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Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer: Die Mär vom glücklichen Rind auf der Weide

Die Deutschen lieben ihr Steak. Aber wie gut ist eigentlich unser deutsches Rindfleisch? Caroline Habel, Autorin des Films "Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer", hat erschreckende Antworten.

Tim Mälzer

Tim Mälzer bei seiner Recherche im Schlachthaus - was er erfährt, schockiert ihn

TV-Koch und Gastronom Tim Mälzer ist zu Anfang ziemlich unbefangen an das Thema heran gegangen, als er erfuhr, dass sich der nächste Lebensmittel-Check in der ARD um Rindfleisch drehen sollte. Klar, achtet Mälzer selber darauf, woher sein Fleisch kommt - und dass die Qualität stimmt. Aber selbst er, als Koch und Gastronom, hat nicht gewusst, wie grausam es hinter den Kulissen aussieht. Der stern hat mit Caroline Habel, Autorin des Films "Lebensmittel-Check mit Tim Mälzer", gesprochen. Ihre Erfahrungen schockieren sie und TV-Koch Tim Mälzer bis heute.

Frau Habel, wie gut ist eigentlich unser Rindfleisch?

Bei gut kommt es immer darauf an, ist es frisch, ist es sauber verarbeitet? Ja, das ist es. Deshalb könnte man sagen, dass es gut ist. Wir sind bei der Recherche ziemlich unbefangen an das Thema heran gegangen. Aber im Laufe des Films hat sich unsere Einstellung verändert. Und wir haben auch das Wort "gut" verändert. Denn es geht vor allem darum, wie die Tiere gehalten werden.

Werden Rinder bei uns in Deutschland nicht gut gehalten?

Man denkt immer, und so ging es auch Tim Mälzer, dass der Großteil der Tiere draußen auf der Weide steht. Beziehungsweise, dass sie zumindest teilweise im Grünen stehen und sich bewegen können. Aber die Wahrheit sieht komplett anders aus.

Wie?

Was mich zu Beginn der Recherche irritiert hat, ist, dass man von allen Seiten keine Auskunft bekommt. Das habe ich in dieser Form selten erlebt. Das große Fleischbetriebe nicht unbedingt Informationen herausgeben wollen, dass kann ich sogar noch nachvollziehen. Aber sogar Behörden haben uns die Tür vor der Nase zugeschlagen. Es war unheimlich schwer, an Informationen heranzukommen. Und wenn, dann haben sich diese oft widersprochen. Es war eine Mauer des Schweigens.

Was haben Sie herausgefunden?

Bei Rindfleisch denkt der Verbraucher eigentlich an etwas Positives. Wir haben nicht die Bilder von eingepferchten Hühnern oder Schweinen vor Augen. Diese haben wir zu Genüge gesehen. Aber, wenn wir ganz ehrlich sind: Wer sieht schon häufig Rinder auf der Weide? Keiner denkt da groß darüber nach. Aber rund 98 Prozent des Rindfleischs, das wir kaufen, stammt von Mastbullen. Die noch nie auf der Wiese standen und zusammen mit vielen anderen Tieren in einer Box dahin vegetieren. Dabei werden sie ständig nur gemästet. Für Rinder gibt es keinerlei Regelung, wie viel Platz sie haben dürfen. Sobald sie schlachtreif sind, war es das.

Vor die Kamera kriegt man selten die "bösen" Mäster, deren Tiere mit über 10.000 Artgenossen zusammengepfercht in ihrem eigenen Kot auf Spaltböden stehen und Verletzungen und Entzündungen haben, da dürfen wir natürlich nicht rein.

Aber Sie haben ja einen Bullenmäster gefunden, bei dem Sie drehen konnten.

Ja, aber das war ein sehr netter, der sich gut um seine Rinder kümmert. Damit wir ein gutes Bild einfangen konnten, hat der Bauer ein Kälbchen, das gerade fünf Tage alt war, auf die Wiese gelassen. Das wollte erst nicht aus dem Stall. Und als es dann auf der Wiese stand, sprang es so glücklich über das Grün. Das war das einzige Kälbchen aus diesem Stall, das jemals Wiese sah oder sehen wird. Und da bricht einem das Herz. Denn so sollte es eigentlich sein.

Was hat sich bei Ihnen nach diesem Bild verändert?

Beim Dreh wurden wir alle ganz still. Und klar, nicht jede Rinderzucht kann perfekt sein. Aber das ein Rind wenigstens mal auf der Weide stehen darf, dass sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich persönlich kann kein anderes Fleisch mehr kaufen.

Im Film haben Sie auch erzählt, dass es für den Verbraucher im Supermarkt eigentlich gar keine Möglichkeit gibt, herauszufinden, wie das Tier gehalten wurde.

Ja, das stimmt. Denn wir wissen überhaupt nicht, wie das Tier vorher gelebt hat. Wir bekommen keine Informationen. Auch nicht an der Frischetheke beim Metzger. Auf der Verpackung steht zwar, woher das Tier kommt und wo es geschlachtet wurde, aber nicht, wie es gehalten wurde. Wenn das Fleisch übrigens mit Salz für Buletten oder Hamburger verarbeitet wurde, ist das nicht einmal kennzeichnungspflichtig. Wenn der Verbraucher wirklich darauf achten wollen würde, wie das Tier gehalten wurde, hat er im Supermarkt eigentlich keine Chance frei wählen zu können. Im Gegensatz zum Einkauf von Eiern.

Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten schockiert?

Die Tatsache, dass es immer noch so viel Anbindehaltung gibt. Vor allem in Regionalbetrieben in Süddeutschland. Ein Drittel der Mastställe halten Kühe, die mit Ketten fixiert in Ställen stehen, in denen sie sich nicht rühren können. Ich finde, das gehört verboten. Mir war das vorher nicht klar. Außerdem, dass ein junges Kalb nicht einmal 20 Euro wert ist, weil die Kühe so viel kalben, damit sie immer Milch geben. Die Kälber sind gewissermaßen Wegwerf-Ware. Und, es ist offiziell nicht bestätigt, aber viele Kälber werden einfach entsorgt, da sie nichts wert sind.

Wie stark tragen Supermärkte und Discounter zu solchen Bedingungen bei? In ihrem Film weisen Sie darauf hin, dass mit Marketingtricks das Bild vom "schönen Bauernhof und Kühen auf der Wiese" suggeriert wird.

Im Einzelhandel ist auf Fleischverpackungen immer ein "Gut" oder ein "Hof" abgebildet. Bei Netto ist es das "Gut Ponholz", bei Penny ist es der "Mühlenhof". Der Verbraucher lässt sich von solchen Bildern natürlich beeinflussen und beruhigt beim Kauf sein schlechtes Gewissen. Denn wenn das Fleisch von einem Hof und Gut stammt, dann kann es ja gar nicht so schlecht sein. Das Problem ist nur, keiner dieser Höfe ist wirklich existent.

Grenzt das nicht an Verbrauchertäuschung?

Es ist nicht illegal oder verboten. Aber es ist natürlich eine Art von Täuschung.

Würden Sie sagen, dass unsere Kühe glücklich sind?

Nein. Und das war mir vor der Recherche nicht bewusst. Auch Tim Mälzer nicht, der sich tagtäglich mit Fleischprodukten und deren Herkunft auseinandersetzt. Also, wie soll es dann der Verbraucher wissen?