HOME

PISA-LÄNDERVERGLEICH: Länder wollen Konsequenzen ziehen

Der innerdeutsche Ländervergleich hat es ans Licht gebracht: Bayern, Baden-Würtemberg und Sachsen liegen an der Spitze. Klarer Verlierer ist Bremen. Welche Konsequenzen ziehen die Landesregierungen aus den Ergebnissen?

In dem mit Spannung erwarteten innerdeutschen Ländervergleich der Pisa-Bildungsstudie stehen Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen an der Spitze. Wie am Wochenende bekannt wurde, kamen die unionsregierten Bundesländer in vier der sechs wichtigsten Ranglisten auf die Plätze eins bis drei. Auch einige SPD-geführte Bundesländer zeigten sich zufrieden mit ihrem Abschneiden. Experten wiesen jedoch erneut darauf hin, dass auch die besten deutschen Ergebnisse international nur im Mittelfeld lagen.

Bremen ist das Schlusslicht

Bei der Hauptwertung, der Lesekompetenz der 15-Jährigen, errang Bayern in der »Pisa E« genannten Studie mit 510 Punkten den ersten Platz, gefolgt von Baden-Württemberg und Sachsen (500 und 491 Punkte). Auf dem letztem Platz landete Bremen mit 448 Punkten. Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen liegen nach einem vom bayerischen Kultusministerium bestätigten »Focus«-Bericht auch in den Kategorien mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung der 15-jährigen Schüler vorn.

Beweis für SPD-Versagen?

Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber wertete das Ergebnis am Sonntag als Beweis für das Versagen der Sozialdemokraten in der Bildungspolitik. Die Studie zeige, dass Kinder in sozialdemokratisch regierten Bundesländern geringere Chancen hätten als in unionsregierten. Stoiber kündigte an, Bildungspolitik zu einem Hauptthema im Wahlkampf zu machen. Auch die Kultusministerinnen Bayerns und Baden-Württembergs werteten den Pisa-Vergleich als Bestätigung der Bildungspolitik in ihren Ländern.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave zeigte sich zufrieden mit dem Abschneiden ihres Landes. Das nördlichste Bundesland hatte in der Wertung der naturwissenschaftlichen Leistung der Neuntklässler in Gymnasien mit 595 Punkten Platz eins errungen. Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Gabriele Behler erklärte, der sechste Rang ihres Landes bei der Lesekompetenz sei angesichts seiner Sozialstruktur »ein Ergebnis, worauf man aufbauen kann«. CDU-Oppositionsführer Jürgen Rüttgers wertete das Abschneiden Nordrhein-Westfalens dagegen als katastrophal.

GEW: Ergebnisse insgesamt schlecht

Die Lehrergewerkschaft GEW betonte, dass die deutschen Ergebnisse insgesamt unbefriedigend blieben. Der internationale Mittelwert liegt bei 500 Punkten. GEW-Sprecher Steffen Welzel sagte, selbst Spitzenkandidat Bayern operiere international nur »an der unteren Kante« der besseren Länder. Auch seien die Abstände zwischen einzelnen Bundesländern sehr gering.

Grüne: Bildungssystem sozial zu durchlässig

Der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Reinhard Loske, erklärte, das Ergebnis von Pisa-E habe ein erschreckendes Ausmaß an innerdeutschen Leistungsunterschieden gezeigt und die geringe soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems bestätigt. Um den Aufstieg Deutschlands in die erste Bildungs-Liga zu erreichen, müsse die vorschulische Bildung verbessert sowie die Ganztagesschule ausgebaut werden, forderte Loske.

Sachsen ist Überraschungssieger

Nach Ansicht des OECD-Experten Andreas Schleicher ist die größte Überraschung bei der Pisa-Studie Sachsen, das in vier von sechs Disziplinen den dritten Platz erreichte. Schleicher sagte der »Welt am Sonntag«, bemerkenswert sei, dass in Sachsen der soziale Hintergrund keine Rolle spiele.

Kultusminister legen Maßnahmenkatalog vor

Der PISA-Schock hat jetzt den Reformdruck auf die deutschen Schulen erhöht. Bereits nach der Veröffentlichung der miserablen Daten im Dezember legte die Kultusministerkonferenz (KMK) einen ersten Maßnahmenkatalog vor. Danach soll bereits im Kindergarten altersgemäß gelernt werden, um die Kinder besser auf die Einschulung vorzubereiten. Die Grundschule soll mehr Augenmerk auf die Vermittlung der deutschen Sprache sowie von Grundkenntnissen in Mathematik und Naturwissenschaften richten. Auch wird spezielle Förderung für Lernschwache angestrebt.

Gemeinsame Bildungsstandards

Noch weiter zielt der Beschluss der KMK vom Mai in Eisenach. Auf Vorstoß der SPD-Länder sollen künftig regelmäßig landesweite Orientierungsarbeiten geschrieben werden, mindestens drei Mal bis zur 10. Klasse. Die Lerndiagnose soll rechtzeitig während der Schulzeit erfolgen, so dass Korrekturen von Schwächen noch möglich sind. Auf Vorschlag der Unions-Länder wollen sich die Kultusminister bald auf gemeinsame »Bildungsstandards« einigen. Dabei soll mit Musteraufgaben beschrieben werden, was Schüler der jeweiligen Jahrgangsstufe können müssen. Vorarbeiten der Unions-Länder sollen in den Katalog einfließen.

dpa-Umfrage: Was planen die einzelnen Länder?

BADEN-WÜRTTEMBERG

: Kultusministerin Annette Schavan (CDU) will schon bei den Kleinen mit einem neuen Konzept ein »Klima für das Abenteuer Lesen« schaffen. Auch ein Deutsch-Test vor der Einschulung gehört zu den Planungen.

BAYERN

: Schulministerin Monika Hohlmeier (CSU) hat an weiter führenden Schulen Jahrgangsstufentests in Deutsch und Mathematik eingeführt. Vom kommenden Schuljahr an gibt es Orientierungsarbeiten auch in den Grundschulen. Spezielle Sprachlernklassen sollen helfen, Deutsch-Defizite bei Kindern auszugleichen. Ausgebaut werden sollen zudem Ganztagsangebote.

BERLIN

: Schulsenator Klaus Böger (SPD) überraschte unmittelbar vor der PISA-Veröffentlichung mit der Ankündigung der Einführung eines Zentralabiturs. Auch sollen einheitliche Qualitätsstandards entwickelt werden. Neben einer besseren frühkindlichen Förderung setzt Böger auf mehr Ganztagsschulen und verlässliche Halbtagsschulen.

BRANDENBURG

: Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) will »Erziehungsverträge« zwischen Eltern und Schulen abschließen. Beide Seiten sollen zusichern, jeweils ihrerseits alles zu tun, dass das Kind die Schule erfolgreich absolvieren kann. Neue Rahmenlehrpläne für die Grundschulen und verbindliche pädagogische Standards für die Kindertagesstätten sind angekündigt. Damit die Schüler künftig bei PISA besser abschneiden, erhalten alle 42 000 Schüler der neunten Klassen jetzt ein Heft mit Beispielaufgaben.

BREMEN

: Bildungssenator Willi Lemke (SPD) setzt vor allem auf mehr frühe Förderung und mehr Hilfen für die vielen Kinder von Ausländern und sozial schwachen Familien. Bremen hat die höchste Sozialhilfe-Quote Deutschlands. Spezielle Sprachkurse sollen die Migrantenkinder fit für den Schuleinstieg machen. Lemke hat Eltern, Gewerkschaften, Wirtschaft und Fachleute an einen »Runden Tisch Bildung« geholt, der weitere Reformen beraten soll.

HESSEN

: Schulministerin Karin Wolff (CDU) hat die Grundschulen angehalten, künftig früher auf Lesedefizite zu achten und sie auch zu beheben. Drittklässler werden künftig Orientierungsarbeiten in Deutsch und Mathematik schreiben. Bei Defiziten soll die Schule spezielle Förderpläne anbieten. Der Ganztagsschule nähert sich die Ministerin eher vorsichtig. Gedacht ist an freiwillige Angebote, etwa als Hausaufgabenhilfe. Auch Hessen will laut Koalitionsvertrag das Zentralabitur einführen.

MECKLENBURG-VORPOMMERN

: Konkrete PISA-Konsequenzen hat Bildungsminister Peter Kauffold (SPD) noch nicht angekündigt. Jedoch bekommen Grundschüler in den Klassen eins bis drei schon mehr Deutsch-Unterricht. Auch gibt es bereits Rechtschreibförderung.

NIEDERSACHSEN

: Ministerpräsident Siegmar Gabriel (SPD) hat als »oberster Schulpolitiker« des Landes die Einführung des Zentralabiturs angekündigt - noch vor der offiziellen PISA-Vorstellung. Das neue Schulgesetz schreibt Pflichtsprachförderung für Kinder mit schlechten Deutsch-Kenntnissen vor, die ein halbes Jahr vor der Einschulung beginnt und bei Bedarf in der Grundschule fortgesetzt wird. Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) will in den Klassen vier, sechs und acht Leistungsvergleiche einführen.

NORDRHEIN-WESTFALEN

: Schulministerin Gabriele Behler (SPD) will die Ganztagsbetreuung an den Grundschulen deutlich ausbauen. Bereits ab Herbst soll jede dritte Grundschule ein solches Angebot machen, mehr als doppelt so viel wie bisher. Auch in NRW gibt es eine Leseinitiative. Bei der Lehrerausbildung wird für Grund-, Haupt- und Realschulen ein einheitliches Lehramt geschaffen und der klassische Gymnasiallehrer wieder eingeführt.

RHEINLAND-PFALZ

: Schulministerin Doris Ahnen (SPD) will bis 2006 300 neue Ganztagsschulen eröffnen. Das ehrgeizige Programm wurde bereits vor dem Hilfsangebot des Bundes in der Finanzplanung des Landes fest verankert. Im Juli beginnt die Aktion »Leselust«. Eine umfangreiche Reform der Lehrerausbildung ist geplant.

SAARLAND

: Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) hat eine Grundschuloffensive mit mehr Unterricht angekündigt.

SACHSEN

: Der neue Kultusminister Karl Mansfeld (CDU) will mit früher Förderung im Kindergarten besser auf die Schule vorbereiten. Sachsen will zudem Modellversuche zur Ganztagsschule planen. Eine Bürgerinitiative erwägt ein Volksbegehren für kleinere Klassen, um angesichts des Geburtenrückganges Schulschließungen zu verhindern.

SACHSEN-ANHALT

: Der neue Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) will die PISA-Studie erst in Ruhe analysieren. Der frühere Erziehungswissenschaftler ist erst wenige Wochen Minister.

SCHLESWIG-HOLSTEIN

: Schulministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) will viel mehr Ganztagsschulen und eine Art »Schul-TÜV«. Auch Vergleichsarbeiten sind angestrebt.

THÜRINGEN

: Nach der Erfurter Bluttat will Kultusminister Michael Krapp (CDU) auch Schulabbrechern in der gymnasialen Oberstufe die Mittlere Reife zuerkennen. Künftig soll es bereits an den Grundschulen Fremdsprachenunterricht geben.

Wissenscommunity