VG-Wort Pixel

Vertragsrecht Abgezockt im Fitnessstudio


Bei Verbraucherzentralen hagelt es Beschwerden über Fitnessstudios. Durch spitzfindige Formulierungen in den Verträgen fühlen sich Kunden über den Tisch gezogen. Nun klärt ein Ratgeber die Studionutzer über ihre Rechte auf.
Von Inga Niermann

Thomas R. (32) wollte während seines zweimonatigen beruflichen Aufenthalts in Hamburg in einem Fitnessstudio trainieren. "Kein Problem", versicherte ein Mitarbeiter am Tresen des ausgewählten Trainingcenters: "Unterschreiben Sie unseren Vertrag, und ich mache eine entsprechende Notiz für die Geschäftsleitung." Nach den zwei Monaten buchte das Studio weiterhin Monatsbeiträge von Thomas R.s Konto ab. "Ich hätte ja schließlich den Vertrag unterschrieben und damit meine Mitgliedschaft für ein halbes Jahr bestätigt", bekam Thomas R. bei seiner Nachfrage schriftlich mitgeteilt. Von der mündlichen Absprache sei nichts bekannt. Der betreffende Mitarbeiter war nicht mehr erreichbar. Erst als Thomas R. mit einem Anwalt drohte, bekam er sein Geld zurück.

Immer häufiger sorgen die Verträge, die rund 5500 Fitness-Studios in Deutschland mit insgesamt 4,2 Millionen Kunden abschließen, für Streit. "Der meiste Ärger entzündet sich an der Länge der Vertragslaufzeiten und an den Begründungen für eine vorzeitige Kündigung", sagt Brigitte Sievering-Wichers von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Viele Freizeitsportler suchten deshalb inzwischen bei den Verbraucherzentralen in Sachen Fitnessvertrag Hilfe: In Baden-Württemberg waren es allein im letzten Jahr 250 Ratsuchende. 26 Abmahnungen verschickte die Verbraucherzentrale an Fitnessstudios, und sie beanstandete mehr als 200 Allgemeine Geschäftsbedingungen, so Sievering-Wichers.

Kündigung nur mit Attest

Meistens geht es dabei um automatische Verlängerungen der Vertragslaufzeit um mehr als einem Jahr, wenn das Mitglied nicht rechtzeitig gekündigt hat. Oder es werden Klauseln in den Verträgen beanstandet, die es dem Kunden nahezu unmöglich machen, trotz guter Gründe vorzeitig zu kündigen. Manche Fitnessstudios schreiben zum Beispiel in den Vertrag, dass eine Kündigung aufgrund eines ärztlichen Attestes nur akzeptiert wird, wenn es vom Vertrauensarzt des Studios ausgestellt wurde. Manche Fitnesscenter lassen sich von ihren Kunden auch unterschreiben, dass sie "sportgesund" sind, um später eingereichte Attests besser abwehren zu können.

So erging es zum Beispiel der jungen Sportlerin Melanie K. (26) mit einer noblen Fitnessstudio-Kette. Nach einem Skiunfall konnte sie für Monate nicht mehr trainieren. Sie reichte deshalb eine außerordentliche Kündigung mit einem Arztattest ein. Das Studio verlangte mehr Details über den Genesungsverlauf. Weil der Arzt wegen der ärztlichen Schweigepflicht weitere Auskünfte verweigerte, stellte das Studio der Kundin die Monatsgebühren weiter in Rechnung. Inzwischen beläuft sich die zu zahlende Summe auf 1000 Euro, die nun von einem Inkassounternehmen eingezogen werden soll. Melanie K. will jetzt vor Gericht ziehen.

Studios fürchten Gefälligkeitsatteste

Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Deutschen Fitness- und Gesundheits-Anlagen e.V. (DSSV), Refit Kamberovic, hält das Misstrauen der Studio-Manager dennoch für gerechtfertigt. "Viele Kunden stellen schon ein paar Monate nach Vertragsabschluss fest, dass sie nicht mehr weitermachen wollen und besorgen sich dann ein Gefälligkeitsattest vom Arzt", sagt Kamberovic. "Das ist doch klar, dass die Studios das nicht mitmachen."

Ohne die langen Laufzeiten könnten die Fitnessstudios nicht wirtschaftlich betrieben werden, betonte er. "Es gibt immer Jahreszeiten, in den weniger trainiert wird. Personal und Sachkosten müssen aber trotzdem finanziert werden." Die Kunden-Fluktuation sei mit 40 Prozent ohnehin immens groß. Der Kaufmann sieht das Problem eher in der anfänglichen Euphorie vieler Kunden. "Sie lassen sich von Äußerlichkeiten beeindrucken, informieren sich nicht ausreichend über das Angebot und sind dann schnell unzufrieden."

Ratgeber mit Auswahlkriterien

Die Verbraucherzentralen wollen mit 80 Seiten starken Ratgeber "Fitnessstudios - Auswahl und Vertrag" nun systematisch Informationslücken schließen und mehr Licht in den Vertragsdschungel bringen. Der Leitfaden gibt den Kunden Kriterien für die individuelle Auswahl eines Studios an die Hand. Dazu gehören zum Beispiel die Punkte Nähe zur Wohnung, Verkehrsanbindung, Öffnungszeiten, Kursangebote, Studiotyp und Studiogröße sowie Geräteausstattung, Trainerausbildung, Fitness-Check, Geräteeinweisung und Hygiene.

Außerdem gibt es Tipps zum Vertragsabschluss: Bevor der Kunde irgendwo unterschreibt, sollte er mehrere Studios gesehen und Preise und Leistungen verglichen haben. Ein guter Betreiber zeichnet sich demnach auch dadurch aus, dass er ein kostenloses Probetraining ohne Verpflichtung zum anschließenden Vertragsabschluss anbietet. Die Verträge sollten zu Hause in Ruhe studiert werden. Der Studionutzer sollte auch von vorneherein eine möglichst kurze Vertragslaufzeit vereinbaren. Außerdem hat er die Möglichkeit, individuelle Vereinbarungen zu treffen.

Mehr zum Thema Fitnessstudio auch bei unserem Partner shape.de


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker