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Sieh die Welt in Kambodscha: Frittierte Vogelspinne zum Frühstück

Kross frittiert in heißem Öl, mit Gewürzen, Salz und Zucker und zur Krönung mit hauchdünnen Knoblauchscheiben garniert - so lieben die Kambodschaner ihre skurrilste Delikatesse: schwarze Vogelspinnen.

Von Mario Weigt

Beliebt bei Einheimischen und Touristen: Eine Portion Vogelspinnen kostet rund drei Euro

Beliebt bei Einheimischen und Touristen: Eine Portion Vogelspinnen kostet rund drei Euro

Akribisch sucht Shin im Laubwald den sandigen Erdboden ab. Vorsichtig wendet die 33-jährige Kambodschanerin vertrocknete Blätter, nestelt mit einem fingerdicken Stock in Grasbüscheln umher und schiebt dünne Zweige beiseite. Es dauert nicht lange, und sie findet ein unscheinbares Loch in der ausgetrockneten Erde, kaum größer als eine Euromünze. Das feine Spinnennetz am Eingang verrät den Bewohner der Erdhöhle: eine Vogelspinne - Kambodschas bizarrste Delikatesse.

In asiatischen Ländern ist es nicht ungewöhnlich, dass Seidenraupen, Wasserkäfer, Heuschrecken und andere Krabbelviecher im Kochtopf oder auf dem Grill landen. Alles was kriecht und krabbelt scheint den Menschen hier gut zu schmecken. Aber Vogelspinnen? Da schüttelt es selbst hartgesottene Kriechverzehrer vor Ekel. Nicht so im kambodschanischen Skun, das man “die Spinnenstadt” nennt. Hier haben sie die schwarzen Riesenspinnen zum Fressen gern. Mich fasziniert die Hochburg der Spinnenröster und ich habe mich mit drei Spinnenfängerinnen verabredet: Shin, Win und Shouk. Es ist früh, verdammt früh, nämlich kurz nach Sonnenaufgang, als ich den drei zierlichen Frauen in den Bambuswald folge.

Der frühe Vogel fängt die Spinne

Doch wer die achtbeinigen, handtellergroßen Wesen namens Theraphosidae fangen will, muss so früh aufstehen. Ihren deutschen umgangssprachlichen Namen verdankt die Vogelspinne wohl einer Buchillustration aus dem frühen 18. Jahrhundert. Darauf sitzt ein haariger Brocken auf einem Ast und verspeist genüsslich einen Kolibri. Dabei fressen die Tiere nur selten Vögel. Heute sind es allerdings die Spinnen selbst, die verspeist werden sollen. Wenn wir sie denn finden. Zum Glück wissen Shin, Win und Shouk genau, wo sich die Vogelspinnen am liebsten verstecken.

Zugegeben, ganz wohl ist mir bei der Sache nicht. Ob denn die drei Frauen keine Angst vor den Tieren haben, möchte ich vorher gern wissen. "Nein, niemals!", erwidert die kleine Shin wie ein mutiger Löwen-Dompteur. "Meine Mutter hat mir schon als Kind gezeigt, wie ich die Spinne zu halten habe, wenn ich die beiden Giftzähne entferne." Ach ja, richtig: Vogelspinnen sehen nicht nur furchteinflößend aus, sondern sind auch noch giftig.

Das Gift der Spinne

Eigentlich sind sie defensiv veranlagte Tiere. Bei Gefahr verkriechen sie sich in selbstgebuddelten Löchern oder versuchen zu fliehen. Werden die Spinnen aber in die Enge getrieben und finden keinen Ausweg, beißen sie schnell zu. "Es schmerzt ungemein und die Wunde schwillt an, aber tödlich ist der Biss nicht", weiß Shin aus eigener Erfahrung und zeigt mir zum Beweis ihre rechte Hand. Vor drei Wochen war sie einen kurzen Moment unaufmerksam gewesen und bekam das sofort zu spüren. "Wenn die zwei spitzen Zähne erst einmal herausgebrochen sind, ist die Spinne ungefährlich und fast handzahm." Ich solle mir also keine Sorgen machen. Und so trotten wir, umgeben von feuchter Morgenluft, durch den Bambuswald.

Mein Blick fällt auf das Equipment der drei Spinnenfängerinnen: ein Eimer, ein dünner Bambusstock und ein angeschliffenes Eisenrohr, das als Schaufel dient. "Frühmorgens sind die Spinnen noch klamm und faul von der nächtlichen Jagd auf Insekten, kleinen Fröschen oder Mäusen", erläutert Shin. "Sie verkriechen sich in ihre Erdhöhlen und sind leicht zu fangen." Plötzlich entdecken die drei ein verdächtiges Loch im Boden. Die Netzfäden lassen auf eine "faule" Spinne darin schließen. Shin schnappt sich das Eisenrohr und beginnt vorsichtig an dem Loch herumzuschaufeln.

Riecht gar nicht schlecht. 15 Minuten kommen die gewürzten Spinnen ins heiße Öl

Riecht gar nicht schlecht. 15 Minuten kommen die gewürzten Spinnen ins heiße Öl

Shins bestes Rezept

Nun ist Vorsicht geboten. Denn Vogelspinnen graben sich oft nicht viel tiefer als 20 Zentimeter in den Erdboden ein. "Wenn wir jetzt nicht aufpassen, flüchtet die Spinne aus ihrer Behausung und verschwindet unter dem dichten Laub." Und während sie so schaufelt, kommen plötzlich zwei schwarze Spinnenbeine zum Vorschein. Sofort schnellt Shin mit einem Bambusstöckchen heran und drückt das Tier damit an den Boden.

Dann umfasst sie die Vogelspinne mit den Fingern und drückt deren Beine gegen den Körper. Noch ist die Gefahr nicht gebannt, denn erst müssen die Giftzähne entfernt werden. Mit zwei geschickten Griffen hat Shin auch das erledigt. Das überrumpelte Tier landet im Plastikeimer und schon geht es weiter zum nächsten Loch. Keine Stunde später zuckt bereits ein Knäul aus 25 handtellergroßen Vogelspinnen in Shins weißem Kunststoffbehälter. Zurück in ihrem Haus macht sich Shin an die Zubereitung. Spätestens ab hier sollten echte Spinnenfreunde diesen Artikel nicht mehr weiter lesen!

Denn nun landen die haarigen Achtbeiner im Kochtopf. Ein kräftiger Druck mit dem Daumen auf den hinteren Teil des Oberkörpers, und schon liegt die Spinne regungslos auf dem Tablett. Jetzt zeigt mir Shin ihr traditionelles Rezept für die Zubereitung der Krabbler. "Nach dem gründlichen Waschen und kurzem Kochen lege ich die Spinnen in Zucker, Salz und einer fertigen Gewürzmischung ein", sagt sie und tut es. "Dann lässt man die Zutaten 30 Minuten einziehen." Anschließend werden die Viecher fünfzehn Minuten in heißem Öl frittiert. Zum Schluss noch mit hauchdünnen Knoblauchscheiben garnieren. Fertig. "So lieben es meine Kunden an der Busstation." Es riecht gar nicht schlecht.

In der Not isst der Kambodschaner Spinnen

Aber woher kommt dieser Heißhunger auf Spinnen hier in Skun? Die Antwort lautet: Not macht erfinderisch. Denn Vogelspinnen waren während des kommunistischen Regimes der Roten Khmer (von 1975 bis 1978) ein unverzichtbarer Bestandteil auf dem Speiseplan der vom Hunger geplagten Bevölkerung. Als die Menschen vor den Schergen des Massenmörders Pol Pots in den dichten Dschungel flüchteten, mussten sie essen, was sie fanden.

Die Vogelspinnen waren Sattmacher und Eiweißlieferanten. Das ist zum Glück lange her, auch der Bürgerkrieg ist seit 15 Jahren vorbei. Aber die Vogelspinnen sind auf der Speisekarte geblieben. Inzwischen spricht man den Tieren sogar heilsame Kräfte zu, ihr Verzehr soll Lungen- und Herzbeschwerden lindern. Seit einigen Jahren avancieren die frittierten Achtbeiner vom Survival-Food sogar zum erlesenen Trend-Snack. Ob in der Hauptstadt Phnom Penh oder an den Stränden in Sihanoukville: überall schätzen die Kambodschaner die ungewöhnlichen Leckerbissen.

Vogelspinne als hippes Trend-Food

In der Hauptstadt haben es Vogelspinnen sogar schon auf die Speisekarten einiger Restaurants geschafft – etwa drei Spinnen serviert mit grünen Tomaten und einem Lemon-Pfeffer-Dip für umgerechnet drei Euro. Doch nur in der Spinnenstadt Skun, eine knappe Autostunde nördlich von Phnom Penh, bekommt man die Krabbeltiere ganz frisch aus dem Wok. Hügelartig stapeln sich die frittierten Spinnenleichen auf den Tabletts der Verkäuferinnen, triefend vor Öl und Bratfett, das gehört hier zum Alltagsbild. Mittlerweile lebt das halbe Dorf von der Zubereitung und dem Verkauf der knusprigen Tiere. Sogar überdimensionale Spinnen-Statuen aus Beton stehen an der Bushaltestelle herum.

Hier steht auch Shin jeden Morgen ab acht Uhr. Denn am Bus-Stopp Rom Duol 88 halten tagtäglich Reisebusse voller Touristen auf dem Weg in die berühmte Tempelstadt Angkor. Eine frittierte Spinne ist für 500 Riel (acht Cent) zu haben, Riesenexemplare können bis zu 1500 Riel einbringen. Einige Verkäuferinnen halten für die Besucher lebende Spinnen bereit, damit sich die Touristen schön gruseln können. Für einen US-Dollar darf fotografiert werden. Wie lange Shin und die anderen Frauen noch mit dem Verkauf der Spinnen ihren Lebensunterhalt bestreiten können, ist derweil ungewiss. Brandrodung und Abholzung bedrohen den Lebensraum der Vogelspinnen in der Umgebung von Skun. Die Spinnenfängerinnen berichten, dass sie in letzter Zeit immer weniger Tiere fangen.

Et voilà: fertige Vogelspinnen an Salat

Et voilà: fertige Vogelspinnen an Salat

Und nun der Selbstversuch

In der Nachbarprovinz Kampong Thom haben einige geschäftstüchtige Kambodschaner schon reagiert und eine Vogelspinnen-Zucht eingerichtet. Aber das wollen die drei Spinnenfängerinnen nicht: "Die Tiere sind im Einkauf zu teuer und schmecken nicht so lecker wie unser Wildfang", meint Shin. An den Zuchttieren sei kaum etwas dran, schiebt sie misstrauisch hinterher. Ich beschließe, nicht mehr auf dem unbequemen Thema herumzureiten, sondern eine echte freilaufende Vogelspinne von Shin zu probieren. Jetzt wird es ernst: Wie schmecken die Dinger nun?

Ich schnappe mir ein frisch zubereitetes Exemplar aus Shins Angebot und entferne erstmal die feinen Haare von den Beinen. Jetzt noch das Öl abtupfen und dann Augen zu - und happs. Shins Blick sagt: Guten Appetit! Während die Zunge über den knusprigen Spinnenkörper gleitet, entfaltet sich ein Geschmack, der irgendwo zwischen Kartoffelchips und Ölsardinen liegt. Die Beine erinnern hingegen an Salzstangen. Im Spinnenkörper wabbelt noch eine gallertartige Masse, angeblich jener Teil, der gegen Lungen- und Herzprobleme hilft. Doch jetzt wird es mir zu viel, ich spucke den Spinnenkörper wieder aus. Zum Glück bin ich gesund! Von den Vogelspinnen auf dem Tablett kann man das leider nicht mehr behaupten, denke ich und empfinde wohl das erste Mal mit einer Spinne Mitleid.

SIEH DIE WELT

Der stern veröffentlicht regelmäßig Reportagen von SIEH DIE WELT - dem digitalen Magazin für globale Momentaufnahmen abseits des täglichen Nachrichtenstroms. Subjektiv. Multimedial in Wort, Bild und Ton. Die Autoren von SIEH DIE WELT sind ausgebildete und erfahrene Journalisten. Die beiden Gründer Markus Huth und Oliver Alegiani haben unter anderem für Spiegel Online und die Financial Times Deutschland gearbeitet.