Zwischen Tradition und Krise
Führen in schwierigen Zeiten

Generalleutnant Freuding (r) sieht "individuelle Verfehlungen, die individuell auch geahndet werden". (Archivbild) Foto: Karl-Jo
Generalleutnant Freuding (r) sieht "individuelle Verfehlungen, die individuell auch geahndet werden". (Archivbild) Foto
© Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Nach kriminellen Vorfällen bei der Luftlandetruppe in Zweibrücken hat der Heeresinspekteur ein Maßnahmenpaket in Kraft gesetzt. Die Aufarbeitung des Skandals geht derweil voran.

Eine glaubwürdige Aufarbeitung soll es sein - und es ist wohl auch eine Art Neubeginn. Nach dem Skandal um sexualisiertes Fehlverhalten, Drogen und Extremismus im Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken gilt seit kurzem ein neuer Aktionsplan für die Stärkung von Führungskultur und Dienstaufsicht.

Das Maßnahmenpaket umfasst vier Handlungsfelder, darunter Beobachtungsbesuche, strukturelle Maßnahmen, verstärkte Prävention und eine Stärkung der Resilienz sowie Änderungen bei den militärischen Werdegängen.

Kulturwandel auf dem Kasernenhof

"Bei der Resilienz ist im Kern vorgesehen, dass wir unser Personal weiterbilden", betont Oberst Martin Holle, seit Herbst der neue Kommandeur in der Pfalz. Problemfelder seien etwa Rechtsextremismus, Betäubungsmittel oder Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

Ein erstes Training dazu beim Zentrum Innere Führung in Koblenz habe sein Regiment unabhängig vom Aktionsplan schon vor Weihnachten angefordert. Es soll nächste Woche mit etwa zwei Dutzend Soldaten stattfinden. "Übers Jahr", sagt Holle, "wird das weitergeführt."

Holle, verheiratet, zwei Kinder, ist ein erfahrener Mann. Der 45-Jährige ist seit rund 25 Jahren bei der Bundeswehr und war unter anderem auch in Afghanistan mehrere Monate im Einsatz. Weitere Stationen waren USA, Brüssel, Berlin und Lebach. Von seinem Arbeitszimmer aus, in dem die Porträts von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hängen, leitet er nun die Geschicke des Regiments.

Sein Vorgänger Oliver Henkel, der im Herbst - einige sagen: überstürzt - den Standort verließ, galt als beliebt. "Unter Oberst Henkel ist aus dem Nebeneinander von Stadt und Bundeswehr wieder ein echtes Miteinander geworden – getragen von Vertrauen, Offenheit und gegenseitigem Respekt", sagte etwa Zweibrückens Oberbürgermeister Marold Wosnitza (SPD) beim Abschied. Henkel war drei Jahre im Amt.

Wenn der Weihnachtsmarkt zur Schlagzeile wird

"Mein Eindruck war: Henkel hatte einen sehr guten Draht zu seinen Soldaten. Er wurde akzeptiert", schrieb auch etwa der Zweibrücker Landtagsabgeordnete und Ratsfraktionsvorsitzende Christoph Gensch (CDU) zum Abschied bei Facebook. Mit Henkel verliere der Standort "einen Kommandeur, der wie geschaffen war für diese hochspezialisierte Truppe".

Auch heute, vier Monate nach dem Abschied, hört man in Zweibrücken auf der Straße viel Lob für den Offizier - aber auch für das Regiment insgesamt. Man sei stolz auf die lange Tradition als Garnisonsstadt. Zweibrücken verzeichnet eine fast 500-jährige Militärgeschichte. Der Skandal sei schlimm, betreffe aber nur einen Teil der Truppe. Die meisten Soldatinnen und Soldaten seien anständig, viele seien persönlich bekannt. Oberst Holle wirke professionell, man wünsche ihm eine glückliche Hand bei der Führung.

Im Dezember sorgte Zweibrücken doch noch einmal für Schlagzeilen. Auf dem Weihnachtsmarkt fielen zwei weihnachtlich verkleidete Soldaten auf, weil sie Waffen trugen. Eine Polizeistreife stellte die Männer an einem Stand der Bundeswehr fest, nach einem Gespräch mit dem Vorgesetzten wurden drei Waffen, eine davon geladen, zurück zur Kaserne transportiert. Die geladene sogenannte Sicherungswaffe ist der Bundeswehr zufolge Vorschrift.

Doch der Blick geht nach vorn. Bis Anfang April soll der Skandal weitgehend aufgearbeitet sein. Internes Ziel sei dafür in etwa Ostern mit dem Beginn des zweiten Quartals, hatte der Inspekteur des Heeres, Christian Freuding, gesagt. Da noch Mobiltelefone und andere mobile Endgeräte forensisch untersucht würden, könne er schwer abschätzen, wie lange der endgültige Abschluss dauern werde und ob es noch weitere Konsequenzen geben werde.

Die lange Tradition – und der tiefe Einschnitt

Im Zuge der Aufarbeitung seien inzwischen zehn Entlassungen umgesetzt worden, betonte Freuding. Bei 19 Soldaten habe es schon relativ zu Beginn der Ermittlungen ein so klares Bild gegeben, dass man die Entlassung beantragt habe. Systemische Ursachen sehe er nicht. Ende des Jahres soll es eine umfassende Überprüfung der Maßnahmen geben. Bis dahin soll es mindestens quartalsweise ein "Jour Fixe Luftlandetruppe" der militärischen Führung geben.

Die Vorfälle bei den Fallschirmjägern waren durch Eingaben bei der damaligen Wehrbeauftragten Eva Högl (SPD) bekanntgeworden. Nach dem Stand der Untersuchung wird von 55 Beschuldigten im Fallschirmjägerregiment 26 ausgegangen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 19 Soldaten.

Bereits Ende vergangenen Jahres hatte Oberst Holle eigene Handlungslinien vorgegeben. Dazu gehört eine anonyme, freiwillige Befragung der Soldaten. 560 von ihnen haben bereits teilgenommen – fast ein Drittel des Regiments. "Damit bekommen wir einen Einblick, wie groß das Problemfeld ist", hatte Holle gesagt. Auch die Dichte an Dienstaufsichtsbesuchen werde umgesetzt, um im Gespräch zu bleiben und zu sehen, wie sich das Regiment entwickelt. Der nächste Besuch in der Niederauerbach-Kaserne soll im März stattfinden.

dpa