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Corona-Hotspots In den USA entwickeln sich Restaurants und Bars zu Corona-Hotspots. Blüht uns das auch Deutschland?

Restaurant-Werbung in New York
Ein Restaurant in Brooklyn in New York macht mit seinen Werbefiguren auf das Tragen von Masken aufmerksam.
© Picture Alliance
Risikogebiet Restaurant: Immer mehr Corona-Infektionen in den USA werden mit Gastro-Besuchen in Zusammenhang gebracht. Besonders betroffen sind reine Indoor-Betriebe. Steht das auch der deutschen Gastronomie bevor?

In weiten Teilen der USA wurden Restaurants und Bars trotz hoher Corona-Infektionsrate schnell wieder geöffnet. Die Lockerungen sollten der vom Coronavirus gebeutelten Wirtschaft helfen. Jetzt deuten Zahlen aus den US-Bundesstaaten und -Städten darauf hin, dass das ein Fehler gewesen sein könnte.

Laut der Daten können viele Corona-Gruppenausbrüche mit Gastronomiebesuchen in Zusammenhang gebracht werden. Die Zahlen zeigen, dass sich Restaurants und Bars in dem Land - neben Pflegeheimen und Gefängnissen - zu Hauptansteckungsorten entwickeln. Demnach konnten in Louisiana seit März etwa ein Viertel der Infizierten mit gastronomischen Betrieben in Verbindung  gebracht werden, in Maryland sind es allein im vergangenen Monat 12 Prozent der Fälle, wie die New York Times berichtete.

Noch kein deutsches Phänomen

In Deutschland sieht die Faktenlage, folgt man den Berichten des Robert-Koch-Instituts (RKI), anders aus. Im aktuellen Lagebericht (Stand 12. August) sind 5241 bestätigte Covid-19-Infektionen von Menschen aufgeführt, die in Küchen von Gaststätten und sonstigen Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung arbeiten. Dazu zählen auch Personen, die in der Fleischindustrie tätig sind. Das sind etwa 2,4 Prozent von den insgesamt 218.519 bestätigten Fällen.

Allerdings handelt es sich dabei nur um Mindestangaben, wie das RKI auf stern-Anfrage bekannt gibt. Bei etwa 25 Prozent der Fälle fehlen Angaben, in welchen Bereichen die Infizierten arbeiten. Außerdem gebe es bisher keine tiefergehenden Zahlen zum Zusammenhang von Infektionen und Gastronomie, sie spielen laut RKI in den Ausbruchsberichten keine größere Rolle. Dass die Fallzahlen bei Menschen, die im Lebensmittelbereich tätig sind, zuletzt gestiegen seien, sei größtenteils auf Ausbrüche in fleischverarbeitenden Betrieben zurückzuführen. Zum 20. Mai hatte die Zahl der Infizierten in diesem Bereich noch 1,2 Prozent an den bestätigten Corona-Infektionen ausgemacht.

Eins-zu-eins vergleichen kann man die Zahlen nicht miteinander. Denn die Fälle werden unterschiedlich dokumentiert. So dröselt beispielsweise die Regierung im US-Staat Louisiana nach Ausbruchsort, Zahl der Ausbrüche und Fällen auf. Dabei sind anders als beim RKI Bars, Restaurants und Lebensmittelverarbeitung jeweils eigene Kategorien. Anders als beim RKI sind die Ansteckungen in fleischverarbeitenden Betrieben, die auch in den USA immens waren, nicht gemeinsam mit denen im gastronomischen Bereich erfasst.

Corona-Müdigkeit macht sich breit

Wie in den USA mussten auch in Deutschland bereits einige Gastronomie-Betriebe wegen Corona-Ausbrüchen zumindest zeitweise wieder schließen. So war kurz nach den Lockerungen ein Restaurant in Leer in Ostfriesland in die Schlagzeilen geraten, nachdem sich dort mehrere Menschen mit dem Virus infiziert hatten. Daraufhin wurde wegen Verstößen gegen die Abstands- und Hygieneregelungen ermittelt. Der Wirt hat inzwischen seine Lizenz zurückgegeben.

In Deutschland sind bislang wenige solcher Fälle bekannt, allerdings macht sich inzwischen auch in der Gastronomie eine gewisse Corona-Müdigkeit breit. Das Maskentragen wird inzwischen vielerorts eher leger gehandhabt, auf Tischabstände wird weniger geachtet und auch der Umgang mit den obligatorischen Kontaktlisten lässt immer öfter zu wünschen übrig.

Eine Entwicklung, die der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) mit Sorge verfolgt. Um wieder mehr Disziplin in die Köpfe von Gästen und Gastronomen zu bekommen, hatte der Berliner-Landesverband sogar das Ordnungsamt ins Spiel gebracht und dieses zu mehr Kontrollen aufgefordert. Auch in anderen Städten werde das laut Dehoga diskutiert. "Es liegt nicht allein in der Hand der Gastronomen, dass die Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden", meint Dehoga-Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges. Gegenüber dem stern erklärt sie: "Keine Frage hat unsere Branche eine besondere Verantwortung, wenn es darum geht, die Schutz- und Hygienemaßnahmen strikt einzuhalten und die Mitarbeiter zu schulen, aber auch die Gäste müssen mitmachen." 

Sorge vor zweiter Welle

Eine zweite Pandemie-Welle, da ist sich der Dehoga sicher, hätte verheerende Auswirkungen für die deutsche Gastronomie. Aus einer aktuellen Branchenumfrage des Verbands geht hervor, dass rund 60 Prozent der befragten Betreiber von Gaststätten und Hotels in Deutschland um ihr wirtschaftliches Überleben fürchten. Insgesamt seien die Umsätze laut Umfrage seit Anfang März um mehr als 60 Prozent zurückgegangen.

In den USA sind, berichtet die "New York Times", vor allem Betriebe, die keine Außengastronomie anbieten, von den Corona-Ausbrüchen betroffen. "Bis vor kurzem konnten wir keinen größeren Ausbruch auf irgendeine Freiluft-Beschäftigung zurückführen", bestätigt Lindsey Leininger, eine Forscherin auf dem Gebiet der Gesundheitspolitik und klinische Professorin an der Tuck School of Business in Dartmouth, der Zeitung.

Lauert die Gefahr also in den abgeschlossenen Räumen? Auch Zahlen aus Washington D.C, scheinen darauf hinzudeuten. Dort ist es inzwischen wieder erlaubt, Indoor-Gastronomie anzubieten, während es beispielsweise in New York weiterhin verboten ist. Seit in Washington D.C. die Bewirtung in geschlossenen Räumen wieder erlaubt ist, steigt die Zahl der Infizierten. 

In Deutschland wurde in der Corona-Krise die Außenbewirtung ausgebaut. Eine Maßnahme, die den Gastronomen helfen soll, die wirtschaftlichen Auswirkungen, die mit den Kapazitätsbeschränkungen und den Abstandsgeboten einhergehen, einzudämmen. Aber die Angst vor den kalten Monaten, wenn eine Außenbewirtung nicht mehr möglich sein wird, ist groß. Die Gastronomen werden alles tun, um die Open-Air-Saison durch Wintergärten, Wärmestrahler oder andere innovative Ideen zu verlängern, meint Hartges. Und für die Innenräume heiße die Devise: "Lüften, lüften und nochmals lüften." 

Eine zweite Welle könne nur verhindert werden, wenn die Schutzmaßnahmen weiterhin konsequent eingehalten würden, sagt sie - "Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde". Unbedachtes oder vorsätzliches Ignorieren der Schutzmaßnahmen gefährde das Ergebnis aller bisherigen gesundheitspolitischen Aktivitäten. "Es gibt keine Veranlassung, die aktuellen Zahlen zu dramatisieren, aber wir müssen sie ernst nehmen. Nur dann wird es gelingen, die Öffnung unserer Betriebe zu verteidigen."

Quellen: New York Times, RKI, dpa


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