungelernter Arbeiter, seit 20 Jahren verheiratet, Eltern von drei Kindern, lange arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger. Sie haben weitergemacht, trotz all der Mahnungen, Vollstreckungsbescheide, Lohn- und Konto-pfändungen, Besuche von Gerichtsvollziehern und eidesstattlichen Versicherungen. Sie sind keine Alkoholiker und nicht geschieden. Sie sitzen auf dem Sofa im Wohnzimmer des Doppelhauses, für das jetzt das Sozialamt die Miete bezahlt, rauchen Kette und sind - ratlos. Wie all das zustande gekommen ist? Sie zucken die Schultern. Und erzählen Geschichten, die immer dieselbe Moral haben: Das Leben ist ungerecht. Wie hoch ihr Anteil an der Misere ist? "50 Prozent." Die anderen 50 Prozent, sagt Matthias Rattmann mit fester Stimme, haben die anderen verbockt. Wer genau? "Die einen immer wieder über den Tisch ziehen."

Der Beginn: ein harmloser Kredit über 10 000 Mark. Geheiratet, Geld geliehen, zwei Jahre später arbeitslos geworden. Kreditgeber war ausgerechnet die Kundenkreditbank, berüchtigt bei Verbraucherschützern wegen überhöhter Zinsen - "damals 17,5 Prozent" - und der ausgefeilten Taktik, Schuldner immer weiter in die Schulden zu treiben (sie wurde später von der Citibank übernommen). Zuerst wurde die Rate für den Kredit gesenkt, dann wieder angehoben, dann umgeschuldet. Ergebnis nach zwei Umschuldungen: 4500 Mark Schulden obendrauf. Die konnten Rattmanns erst recht nicht zurückzahlen.

Reicht das Geld nicht, um Kosten und Schulden zu bezahlen, greift ein Rädchen ins andere, und sie drehen sich immer schneller. Erst mauert die Bank, lässt Lastschriften zurückgehen und führt keine Überweisungen mehr aus. Auf einmal gibt es nicht mehr nur einen Gläubiger, die Bank eben, sondern viele.

Pleite zu sein ist teuer. Jedenfalls wenn man mit den Gläubigern kein Stillhalten verabreden kann. Ein profanes Beispiel: die Rechnung eines Rechtsanwalts, der eine Forderung seines Mandanten gegen Rattmanns eingetrieben hatte. Eine Rechnung über 50,75 Euro. Rattmanns bezahlten nicht. Gebühr für den Mahnbescheid: 29,40 Euro. Gerichtskosten: 12,78 Euro. Gebühr für Vollstreckungsbescheid: 14,72 Euro. Kosten für den Antrag auf Zwangsvollstreckung: 11,76 Euro. Gebühr für eine eidesstattliche Versicherung der Rattmanns, dass bei ihnen nichts zu holen ist: 11,76 Euro. Dafür anfallende Gerichtskosten: 17,90 Euro. Kosten für Gerichtsvollzieher: 22,85 Euro. In kaum drei Monaten hatte sich die Forderung von 50,75 Euro mehr als verdreifacht: auf 171,92 Euro. Nach sechs weiteren Versuchen des Anwalts, das Geld inklusive weiterer Gebühren einzutreiben, stehen Rattmanns mit 597,34 Euro in der Kreide. Eine Steigerung um 1077 Prozent.

Aufs Ganze gerechnet, ist die Sache noch eindrucksvoller. Von den 64 145,53 Euro, die als Schulden zu Buche stehen, sind 7734,84 Euro aufgelaufene Zinsen. Stattliche 11 280,16 Euro aber betragen die Kosten für Mahn- und Vollstreckungsbescheide, für Anwälte, Inkassodienste, Gerichte und Gerichtsvollzieher.

Werden vom Gerichtsvollzieher die Konten gesperrt, meldet die Bank das der Schufa. Von jetzt an gibt's nicht nur keinen Kredit mehr und keinen Handyvertrag, sondern meist geht auch der Job verloren. Lohnpfändungen mögen Arbeitgeber gar nicht. Und obwohl sich die Banken zum Gegenteil verpflichtet haben, kündigen viele das Konto. Manche verlangen überhöhte Gebühren. Matthias Rattmann lässt auf seinen Banker freilich nichts kommen: "Der hat mir zu Weihnachten einen Brief mit 20 Euro geschickt. Da musste ich weinen."

Neben der Miete von 895 Euro, die das Sozialamt direkt an den Vermieter überweist, bekommen sie 639 Euro Arbeitslosengeld II und 462 Euro Kindergeld, also 1101 Euro für zwei Erwachsene und drei Kinder. Die müssen nicht nur für Kleidung, Strom und Gas reichen, sondern auch für Auto, Telefon, Internet und die kleinen Versuchungen, denen die Rattmanns nicht immer widerstehen können. Fürs Essen der fünfköpfigen Familie bleiben da nur 300 Euro im Monat übrig. Rattmanns kennen viele Quellen, wo es Nahrungsmittel billiger oder gar umsonst gibt. Sie fahren ins nahe Holland, weil Aldi dort niedrigere Preise aufruft, sie gehen in den Sozialladen, wo Bedürftigen der Einkaufswagen für fünf Euro gefüllt wird. Einmal im Monat stehen sie morgens um acht auf dem Hof einer Großbäckerei, wo Bauern Brot und Brötchen vom Vortag für ihre Tiere kaufen können, ein ganzer Müllsack voll für fünf Euro. Weil es ein Verstoß gegen Vorschriften ist, weiß der Inhaber offiziell nichts davon, dass auch Familien sich hier eindecken. Marita und Matthias Rattmann kennen einen der Fahrer, bekommen den Sack noch zwei Euro billiger und frieren den Inhalt zu Hause ein. Er reicht etwa für vier Wochen.

Marita Rattmann ist stolz darauf, mit wie wenig Geld sie die Familie ernährt. "Meine Mutter war Hauswirtschafterin, von der hab ich das gelernt." Der Aufwand ist freilich groß und nimmt viel Zeit in Anspruch - und manchmal bleibt offen, ob sich die Schnäppchenjagd unter dem Strich tatsächlich gelohnt hat. So fahren sie an die hundert Kilometer zur Fabrik von Haribo und kaufen Süßigkeiten en gros, fünf Kilo für fünf Euro.

"Wenn wir ehrlich sind", sagt Marita Rattmann in einem stillen Moment, "dann haben wir oft vorher gewusst, dass wir eine Rechnung nicht bezahlen können. Wir wollten es ja, aber das Geld reicht einfach nicht." Von Hartz IV kann man sich keine Autoreparatur leisten, auch keinen Tierarzt. "Aber wir brauchen das Auto doch!", ruft Matthias Rattmann, "wie sollen wir denn hier am Niederrhein sonst einkaufen, zum Arbeitsamt, zum Kinderarzt? Und wenn der Hund krank ist, können wir ihn doch nicht einfach sterben lassen!" Da musste also eine Werkstatt, eine Tierarztpraxis her, wo sie noch nicht in der Kreide standen.

Grinsend zeigt Matthias Rattmann sein Portemonnaie: "Pleite É aber glücklich", steht darauf. Das stimmt zwar nicht, aber ganz falsch ist es auch nicht. Das schmucke Doppelhaus vom Staat bezahlt, die Einrichtung von Oma gesponsert. Es gibt zwei Schoßhunde, jede Menge Vögel und Reptilien, Fernseher in jedem Zimmer und Rechner mit Flachbildschirm in der Stube. In den Regalen stapeln sich DVDs neben Medikamenten, Spielzeug neben Briefstapeln, auf dem Tisch die Utensilien zum Zigarettenstopfen. Internet und Fernsehen dämpfen die Langeweile, Verkaufssender und Gewinnspiele nähren den Traum vom unbeschwerten Konsum. Zu oft war er zu verlockend.

Die Quittung: Mahnung, Mahn- und Vollstreckungsbescheid, immer dasselbe Programm. "Das ist ein Leck-mich-doch-am-Arsch-Gefühl", sagt Matthias Rattmann. "Wir haben all die Briefe gar nicht mehr aufgemacht und in irgendwelche Schubladen gesteckt. Um die haben wir dann einen Bogen gemacht." Eine Wohnung voller Zeitbomben.

1992 der erste Versuch, der Überschuldung zu entrinnen. Das Ehepaar ging mit einem Koffer voller Unterlagen zur Schuldnerberatung der Caritas. Dann 1997 die große Chance, endlich die Schulden loszuwerden: Marita Rattmann bekam 60 000 Mark aus ihrem Erbe ausgezahlt. Aber wie macht man das: sich entschulden? Das Ehepaar ließ sich von der Schufa ihre negativen Einträge nennen, dachte, es hätte damit alle wichtigen Gläubiger beisammen, und verhandelte telefonisch, mit welcher Summe die ihre Forderung als beglichen ansehen würden. "Hätten wir das Geld doch bloß verprasst", schimpft die Erbin heute. Wie viele Gläubiger ihre Ansprüche gerichtlich abgesichert, aber nicht der Schufa gemeldet hatten, wussten Rattmanns nicht - sie hatten einfach den Überblick verloren. Manch einer bekam spitz, dass da jetzt was zu holen war. Und als es dann ans Auszahlen ging, konnten sich viele nicht an den telefonisch ausgehandelten Vergleich erinnern und verlangten die volle Summe. Als das Erbe verteilt war, blieben noch immer 15 000 Mark Schulden.

Weil die Familie 2002 umzog, ist heute eine andere Dienststelle der Caritas zuständig. Geleitet wird deren Schuldnerberatung von Johannes Hox. Also, Herr Hox, wie kann es angehen, dass nach mehr als zehn Jahren Schuldnerberatung mehrere zehntausend Euro Schulden zu Buche stehen? "Familie Rattmann", sagt Hox, "hat es nicht auf die Reihe gebracht, ihre laufenden Kosten ihrem Einkommen anzupassen."

Ist es nicht Aufgabe der Beratung, das zu ermöglichen? "Ja, natürlich. Aber was wir hier machen, ist Sozialarbeit; Befehle erteilen wir nicht. Die Leute müssen selbst zur Erkenntnis kommen und etwas ändern."

Aber wenn abzusehen ist, dass die Hilfesuchenden ihre Überschuldung so nicht in den Griff bekommen? "Dann ergibt auch die Privatinsolvenz keinen Sinn. Warum soll ich ein aufwendiges Verfahren starten, um jemanden zu entschulden, wenn er schon während des Verfahrens neue Schulden aufbaut? Die Leute sind mündig."

Friedrich-Karl Schmitz-Winnenthal teilt die Skepsis des Caritas-Beraters nicht. Nach einer turbulenten Karriere in allen möglichen Berufen ist der heute 70-Jährige seit sechs Jahren Insolvenzberater. Das Büro, in dem er Klienten empfängt, besteht aus einem Gartenhäuschen neben seinem Wohnhaus in Xanten, bis an die Dachsparren gefüllt mit Ordnern, jeder ein Insolvenzfall, mehr als 1300 seit Oktober 2000. Jeden Freitag und Samstag stehen hier die Mandanten Schlange, und wenn er sich eines Falles angenommen hat, ist spätestens nach zehn Wochen das Insolvenzverfahren eröffnet, rühmt er sich. Sein Ziel: keine Sozialarbeit, keine neue Struktur fürs Leben, nur den Schuldnern möglichst schnell in den Status der Insolvenz verhelfen. Denn dann dürfen Gläubiger nicht mehr vollstrecken, sind Gehalt und Konto vor ihrem direkten Zugriff sicher (siehe Kasten links). "Wenn dieser Druck weg ist", hat der resolute Insolvenzberater beobachtet, "schöpfen die Menschen neuen Mut und finden auch wieder zurück in Arbeit." Auch die Rattmanns? Ein nachdenklicher Blick. "So einen Fall hatte ich hier noch nie. Was da in der Schuldnerberatung gelaufen ist, ist mir unbegreiflich. Normal sind bis zu 25 Gläubiger - als Rattmanns hier ankamen, waren es 218! Erst durch die Insolvenz haben sie wieder eine Chance." Pause. "Wenn sie aus ihren Gewohnheiten herauskommen."

Aber jetzt, wo die Insolvenz eröffnet ist, keimt bei den Rattmanns neue Lebenslust, deren Befriedigung wieder Geld kostet. Mensch, endlich mal wieder ein paar Tage Urlaub, hatten sie seit zehn Jahren nicht. Immer zu Hause in der Bude, das hält doch keiner aus. Immer nur Fernsehen und Internet, man muss den Kindern doch auch mal was bieten. Ein Tipp von Freunden: eine Woche Türkei, pro Nase nur 250 Euro - all inclusive! Das perfekte Angebot für einen Schnäppchenjäger. Eine ganze Woche Türkei für 250, essen, trinken, Sonne, Pool, alles dabei!

Aber das kostet 1250 Euro für alle zusammen, Herr Rattmann, wo sollen die herkommen? Er will die Hoffnung nicht so schnell fahren lassen. "Da müssen wir eben sparen! Eine ganze Woche Türkei! Alles inklusive!"

Anfang Juli 2006 findet Matthias Rattmann nach zweieinhalb Jahren endlich einen Job. Eine holländische Firma stellt ihn als Lagerarbeiter im Schichtbetrieb ein, Stundenlohn 8,66 Euro. Und Marita Rattmann, die seit der Lehre nicht mehr gearbeitet hat, kann vielleicht eine Teilzeitstelle bekommen. "Endlich nicht mehr zu Hause rumsitzen", sagt Rattmann. Weil das Einkommen unterhalb der gesetzlich festgelegten Pfändungsgrenze bleibt, haben sie im Monat 300 Euro mehr in der Kasse. Was sie damit machen? "Wenn außer der Reihe mal was gebraucht wird, für die Kinder, für die Schule", sagt Rattmann, "dann müssen wir nicht mehr sonst was organisieren. Wir gehen einfach in einen Laden und kaufen es."

Mitarbeit: Ingrid Lorbach print

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