Im Rausch der Farben
Ein Leben, das leuchtet

Elvis trifft Expressionismus: Pop-Ikonen und eigene Arbeiten teilen sich bei Willi Streily die Wände. Foto: Uwe Anspach/dpa
Elvis trifft Expressionismus: Pop-Ikonen und eigene Arbeiten teilen sich bei Willi Streily die Wände. Foto
© Uwe Anspach/dpa
Aus jeder Ecke blinkt und glitzert es: Die Wohnung eines 84-Jährigen in Ludwigshafen wird zur Kampfansage an das Grau der Welt. Es ist eine Art Überlebensstrategie für den Mittachtziger.

Deutschlands womöglich bunteste Wohnung ist ein Frontalangriff auf alle Sinne. Aus jeder Ecke glitzert, blinkt, flimmert es. Wirklich: aus jeder. Oder ist der Superlativ übertrieben? Willi Streily wiegt den Kopf. "Na ja... Ich glaube nicht, dass es eine buntere Wohnung gibt." Die Decke schillert, die Wände leuchten, sogar der Sicherungskasten ist Teil der Choreographie aus Farben. "Manche sagen, das ist zu viel", meint Streily. "Für mich ist es normal."

Seit mehr als 80 Jahren lebt Streily im Ludwigshafener Stadtteil Hemshof. Wer seine Tür öffnet, betritt keine normale Wohnung. Er reist in ein Universum aus Lampen, Spiegeln, Bildern. "Hier hat schon meine Großmutter gewohnt", sagt er. "Im Krieg waren wir viele. Ausgebombte Verwandte. Mein Onkel im Nebenzimmer. Das vergisst man nie." Vielleicht ist diese Wohnung auch deshalb so bunt, weil das Leben es nicht immer war.

Zwischen Blaumann und Bühnenlicht

Streily war Arbeiter, "drei Jahre Lehre, dann geschafft". Eigentlich wollte er Sänger werden, Schauspieler. Stattdessen Blaumann und Schicht, aber auch Pfalzmeisterschaft im Langstreckenlauf. Die Pokale stehen noch da, wie Trophäen eines zweiten Lebens.

Die Sehnsucht nach der Bühne, sie hängt an den Wänden: Elvis Presley in einer eigenen Ecke, "großartiger Musiker", sagt Streily, "war als Soldat in Hessen". Daneben Peter Kraus, Rex Gildo, Caterina Valente. Filmhelden wie James Dean und John Wayne blicken aus gerahmter Ewigkeit. "Nur drei Filme", sagt er über Dean. "Aber was für welche." Streily, so scheint es, sammelt keine Stars. Er sammelt Momente.

"Ich hab immer irgendwo was rumgebastelt", erzählt der 84-Jährige. Mit 20 fing es an. Poster, Ornamente, erste Bilder. Später Schweißdraht, Speckstein, Leinwand. "Die Teile schneide ich aus, bemale sie und füge sie zusammen." Seine Hände beschreiben die Bewegung in der Luft. "Man braucht viel Geduld. Basteln ist Kunst."

Der Wunsch: einmal seine Werke im örtlichen Wilhelm-Hack-Museum zeigen zu können. "Aber ich gelte als Hobbykünstler", sagt er, "da bekommt man da keinen Platz." Es klingt nicht bitter. Eher wie eine Feststellung.

Paradiesvogel in "Germany’s Ugliest City"

Nach Ansicht des Ludwigshafener "Kulturaktivisten" Helmut van der Buchholz stehen Kreative wie Streily im krassen Gegensatz zum - falschen - Image der Industriestadt als "Germany's Ugliest City". "Es gab und gibt einige Originale oder auch sogenannte Paradiesvögel in der Stadt, die einfach ihr eigenes Ding machen", meint der Tour-Organisator. Nur würden diese Künstler in der zweitgrößten Stadt in Rheinland-Pfalz viel zu wenig auftauchen.

"Dass der neue Oberbürgermeister das Kulturdezernat übernommen hat, bietet die Chance, sich auf eigene kreative Köpfe zu besinnen und sie entsprechend zu würdigen", betont er. Die NDR-Satiresendung "Extra 3" hatte Ludwigshafen 2018 zur "hässlichsten Stadt Deutschlands" gekürt. Seitdem veranstaltet van der Buchholz augenzwinkernde Touren zu hässlichen Ecken der Kommune.

Basteln als Überlebenskunst

Dass Menschen ihre Wohnung ungewöhnlich schmücken, kommt immer wieder vor. Überregional bekannt ist etwa Frank Zeidler aus Nienburg/Weser, der sein Zuhause mit rund 130.000 Kronkorken in ein bunt glitzerndes Reich aus Flaschenverschlüssen verwandelt hat. Sein Sammelprojekt begann 2010, als der Frührentner seine demenzkranke Mutter pflegte. Um Ausgleich und Ruhe zu finden, griff er zum Kleber und brachte die ersten 2.000 Korken an die Wand.

In Ludwigshafen ist Streilys Balkon heute ein Wintergarten, verkleidet mit Plexiglas. "Sonst regnet's ja rein." Er lacht. Auch hier glänzt und schimmert es. Hat er künstlerische Vorbilder? "Eigentlich nicht", sagt Streily. "Kein van Gogh oder so. Mein Bruder konnte gut malen." Später - eine Parallele zu "Kronkorken Frank" - pflegte Streily die Mutter. "Da war ich nachts viel wach." Basteln sei wie ein Ventil gewesen. "Sonst wär ich kaputtgegangen."

Sein Viertel verändere sich. "Früher hat man gegrüßt", sagt Streily. "Wenn die alten Hemshofer weg sind, ist was verloren." Er selbst bleibt. Urlaub macht er keinen. "Ich freue mich, dass ich hier bin." An der Decke kleben Sterne aus Moosgummi, die Küchenschränke sind bunt, hier und da stehen Figuren, überall hängen Gemälde. Wie viele es sind, weiß er nicht. Hunderte, vielleicht mehr.

"Meine Wohnung ist mein Atelier", sagt er. "Alle meine Kunstwerke der letzten 20 Jahre finden hier Platz. Manchmal wundere ich mich selbst. Ohne Eingabe von oben geht das wohl gar nicht." Und was wird einmal aus der Wohnung? "Es ist mein Lebenswerk", sagt Streily. "Es wäre schade, wenn es verschwindet."

Draußen wird es dunkel. Drinnen dreht sich das Universum aus Draht, Farbe, Licht weiter. Zuletzt hat Willi Streily einen Holztisch gebaut. Natürlich in bunt.

dpa