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Reportage der Woche

"Kitchen Impossible" zum Ausprobieren: Grüner Brei und gelbe Creme: Tim Mälzer stellt mich vor ein kulinarisches Rätsel – kann ich es knacken?

Bei "Kitchen Impossible" geht es darum, die Zutaten genau herauszuschmecken, um die Gerichte originalgetreu nachzukochen. Ist das schwer? Ich habe den Geschmackstest gemacht – Tim Mälzer hat mir verraten, ob ich richtig lag.

Tim Mälzer

Genussredakteurin Denise Wachter mit TV-Koch Tim Mälzer: Wie schwer ist es, Zutaten herauszuschmecken?

stern

Vorsichtig drücke ich die beiden Hebel an einer großen, schwarzen Box auf und öffne den Deckel. Ich bin nervös, jetzt bloß nicht versagen. Im Inneren des dunklen Ungetüms steckt ein kulinarisches Rätsel. Und das will ich auf jeden Fall knacken.

Dabei sitze ich ganz gemütlich in Tim Mälzers Restaurant "Bullerei" am Rande des Hamburger Szeneviertels Schanze. Und dennoch fühle ich auf meiner Stirn kalten Schweiß. Ich bin tatsächlich aufgeregt. Denn das, was man sonst vom heimischen Sofa aus im Fernsehen sieht, wird für mich heute ungeschönte Realität. Tim Mälzer hat mich zur großen Verkostung eingeladen.

Die kulinarische Kult-Show "Kitchen Impossible" geht in die vierte Runde. Mittelpunkt der Sendung ist neben Tim Mälzer die große, schwarze Box, in der Leckerbissen aus den hintersten Ecken der Welt versteckt sind. Die Aufgabe: Herausschmecken, welche Zutaten, welche Zubereitung für die Gerichte gewählt wurden. Und genau das werde ich heute auch machen. 

Test: Würden Sie diese Zutaten herausschmecken?
Kitchen Impossible zum Ausprobieren: Auf dieser Karte notiere ich die Zutaten, die ich herausschmecke

Kitchen Impossible zum Ausprobieren: Auf dieser Karte notiere ich die Zutaten, die ich herausschmecke

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Wie gut kann ich schmecken? 

In meiner Box entdecke ich drei Teller, die hübsch angerichtet sind und in klassischer Speisenfolge serviert werden: Vorspeise, Hauptspeise, Dessert. Aber wie soll ich jede einzelne Komponente, jedes duftende Gewürz, jedes Krümelchen Kräuter identifizieren?

Ich beginne mit dem ersten Teller. Statt direkt loszufuttern, sehe ich erst einmal genau hin. Grünkohl, Rüben und eine gelbe Creme. Dann probiere ich: die Grünkohlchips sind gesalzen und schmecken nach Olivenöl. Bei den Möhren handelt es sich um alte Sorten, die es mittlerweile auch im Supermarkt in allen Farben gibt. Auf meinem Teller sind gelbe, orange und lila Möhren. Die Schale ist noch dran, das sieht man zwar nicht, aber man spürt den festen Mantel der Karotten im Mund.

Dann kommt die Creme, die ist etwas knifflig. Sie ist leicht säuerlich und cremig, ich tippe daher auf Joghurt, die Säure könnte mit etwas Orangenabrieb, also die Schale einer Orange, herausgekitzelt worden sein und bei der gelben Farbe vermute ich ein Gewürz, das gerade en vogue ist: Kurkuma.

Auch die Hauptspeise ist in ihren Zutaten ähnlich unkomplex: grüner Stampf, eine Scheibe Fleisch, Rote Beete und eine braune Sauce. Der grünliche Stampf entpuppt sich schnell als Kartoffelpüree mit jeder Menge Petersilie, die den sonst so fad-gelben Brei in leuchtendes Grün verwandelt. Ein paar unzerkleinerte Blätter finden sich sogar noch darin. Beim Fleisch tippe ich auf Roastbeef, die Sauce schmeckt klassisch: ganz leicht nach Röstgemüse und Tomatenmark; der Fleischsatz müsste mit Wein oder Brühe abgelöscht worden sein. Das war gar nicht so schwer.

Meine Aufregung legt sich. Ich sehe genau hin, was ich mir auf die Gabel pieke, ich schmecke den warmen Brei, das zarte auf den Punkt gebratene Fleisch, während in meinen Hinterkopf eine Datenbank aus Geschmäckern rattert. An was erinnert mich der Geschmack? Hatte ich das nicht neulich in der Kantine? Oder im letzten Rom-Urlaub? Statt die Sinfonie aus einzelnen Geschmackskomponenten auf mich wirken zu lassen, trenne ich sie auf. Aber bringt das den gewünschten Erfolg?

Selbstbewusst wage ich mich ans Dessert. Das besteht aus fünf Komponenten: Kakao-Cracker als Deko, eine Eiweißhaube, die geflämmt wurde, ein Blutorangensorbet, darunter filetierte Blutorangen und ganz unten schmecke ich Haselnuss-Crumble. Geschafft!

"Kitchen Impossible": Tim Mälzers größtes Glück

Für Tim Mälzer war das Format "Kitchen Impossible" das größte Glück. Böse Zungen hatten vor der Ausstrahlung der ersten Sendung den Norddeutschen noch als "talentlosen Frittenkoch" abgetan - ein großer Irrtum, wie sich zeigte. Sie haben Mälzer schlichtweg unterschätzt. Inzwischen geht das Format in die vierte Staffel, Mälzer hat hinter dem Herd und vor der Kamera bewiesen, dass er kochen kann und ein Gespür für gutes Essen hat.

Ob ich das auch habe? Wie ein Schulkind lese ich Tim Mälzer meine Notizen vor. Vorspeise? "Sehr gut, das war top, alles richtig", sagt der TV-Koch. Puh! Wie sieht es mit der Hauptspeise aus? "Auch sehr gut, bis aufs Roastbeef", sagt Mälzer. Oh nein! Was könnte es gewesen sein? "Es war Tafelspitz. Vom Kalb", sagt Mälzer. "Aber Fleisch herauszuschmecken, ist für uns eines der größten Rätsel". Auch beim Dessert liege ich richtig.

Mälzer fragt mich, ob ich die Zutaten geschmeckt oder im Kopf analysiert habe. Und genau hier kommt der Knackpunkt. Ich würde sagen, dass ich die Zutaten klar herausgeschmeckt habe. Mälzer hingegen erschmeckt viele Zutaten nicht, gibt er zu. "Ich kann kein Liebstöckel schmecken und auch nicht Ingwer, in der verarbeiteten Form."  Umso erstaunlicher, wie gut er doch in der Analyse von Gerichten ist. Wie geht der TV-Koch also vor, wenn die Box vor ihm steht?  

"Es gibt bei mir den hochprofessionellen Moment, an dem ich mich nicht ablenken lasse", erklärt Mälzer. "Als erstes mache ich eine Geruchsprobe, die nehme ich sehr ernst. Dann geht es mir um die sichtbaren Bestandteile, die ich visuell erkennen kann. Schließlich überlege ich aufgrund der Atmosphäre des Tellers, was es sein könnte. Weil - wie gesagt - das Herausschmecken ist nicht meine größte Stärke. Ich mache Assoziationsketten auf."

Denn mit dem Herausschmecken von Zutaten ist es bei "Kitchen Impossible" nicht getan. Im nächsten Schritt muss der Fernsehkoch das Gericht nachkochen - ohne die genaue Zutatenliste, ohne Mengenangaben. Da klingt Assoziation ganz gut. Ist Tim Mälzer für die Dreharbeiten beispielsweise in Peru und kriegt einen sauer marinierten Fisch serviert, weiß er, dass es sich um Ceviche, das Nationalgericht Perus, handelt. Er macht sich darüber Gedanken, welche Geschichte das Gericht ihm erzählen will, und schließt im Umkehrschluss so auf Zutaten und Zubereitung.

Mälzer fokussiert sich auf den Gesamteindruck. Kennt er die eine Zutat partout nicht, versucht er den Geschmack des Originalgerichts so gut wie möglich zu treffen. Das gelingt ihm über seine kulinarischen Erinnerungen und Erfahrungen, die er als Koch über Jahre gesammelt hat. "Am Ende geht es mir ums Gefühl. Dass die Jury das Gefühl hat, es ist wie das Original", sagt Mälzer.  

Zum Duell um die Küchen-Krone gehören immer zwei. Neben Mälzer kommen dort auch bekannte Köche, die man aus dem Fernsehen oder dem Michelin-Führer kennt, ins Straucheln. Zwiebeln schneiden? Juan Amador, Drei-Sterne-Koch, hat das zuletzt vor Jahrzehnten gemacht. Selber Feuer machen? Das Berliner Stadtkind Tim Raue hat sich zwar zwei Sterne erkocht, aber rudimentäre Dinge wie ein Feuer zu entfachen, sind ihm fremd. Tim Mälzer kann gar nicht kochen? Von wegen. "Kitchen Impossible" offenbart den Köchen ihre Fähigkeiten - und zwar ihre Stärken, als auch Schwächen. 

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