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Heiße Schnecken: Das Millionen-Geschäft mit der Abalone

Seit 20 Jahren hat die chinesische Mafia die Küste Südafrikas im Griff. Es geht um Geldwäsche und viele Millionen. Wegen der Abalone: einer köstlichen Schnecke, die hier im Meer lebt - noch.

Von Martin Jäschke

Die begehrte Schnecke - Abalone

Die begehrte Schnecke - Abalone

Abalone – so wurden die Seeschnecken einst von den britischen Kolonialherren getauft; im Deutschen heißen sie See- oder Meerohren. Die Chinesen nennen sie nur "weißes Gold". Es sind friedliche Weichtiere, die sich wenige Meter unter der Wasseroberfläche vor der Küste an Felsen festsaugen. Essbare wilde Abalone gibt es in Australien, Neuseeland, Japan, China, Mexiko – und in Südafrika. Hier wurden ganze Dörfer zu verschwiegenen, kriminellen Gemeinschaften wegen dieser Schnecken. Ihretwegen liefern sich Banden auf offener Straße wilde Schießereien. Und ihretwegen dümpelt hin und wieder ein toter chinesischer Mafioso im Hafen von Kapstadt.

Schon vor 4000 Jahren klaubten die Ureinwohner Südafrikas Abalone aus dem Meer und aßen sie. Damals gab es sie hier noch massenhaft – die besonders große Art "Haliotis midae" fand vor der Küste am Kap der Guten Hoffnung perfekte Lebensbedingungen: klares, warmes Wasser, viel Nahrung, kaum Feinde – und unzählige Felsen zum Festsaugen. Bis zu 30 Zentimeter groß werden die Schnecken, zwei Kilo schwer und im Schnitt 30 Jahre alt. "Abalone sind eigentlich nie ausgewachsen", erklärt Thilo Maack, Meeresbiologe bei Greenpeace. Wenn man sie wachsen lässt. Denn weil so viele abgeerntet werden, bleiben die Tiere jung und mickrig.

Eine ganze Art schrumpft

Heute sind Abalone weltweit viel kleiner als früher. Eine ganze Art schrumpft. Der Wildbestand verringert sich dramatisch, einige der rund 75 Arten stehen heute auf der Roten Liste. Neben der Überfischung vermuten Meeresbiologen die Übersäuerung der Meere und die globale Erwärmung als Gründe dafür. "Auch wenn es in einigen Ländern strikte Fangbeschränkungen gibt, ist illegaler Fang weltweit stark verbreitet", sagt Catherine Zucco, Fischereiexpertin beim WWF. "In erster Linie wohl, weil Abalone ein sehr hochpreisiges und nachgefragtes Produkt ist." Die teuren Schnecken sind vor allem in Fernost gefragt. Ihr weiches, aber bissfestes Fleisch wird gekocht, gegrillt oder roh als Sashimi aufgeschnitten.

In Meerwassertanks werden die Abalone in den Aquakulturfarmen in Südafrika gezüchtet - ein aufwendiges und teures Verfahren.

In Meerwassertanks werden die Abalone in den Aquakulturfarmen in Südafrika gezüchtet - ein aufwendiges und teures Verfahren.

Seit einigen Jahrzehnten ist die Nachfrage in Asien um ein Vielfaches höher, als die eigene Fischerei dort decken kann. Die Chinesen als Hauptverbraucher versuchen, andernorts an ihre Schnecken zu gelangen. Mitte der 1990er-Jahre entdeckten sie ein fernes Land, vor dessen Küste massenweise große Abalone im Meer zu finden waren: Südafrika. Zu dieser Zeit entfachte am Kap der Guten Hoffnung etwas, was man als Abalone-Goldrausch beschreiben könnte: Der Preis auf dem internationalen Markt hatte sich innerhalb kurzer Zeit von 10 auf 32 Dollar pro Kilo verdreifacht, der Fall der Apartheid und eine schwächelnde Währung bewirkten, dass die Fischer am Kap plötzlich zwölfmal so viel Geld für Abalone bekamen wie nur wenige Jahre zuvor. Ein brutaler Konflikt um reduzierte Fangquoten und ausufernde Wilderei war ausgebrochen. Das lockte Kriminelle aus dem Ausland und Drogenbosse aus den Großstädten in die verschnarchten Fischerdörfer, vor allem an der West- und Südküste. Es waren die Geburtsjahre der chinesischen Abalone-Triaden in Südafrika. Sie sind geblieben. Bis heute.

Lange Zeit war Abalone-Fang in Südafrika erlaubt. Damals gab es auf dem Meeresboden pro Quadratmeter bis zu 50 Abalone. Mit dem asiatischen Abalone-Boom wurden die Quoten und Fangzeiten immer weiter eingeschränkt – bis wild lebende Abalone 2008 komplett unter Schutz und ihr Fang unter Strafe gestellt wurden. Das Verbot förderte die Wilderei, denn Hunderte kleine Fischereibetriebe lebten vom Abalone-Fang – und machten wegen der unstillbaren Nachfrage einfach weiter.

Fast jeder ist in das illegale Geschäft verwickelt

Etwas mehr als 10.000 Menschen leben in Gansbaai. Fast jeder Erwachsene ist hier in das illegale Geschäft verwickelt. Es ist verlockend: Gezahlt wird in US-Dollar, ein Taucher verdient in einer Nacht mehr als ein Polizist in einem Monat. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Überfischung hat den Fischern ihre Lebensgrundlage genommen. Viele verstehen nicht, warum Abalone-Fang heute verboten ist – er war es ja früher nicht. Oft handeln die Fischer die Schnecken im Austausch gegen Crystal Meth oder andere synthetische Drogen. Die teure Schnecke ist längst nicht mehr das Glück der Küstengemeinden, sondern ihr Verderben. Wenn man in Deutschland Abalone bekommt, dann aus Aquakultur. "Einige Spitzenköche haben auch hier mal was mit den Chinesen getrieben, um an die großen, wilden Abalone zu kommen", berichtet ein Kenner des Fischmarktes, der nicht namentlich genannt werden möchte. Heute sei das Tier hierzulande nur schwer zu bekommen – weil die Nachfrage gering ist und "weil die Japaner und Chinesen sowieso so gut wie alles wegkaufen".

Auch in Dosen findet das Schneckenfleisch in Fernost Absatz. Abalone wird dort auch "weißes Gold" genannt.

Auch in Dosen findet das Schneckenfleisch in Fernost Absatz. Abalone wird dort auch "weißes Gold" genannt.

Gekürzte Fassung aus der BEEF!-Ausgabe 1/2015, www.beef.de