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Bierbrauer in der Krise Rafft Corona die deutsche Bierkultur dahin? Ein Statusbericht

Ein Mann trinkt Bier im Paulaner-Biergarten
Im Paulaner-Biergarten am Nockherberg fließt auch in Zeiten von Corona weiterhin das Bier - allerdings mit ein paar Einschränkungen.
© Frank Hoermann / Sven Simon / Picture Alliance
Deutschland ist ohne sein Bier kaum zu denken. Aber die Corona-Pandemie setzt den Brauereien zu. Die Sorge um die Zukunft der Branche ist groß. Wird Covid-19 die Brauereienlandschaft nachhaltig verändern?

Bei den deutschen Bierbrauern herrscht Katerstimmung. Seit Monaten kämpfen sie mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie und damit ihr Bier loszuwerden. Aber das maue Geschäft in der Gastronomie, abgesagte Veranstaltungen und ein Einbruch des Exports hinterlassen tiefe Wunden. 

Besonders kleine und mittlerer Brauereien, die vornehmlich mit Fassbier arbeiten, leiden. Bei den ersten ist bereits Zapfenstreich, sie mussten aufgeben. Die Branche befürchtet eine Pleitewelle. Wie ist die aktuelle Lage bei den Brauereien? Der stern hat in der Branche nachgefragt. 

Der Deutsche Brauer-Bund: "Der Strukturwandel wird auch den deutschen Biermarkt verändern"

Der Deutsche Brauer-Bund versteht sich als Stimme der deutschen Brauer. Der Interessensvvertretung macht seit Beginn der Pandemie auf die Probleme der Branche aufmerksam. Hauptgeschäftsführer Holger Eichele darüber, wie es den Brauereien derzeit ergeht.

"Die deutsche Brauwirtschaft befindet sich in einem der schwierigsten Jahre ihrer Geschichte. Restaurants und Kneipen waren über zwei Monate geschlossen, zehntausende Veranstaltungen und Feste wurden abgesagt, der Export brach fast vollständig zusammen. Viele der kleinen und mittleren Brauereien, deren Biere überwiegend in der Gastronomie und bei Veranstaltungen ausgeschenkt wurden, mussten in den letzten Monaten Umsatzrückgänge von bis zu 90 Prozent verkraften.

Aber auch die großen, national bekannten Braugruppen leiden stark unter dem Absatzrückgang. Im Prinzip gilt: Je höher der Gastronomie-Anteil einer Biermarke, desto massiver sind die Umsatzeinbrüche. Brauereien, die besonders stark auf den Handel ausgerichtet sind, kommen dagegen besser durch die Krise.    

"Fassbierabsatz lag bei fast null"

Auch wenn sich einzelne Exportmärkte mittlerweile wieder etwas erholen konnten und die Nachfrage nach Flaschenbier im deutschen Handel leicht gestiegen ist, kann dies die noch immer drastischen Verluste beim Fassbier-Absatz in der Gastronomie und bei Veranstaltungen nicht annähernd ausgleichen. Mehr als zwei Monaten lag der Fassbierabsatz bei fast null.

Wir beobachten mit großer Sorge, dass sich in der Gastronomie tiefgreifende Veränderungen abzeichnen. Viele Kneipen, Bars, Clubs und Restaurants werden aufgeben müssen. Viele Innenstädte werden leerer, weil sich auch das Ausgehverhalten der Menschen verändert. Auch bei Tourismus, Tagungen, Events und Geschäftsreisen wird es wohl dauerhaft zu harten Einschnitten kommen. Dieser Strukturwandel ist tiefgreifend, er hat gerade erst begonnen und er wird auch den deutschen Biermarkt verändern." 

Paulaner Brauerei Gruppe: "Mit einem blauen Auge aus dem Krisenjahr"

Die süddeutsche Paulaner-Gruppe arbeitet weltweit in über 70 Ländern und gehört mit zehn Braustandorten und rund 200 Biersorten zu den größten Brauereigruppen Deutschlands. Jörg Lehmann, CEO von Paulaner, erklärt, warum die Brauerei-Gruppe mit einem blauen Auge durchs Jahr kommt.

"Bei Paulaner sind wir stolz auf unsere Stärke in der Gastronomie. Aber dieser Absatzkanal ist mit dem Lockdown von heute auf morgen komplett weggebrochen, das hat uns hart getroffen. Mittlerweile zeichnet sich eine leichte Erholung ab, aber das ist eine Momentaufnahme.

Es gibt zwei Daten in unserem Jahreskalender, die für jeden Brauereimitarbeiter fix sind: der Starkbieranstich und das Oktoberfest, beide finden 2020 nicht statt. Das vermissen wir - vor allem emotional.  Geschäftlich bedeuten die geschlossene Gastronomie und die ausgefallenen Feste ganz klar, dass ertragsstarke Hektoliter fehlen. Der Anteil von Fassbier am Gesamtabsatz ist um zehn Prozent gesunken. Ebenso ist unser internationales Geschäft betroffen, beginnend in Asien sind wie in einem Dominoeffekt die Bestellungen ausgeblieben. Dagegen sind wir mit der Entwicklung im Handel zufrieden.

"Wir werden auch diese Krise überstehen"

Die Situation der Paulaner Brauerei Gruppe ist besser, als zu Beginn der Pandemie befürchtet. Paulaner wird mit einem blauen Auge aus dem Krisenjahr 2020 kommen. Es gibt drei Faktoren, die uns helfen, die Krise gut zu meistern: Paulaner ist als Teil der Paulaner Brauerei Gruppe in einem Verbund starker Brauereien, die in ihren Märkten regional fest verwurzelt sind. Wir sind Teil der Schörghuber Gruppe, einem Familienunternehmen, das nachhaltig und langfristig wirtschaftet und plant. Und wir haben zu Beginn der Pandemie sehr schnell reagiert und ein funktionierendes Krisenmanagement eingesetzt.

Auch wenn der Wandel tiefgreifend ist, bin ich dennoch fest davon überzeugt, dass es gelingt, in unseren Unternehmen die Kräfte zu bündeln, um sicher durch die Krise zu kommen. Wir haben im Deutschen Brauer-Bund familiengeführte Mitgliedsbetriebe, die in sechster oder siebter Generation arbeiten. Die deutsche Brauwirtschaft hat schon so viele Krisen überstanden, wir werden auch diese überstehen." 

Wernecker Bierbrauerei: "Jetzt zählen wir einfach nur noch die Tage"

Rund vier Jahrhunderte lang wurde in der Wernecker Bierbrauerei gebraut – jetzt ist Schluss. Noch im März hatte das Familienunternehmen ums Überleben gekämpft, Kurzarbeit angemeldet und Soforthilfe beantragt. Retten konnte das die fränkische Brauerei nicht. Christine Lang wollte das Unternehmen in sechster Generation weiterführen. Sie erzählt, warum das Unternehmen Ende September nun endgültig aufhört.

"Wir sind zu müde um uns diesem Kampf abermals und weiterhin zu stellen. In der Braubranche hat es auch schon vor Corona starke Schwierigkeiten gegeben. Die zum Nachteil der kleinen Betriebe geänderte Biersteuermengenstaffelung hat damals und auch heute noch viele Betriebe getroffen. Die zunehmende Macht der Einkaufskonzerne drückt die Verkaufspreise und gleichzeitig steigen die Kosten von Rohstoffen, Personal, Maut. Die Spanne der Brauereien schrumpft und deshalb sind die Polster für Krisen gerade bei kleineren Betrieben im allgemeinen leider nicht sonderlich groß. 

"Normalerweise wird im Sommer der Umsatz gemacht"

Unser Betrieb ist sehr serviceorientiert und dementsprechend im Gastronomie- und Veranstaltungsbereich groß aufgestellt. Der Lockdown in der Gastronomie hat uns dann auch diesen Umsatz von heute auf morgen genommen. Die Auslieferungs-Touren waren nicht mehr ausgelastet, dass Fassbier im Lagerkeller rückte dem Mindesthaltbarkeitsdatum immer näher, die laufenden Kosten und Verträge blieben jedoch gleich. Bis zu zwei Drittel Umsatz sind weggebrochen und das auch noch in der Hochsaison der Brauereien, denn normalerweise wird im Sommer der Umsatz gemacht, der einen im Winter über Wasser hält. 

Die Politik und der Verbraucher entscheiden, wie nach der Krise die Brauereienlandschaft aussieht. Eine Umstellung der Biersteuermengenstaffelung, so wie es früher war, würde gerade die kleinen Betriebe in der Krise stärken. Und der Verbraucher sollte jetzt nicht nur nach dem Preis einkaufen und die Konzerne unterstützen, sondern er sollte vielmehr die regionalen, kleinen Familienbetriebe stärken. Den Preiskampf zu unterstützen, würde jetzt bedeuten, dass die kleinen Firmen nachhaltig weiter verschwinden.

Unsere Lager sind nun nahezu leer und das letzte Bier hat noch seinen Weg zu Liebhabern gefunden und jetzt zählen wir einfach nur noch die Tage, bis wir den Kampf hinter uns lassen können und dann das erste Mal seit Langem wieder entspannt ein Bier trinken können – selbstverständlich ein regionales!"

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