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Erdogan-Kritiker Türkeikritischer Journalist in Hessen bespitzelt – er verdächtigt den türkischen Geheimdienst

Ein Tweet zeigt den Zeitungsbericht über den in Hessen lebenden Journalisten Cevheri Güven
Ein Zeitungsbericht veröffentlichte private Informationen über den in Hessen lebenden Journalisten Cevheri Güven
© Screenshot Twitter/Cevheri Güven
Präsident Erdogan kontrolliert weitestgehend die Medien in der Türkei – und versucht es offenbar auch darüber hinaus. Ein türkischer Journalist, der in Hessen im Exil lebt, wurde wohl bespitzelt. Ihm und weiteren, betroffenen Türkeikritikern im Ausland zufolge soll dahinter der türkische Geheimdienst stecken.

Das Titelbild der türkischen Boulevardzeitung "Sabah" zeigte am 22. September 2022 einen Mann mit einer Einkaufstüte in der Hand. Es handelt sich um den Journalisten Cevheri Güven. "Propaganda-Imam dreht weiter Lügen- und Hetzvideos in Deutschland, wohin er geflohen ist", hieß es dazu in der Bildbeschreibung. Und: Die Zeitung habe Güven "in seiner Höhle in Babenhausen fotografiert". Dies sei nach mehrmonatiger Suche an seinem neuen Wohnort in Hessen gelungen. "Sabah" veröffentlichte in seinem Bericht schließlich die Wohnadresse des Investigativ-Journalisten, der vor dem Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 Zuflucht in Deutschland gefunden hatte.

Güven, der inzwischen mit seiner Familie im Exil unter Polizeischutz lebt, veröffentlichte mehrere Artikel zu den Bespitzelungen auf Twitter. In einem Tweet vom 24. September schrieb er: "Meine Telefone hören nicht auf zu klingeln, Unterstützung von Kollegen, Berufsverbänden und Angehörigen, Interviewanfragen, Gespräche darüber, was man tun kann... Herzlichen Dank an alle."

Güven berichtet über türkische Mafiagruppen und Verbindungen zur Erdogan-Regierung

Der Journalist betreibt einen Youtube-Kanal mit gut 550.000 Abonnenten, auf dem er Videos unter anderem über mutmaßliche Korruption im Umfeld des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan veröffentlicht. Nach eigenen Angaben berichtet Güven regelmäßig über türkische Mafiagruppen und ihre Verbindungen zur Regierung in Ankara. Er hatte außerdem Verbindungen des türkischen Geheimdienstes zu den Putschisten im Jahr 2016 enthüllt.

Gegenüber dem "Deutsch-Türkischen Journal" (DTJ) sagte Güven, er werte die Veröffentlichung des "Sabah" als Zeichen, dass er mit seinem Video vom 4. September endgültig zum offenen Ziel der türkischen Regierung geworden sei. "In dem Video habe ich erstmals eine eindeutige Verbindung zwischen dem türkischen Geheimdienst MIT und den Ereignissen in der Putschnacht vom 15. Juni 2016 aufgedeckt und belegt." Das Video zeigt demnach, wie Erdogan in jener Nacht mit der Moderatorin Hande Fırat via Facetime telefoniert, um die Einwohner aufzurufen, auf die Straßen zu gehen. Währenddessen erhält die Moderatorin jedoch einen Anruf von Nuh Yılmaz, Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT.

"In meinem Video habe ich offengelegt, dass Fırat und Yılmaz genau einen Tag vor dem Putschversuch auch schon in Kontakt standen. Mein Video hat die türkische Öffentlichkeit in Aufruhr gebracht. Diese Veröffentlichung in der 'Sabah' soll mich eindeutig abschrecken", ist sich Güven sicher. "Meine Adresse zu veröffentlichen, bedeutet, mich den Fanatikern auszuliefern."

Güven glaubt, dass der türkische Geheimdienst seine Wohnadresse an die Journalisten weitergegeben habe. "Ich glaube sogar, dass der türkische Geheimdienst die Fotos von mir gemacht hat", sagte er der "Welt". Bereits im vergangenen Jahr habe er Hinweise erhalten, dass das türkische Innenministerium versuche, seine Adresse zu ermitteln. Laut dem "DTJ" habe der Journalist bereits mehrfach auf sogenannten Todeslisten des türkischen Staates gestanden. Die türkische Polizei hatte ihn wegen seiner regierungskritischen Berichterstattung auch schon mal in Gewahrsam genommen.

Daten weiterer Türkeikritiker im Exil veröffentlicht

Und die veröffentlichten Daten über Güven sind längst kein Einzelfall. Mehrere in Schweden im Exil lebende Türken waren ebenfalls schon auf den Titelseiten der Zeitung; ihre Wohnadressen wurden veröffentlicht. Murat Cetiner, ein ehemaliger Polizeifunktionär und heutiger Menschenrechtsaktivist, war nicht nur in Stockholm entdeckt und fotografiert worden, sondern auch sein Haus nahe der schwedischen Hauptstadt sowie sein Auto. Hier lautete der Zeitungstitel: "Mastermind der Verschwörung ist in Schweden". Wenige Wochen später veröffentlichte Cetiner ein Foto bei Twitter, das die eingeschlagene Seitenscheibe seines Autos zeigte.

Eines der weiteren Opfer von "Sabah" war der Journalist Levent Kenez, der seit ein paar Jahren in Stockholm Zuflucht gefunden hat. Die Zeitung veröffentlichte seine Wohnadresse und warf ihm vor, für das tödliche Attentat auf den russischen Botschafter Andrei Gennadjewitsch Karlow in Ankara im Dezember 2016 mitverantwortlich zu sein.

Der ebenso betroffene Journalist Abdulllah Bozkurt äußerte im Oktober ähnliche Sorge wie Güven. "Der Geheimdienst hat heute Überwachungsfotos von mir und meinem Haus in Schweden an das Sprachrohr des Regimes, die 'Sabah Daily', weitergegeben. Ich werde mich nicht zum Schweigen bringen lassen", schrieb er bei Twitter.

Die türkische Regierung behauptet, dass die Betroffenen allesamt zu den Drahtziehern des Putschversuchs in der Türkei 2016 gehörten. Indes sehen Kritiker in Berichten wie denen von "Sabah" einen Teil einer Kampagne, mit der die regierungsnahen Medien in der Türkei kritischen Stimmen im Ausland nachgehen.

Bundesinnenministerium bestätigt Fall "Güven" aus Hessen

Tatsächlich ist der deutsche Fall "Güven" dem Bundesinnenministerium bekannt, wie Sprecher Sascha Lawrenz auf Anfrage des stern bestätigte. Er sagte: "Bedrohungen und Ausforschungen Oppositioneller oder regimekritischer Journalistinnen und Journalisten nehmen wir in Deutschland nicht hin." Die Sicherheit von in Deutschland lebenden Oppositionellen habe einen besonderen Stellenwert. "Sofern Erkenntnisse zu möglichen Gefährdungssachverhalten bekannt werden, gehen die Bundesicherheitsbehörden jedem Hinweis im Rahmen ihrer gesetzlichen Zuständigkeiten mit Nachdruck nach", versicherte Lawrenz. Die Frage, ob es Anhaltspunkte dafür gibt, dass der türkische Geheimdienst die Bespitzelungen möglicherweise durchgeführt hat oder zumindest dafür verantwortlich ist, ließ der Sprecher unbeantwortet.

Güven bestätigte gegenüber der "Welt", dass es breit angelegte Ermittlungen wegen der Ausspähung seiner Wohnadresse gebe. Über den Polizeischutz sagte er: "Sie beschützen mich, so gut sie können." Und er werde seine Arbeit fortsetzen. Denn die türkische Regierung habe die unabhängige Presse im Land bereits zerstört. Nun gehe es Erdogan darum, Journalisten im Ausland zum Schweigen zu bringen – vor allem, weil im kommenden Jahr Wahlen in der Türkei anstehen.

Quellen: WeltDJVDTJ, Tweet Abdullah Bozkurt

nk

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