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Wirtschaftskrise: Wenn die Welt stillsteht

Noch nie hat eine Krise so schnell den gesamten Globus erfasst. Dieselben Mechanismen, die vielen Menschen Wohlstand brachten, beschleunigen nun den Niedergang.

Von Jan Boris Wintzenburg

Weil Banker wie Sarah Hilleary in London kein Geld mehr für teure Restaurantbesuche haben, verliert Geflügelzüchter Carlos Aubone in Argentinien seine Existenzgrundlage.

Weil arbeitslose Autoingenieure wie Michael Savu in Detroit sparen müssen, hungert die Familie von Wanderarbeiter Du Jun in der chinesischen Provinz.

Weil deutsche Autokonzerne wie VW ihre Produktion kürzen, kann die südafrikanische Fabrikarbeiterin Thobeka Nkevu das Schulgeld für ihre Kinder bald nicht mehr bezahlen.

Die Welt ist klein geworden

Wer die Geschichten der Menschen auf diesen Seiten liest, erkennt schnell, wie klein die Welt geworden ist. Viel kleiner, als es das große Wort "Globalisierung" erwarten ließ. Jahrelang waren Ökonomen, Unternehmer und Politiker davon ausgegangen, dass das Zusammenwachsen der Staaten zu einem einzigen, großen Wirtschaftsraum die Menschheit vor Krisen schützt. Sie priesen die Globalisierung als Weg, der möglichst viele Menschen in möglichst vielen Ländern zu Wachstum und Wohlstand führen sollte. "Mit der Globalisierung eröffnen sich ökonomische Chancen, mit der richtigen Idee in null Komma nichts riesige Märkte und damit riesige Einkommen zu erreichen", schwärmte Bundespräsident Horst Köhler, einst auch Chef des Internationalen Währungsfonds. Wirtschaftstheoretiker setzten darauf, dass Krisen in einer Region vom Boom in anderen Regionen ausgeglichen werden würden. Die vergangenen sechs Jahre einer kräftigen Weltkonjunktur mit wachsendem Welthandel und steigenden Wohlstandsgewinnen auch in ärmeren Staaten schienen ihnen recht zu geben.

Inzwischen wissen wir es besser. Inzwischen zeigen sich überall auf der Welt die Opfer der ersten wirklich globalen Wirtschaftskrise. Es sind ganz normale Menschen wie Oleg Semkow in Moskau, Mónica Morales Pino in Madrid oder Roshan Jha in Mumbai, die gerade ihren Job verloren haben. In Deutschland fängt immerhin der Sozialstaat mit Kurzarbeitergeld und Arbeitslosenversicherung die Leidtragenden auf.

Seit Oktober vergangenen Jahres werden die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise auf die Realwirtschaft sichtbar. Die Industrieproduktion ist in noch nie erlebter Geschwindigkeit eingebrochen: in den USA um zehn Prozent, in Europa um zwölf Prozent und in Japan sogar um mehr als 20 Prozent. Die Exporte gingen dramatisch zurück. In Deutschland und China wurden im November jeweils gut ein Fünftel weniger Waren und Dienstleistungen ausgeführt als noch wenige Monate zuvor. Beide Länder hatten sich in den vergangenen Jahren ein Rennen um den Titel des "Exportweltmeisters" geliefert. Die Exportorientierung erweist sich inzwischen nicht mehr als Stärke, sondern als Schwäche: Jahrzehntelang wurde in diesen Ländern produziert, was die Amerikaner auf Pump konsumierten. Nun bricht in den USA die Nachfrage ein, und den beiden Exportgroßmächten bleibt außer Überkapazitäten und faulen Krediten recht wenig von ihrer Kraft.

Ökonomen rechnen für dieses Jahr inzwischen mit einem Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung von bis zu vier Prozent. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält sogar ein Minus von fünf Prozent für wahrscheinlich. Erstmals seit 60 Jahren könnte 2009 weltweit das Bruttosozialprodukt sinken.

Globalisierung kennt beide Richtungen

In atemberaubender Geschwindigkeit ist eine scheinbar lokal begrenzte US-Immobilienkrise um die Welt gerast, hat Existenzen und Hoffnungen zerstört. In China leiden nun auch 150 Millionen Wanderarbeiter unter den faulen US-Krediten. In Deutschland wurde seit Beginn der Krise für fast 800.000 Arbeitnehmer Kurzarbeit angemeldet. Und selbst im fernen Australien verkommen florierende Bergbauorte zu Geisterstädten, weil von einem Tag auf den anderen niemand mehr die geförderten Erze braucht. Auf die denkbar härteste Weise lernt die Menschheit gerade, dass Globalisierung nicht nur eine Richtung kennt: Prozesse, die in guten Jahren schnellen Wohlstand erzeugten, tragen in schwierigen Zeiten die Folgen der Krise in fast jeden Haushalt. Probleme, die früher regional begrenzt geblieben wären, verteilen sich heute in Rekordgeschwindigkeit um den Globus.

Der Transmissionsriemen, der die Krise in alle Welt übertragen hat, heißt Handel. Noch nie wurden so viele Waren und Dienstleistungen exportiert wie heute. Seit 2000 hat sich der Wert der international gehandelten Güter mehr als verdoppelt. Verglichen mit 1970 hat sich das Handelsvolumen gar versiebenfacht. Ohne internationale Zulieferketten sind die meisten Produkte heute gar nicht mehr vorstellbar. Und würde man alle ausländischen Waren aus deutschen Kaufhäusern entfernen, wären die Regale ziemlich leer. Kleidung oder Schuhe zum Beispiel gäbe es fast gar nicht mehr.

Freier Welthandel hat für die Konsumenten viele Vorteile: Arbeitsintensive Produkte werden günstiger, das Angebot breiter, die Qualität besser. Die Regeln, nach denen der Handel in unserer modernen, vernetzten Gesellschaft funktioniert, sind gnadenlos effizient: Jeder Hersteller, jeder Händler bestellt von seinem Lieferanten nur die Menge, die er zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort braucht. Dabei erwartet der Käufer wie selbstverständlich, dass die Geschäftspartner stets liefern können. Sonst sind sie raus aus dem Geschäft. Und wenn ein Unternehmen Sorge hat, dass die Kunden ausbleiben, bestellt es die Ware halt ab. So tat es VW beim Autozulieferer Johnson Controls im südafrikanischen Uitenhage mit den Sitzbezügen, von denen Thobeka Nkevu bisher 20 Stück pro Stunde genäht hat.

Einbrüche von 70 Prozent

Der Nachteil der hohen Flexibilität ist die Unberechenbarkeit: Zurzeit haben die meisten Firmen Sorgen - und stornieren sich immer tiefer in die Krise. In E-Mail-Geschwindigkeit schmelzen die Auftragsbücher zusammen. Neugeschäft? Fehlanzeige! Besonders Autozulieferer verzeichnen weltweit Einbrüche von bis zu 70 Prozent.

Nach der Welle der Bankenpleiten rollt nun eine Welle von Abbestellungen um die Erde. Das maritime Bild passt gut, denn ein Großteil der Handelsrouten, auf denen all die Güter unterwegs sind, führt über die Ozeane. Auch in deutschen Häfen ist deutlich zu beobachten, dass jeden Tag weniger Container in den Terminals stehen. Manche Schiffe sind halb leer, andere bleiben ganz weg, weil die Reedereien sie langsamer fahren lassen oder gleich ganz stilllegen. "Es kommen einfach keine Container mehr an", seufzt Lkw-Fahrer Uwe Steinbüchel. "Unter Hafenarbeitern machen Gerüchte die Runde, an der Küste Chinas lägen bereits über 100 der riesigen Containerschiffe vor Anker." Offiziell bestätigen will das zurzeit kein Reeder. Aber allein in Hamburg lagen in der vergangenen Woche 17 allerdings meist kleinere Frachter auf Reede.

Die Logik hinter der Leere lässt sich schlicht so erklären: Was Ende vergangenen Jahres nicht bestellt wurde, kommt in diesen Tagen nicht in Hamburg oder Bremerhaven an. Ein bis zwei Monate braucht eine Schiffslieferung zum Beispiel aus China. Die meisten Container, die heute ankommen, wurden bereits in den frühen Wochen der Krise bestellt, als die Stimmung noch besser war. Weil die Bestellungen seitdem aber kontinuierlich zurückgegangen sind, versiegt der Warenfluss in die deutschen Häfen jetzt nach und nach. Schon ist absehbar, dass bis in den Sommer hinein immer weniger geliefert werden wird. Daran kann auch die noch vergleichsweise gute Stimmung der deutschen Verbraucher wenig ändern.

Die nächste Welle kommt

Wer nichts mehr verkauft, investiert auch nicht mehr. Die dritte Welle der Krise wird deshalb besonders hart die Hersteller der Produktionsanlagen treffen, mit denen bisher die Konsumgüter gefertigt wurden - eine deutsche Spezialität. Unzählige mittelständische Maschinen- und Anlagenbauer versorgen die Welt mit langfristigen Investitionsgütern. Unternehmen wie Gildemeister oder Trumpf sind mit ihren Drehbänken, Fräsen und Industrielasern das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Den Anlagenbauern kommen jetzt die Produzenten abhanden, die ihnen etwas abkaufen. Was nützen die dank langer Lieferzeiten immer noch vollen Auftragsbücher, wenn kein Neugeschäft mehr reinkommt? Nur wenn die Hersteller in aller Welt bald wieder Vertrauen in eine bessere Zukunft fassen und bestellen, könnte diese dritte Welle des Niedergangs sich brechen und abebben. An diesem Punkt entscheidet sich, ob die Krise nur kurz und heftig wirkt - oder ob sie den Beginn einer tiefen, lang anhaltenden Depression markiert. Im ersten Fall ginge es 2010 wieder aufwärts mit dem Wirtschaftswachstum, im zweiten Fall weiter bergab.

Aber braucht die Welt denn weiteres Wachstum wirklich so dringend? Warum ist es so schlimm, wenn die Wirtschaftsleistung mal um ein, zwei Jahre zurückfällt? Schließlich haben wir im Jahr 2007 doch auch ganz gut gelebt.

Die Antwort auf diese Fragen ist kurz: Ja, die Welt braucht Wachstum. Ja, schon wenige Prozent Rückgang sind schlimm. Denn der Rückgang macht ja auf dem Stand von 2007 nicht halt.

Stetiges Wachstum

Stetiges Wachstum ist Motor und Schmiermittel der Entwicklung, im Norden wie im Süden der Welt. In Entwicklungsländern ermöglicht es der Bevölkerung erst, sich an das Wohlstandsniveau im Rest der Welt anzunähern. Wachstum heißt in Afrika nicht, ein zweites oder drittes Auto zu kaufen, sondern wie bei Thobeka Nkevu endlich mehr als ein Bett für ihre Familie zu haben.

In Schwellenländern hilft es, die Grundbedürfnisse der häufig schnell wachsenden Bevölkerung zu erfüllen. In China drängen jedes Jahr Millionen von Wanderarbeitern wie Du Jun in die Städte, weil sie auf dem Land keine Chance haben, ihre Familie zu ernähren. In Indien sind es häufig gut ausgebildete Hochschulabgänger wie Roshan Jha, die auf den Arbeitsmarkt drängen. China und Indien brauchen mindestens fünf bis acht Prozent Wirtschaftswachstum allein dafür, den Druck auszugleichen, der durch die Zunahme der Bevölkerung entsteht. Geringere Wachstumsraten bedeuten Verarmung und Hunger für Millionen Menschen. Höhere Raten ermöglichen es, Infrastruktur und Bildungssystem auszubauen oder die medizinische Versorgung zu verbessern. Wachstumsstillstand ist für China ein Rückschritt.

Die reichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas benötigen ebenfalls stetige Steigerungen des Bruttosozialprodukts: Wir leben zwar auf einem beeindruckenden Wohlstandsniveau, müssen uns dieses aber auch dauerhaft leisten können. Unsere sozialen Sicherungssysteme müssen angesichts einer alternden Gesellschaft finanziert werden. Bei ständig steigender Produktivität kann der Beschäftigungsstand nur dann gehalten werden, wenn die Wirtschaftsleistung steigt. Gleichzeitig verschleißt die Infrastruktur jeden Tag ein Stück mehr und muss erneuert werden. Zusätzlich stellen sich ganz neue Aufgaben, etwa beim Klimaschutz oder bei der Bekämpfung von Krankheiten. Die Entwicklung neuer Technologien und Verfahren zur Lösung all dieser Probleme können wir uns aber nur leisten, wenn unsere Volkswirtschaft wächst und genügend Kapazitäten für die Entwicklung neuer Ideen zur Verfügung stehen.

Es wird dabei in Zukunft mehr um die Qualität des Wachstums gehen. Ein Ziel wäre dann zum Beispiel nicht die Produktion eines zweiten und dritten Autos für jeden Bürger, sondern die Entwicklung eines bezahlbaren Elektromobils mit gewohntem Komfort und hoher Reichweite. Solche neuen Ideen können eigenes Wachstumspotenzial entwickeln, denn sie verändern ganze Lebensbereiche und schaffen Bedarf an neuen, besseren, weil umweltverträglicheren Gütern.

Steuergelder schnell umsetzen

Ohne Wachstum verfiele auch unsere Volkswirtschaft. Deswegen müssen sich Deutschland und die anderen großen Staaten der Erde mit milliardenschweren Konjunkturpaketen gegen den Stillstand stemmen. "Je tiefer die Krise wird", sagt Wirtschafts-Nobelpreisträger und Globalisierungskritiker Joseph Stiglitz, "desto größer müssen die Staatshilfen sein." Wenn es in den nächsten Wochen und Monaten gelingt, das Steuergeld schnell in Aufträge und Bestellungen umzusetzen, könnte sich bis Mitte des Jahres der nötige Schwung bilden, um den Blutkreislauf der Wirtschaft, den Handel, wieder auf Touren zu bringen.

Die Welt muss jetzt den schlechten Erfahrungen zum Trotz wieder auf die Effekte der Globalisierung hoffen. Denn sollte sich irgendwo auf der Welt die Stimmung aufhellen, wird sie sich über den Handel weltweit verbreiten.

Und da, so eine aktuelle Beobachtung, tun sich gerade die hervor, die wenig zu verlieren und viel zu gewinnen haben. Carlos Aubone in Argentinien plant bereits eine neue Exportoffensive für sein Nandufleisch, und Roshan Jha in Indien werkelt an seinem Start-up. Es könnte also sein, dass diesmal die schwermütigen Industrieländer vom Optimismus der Entwicklungs- und Schwellenländer profitieren. Das wäre dann endlich wieder ein Beleg für die positiven Folgen der Verflechtung unserer Welt.

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