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Kampagne gegen Ebola-Stigma: "Ich bin Liberianerin - kein Virus"

In den USA grasiert die Angst vor einer Ebola-Ausbreitung. Bürger mit westafrikanischen Wurzeln werden deswegen diskriminiert. Eine Liberianerin hat der Stigmatisierung nun den Kampf angesagt.

Die Liberianerin Shoana Solomon hat aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung erlebt. Mit einer Social-Media-Kampagne will sie gegen die Stigmatisierung angehen.

Die Liberianerin Shoana Solomon hat aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierung erlebt. Mit einer Social-Media-Kampagne will sie gegen die Stigmatisierung angehen.

Sie sagten: "Du kommst aus Liberia, also bist du krank." Als Shoana Solomons neunjährige Tochter aus der Schule kam und erzählte, wie ihre Mitschüler sie gehänselt hatten, wusste Solomon, dass noch mehr auf sie und andere Menschen westafrikanischer Abstammung zukommen würde.

Die Fotografin und Fernsehmoderatorin war im September mit ihrer Tochter aus Monrovia in die USA gezogen. Bis zu besagtem Tag seien ihr keinerlei Vorbehalte entgegengebracht worden. Doch mit steigender Panik, dass sich Ebola auch in den Staaten ausbreiten könnte, würden ihre Landsleute und andere Westafrikaner immer häufiger Opfer von Stigmatisierungen.

Solomons Nichte, die ebenfalls in den USA zu Hause ist, erlebte Ähnliches. Als sie in der Schule mehrmals nieste, setzen ihre Lehrer sie von den anderen Kindern weg und maßen ihre Temperatur. Solomons Schwester wurde gebeten, ihre Tochter vorübergehend vom Unterricht fernzuhalten - ein Mädchen, das noch nie in Liberia war und das seit zwei Jahren mit niemandem Kontakt hatte, der von dort gekommen war.

Ich schweige, damit keiner meine Herkunft errät

Laut einer Umfrage von Washington Post und ABC News haben zwei Drittel der US-Bürger Angst vor einer Ausbreitung des Virus in ihrem Land. Als Folge davon müssen jene mit westafrikanischen Wurzeln nun auf schmerzhafte Weise erfahren, was es bedeutet, aus einem Land zu stammen, das derzeit nur noch in einem Atemzug mit Ebola, Seuche und Tod genannt wird.

"Wenn du gefragt wirst, wo du herkommst und du Liberia sagst, wenden sie sich von dir ab", sagte Charles Roberts, ein Mann liberianisch-amerikanischer Abstammung den ABC News. In Washington sei Westafrikanern nahegelegt worden, vorübergehend nicht zur Arbeit zu kommen. "Wenn ich in der Metro bin, spreche ich nicht", erzählt der Autor Alphonso Toweh der Washington Post. "Wenn Menschen deinen Akzent hören, wissen sie, dass du Liberianer bist - und dann hast du Ebola".

Der Tod des liberianischstämmigen Thomas Edward Duncan, der einzige Mensch, der bislang auf US-amerikanischem Boden an Ebola gestorben ist, habe den Generalverdacht gegen Liberianer besonders befeuert. Solomon betont jedoch, dass die soziale Stigmatisierung nicht nur in den USA sondern auch über die Landesgrenzen hinaus existiere. In Liberia selbst würden Menschen ebenso diskriminiert, vor allem jene, die genesen seien und nun in die Gemeinden zurückkehren wollten. Dort würden sie oftmals nicht akzeptiert.

"Wir bitten um mehr Sensibilität"

An dem Tag, als ihre Tochter aufgelöst aus der Schule kam, war für Solomon das Fass überglaufen. Mit einer Videobotschaft richtete sie sich an die Öffentlichkeit. Vor der Kamera spricht sie von der Verletzung, die ihre Tochter durch den Vorwurf, ein Krankheitsüberträger zu sein, erlitten habe. "Wir sind Liberianer, Guineer, Nigerianer und Sierra Leoner. Wir leben in einer Region, die von einer tödlichen Krankheit heimgesucht wurde. Aber wir sind nicht alle infiziert", sagt sie. Dann hält sie ein Papier-Schild in die Höhe. Darauf steht: "Ich bin Liberianerin - kein Virus".

Die Resonanz, die sie auf ihre Video bislang erhalten habe, sei überwältigend. Auf Twitter wurde ihre Botschaft unter #IamaLiberianNotaVirus bereits über 72.000 mal geteilt. Liberianer aus der ganzen Welt folgen Solomons Beispiel und twittern Fotos von sich, auf denen sie Schilder mit ebendiesem Slogan halten.

"Verstehen Sie mich nicht falsch", sagt Solomon. "Ich habe Verständnis für die Verunsicherung in der amerikanischen Bevölkerung". Ebola sei eine ernste Sache, die sie nicht kleinreden wolle. Doch sie bittet um einen sensibleren Umgang. "Wir haben in unserem Land so viel durchgemacht: Erst den 14-jährigen Bürgerkrieg und jetzt Ebola". Diese Stigmatisierung sei eine zu viel.

"Mit Angst ist niemandem geholfen"

"Ich will, dass die Menschen kapieren, dass wir mehr sind, als eine Eilmeldung", schrieb die UN-Entwicklungshelferin Aisha Cooper Bruce jüngst in einem Blog der Huffington Post. "Wir sind nicht diese Afrikaner. Wir sind keine mitleidserregenden Bilder, keine Statistiken oder Projektionen. Wir sind Mütter, Väter, Kinder, Schüler, Künstler, Ärzte und Überlebende. Wir sind Menschen".

Sie sei Liberianerin - kein Virus, das wolle Cooper am liebsten jedes Mal schreien, wenn sie Nachrichten sehe, Facebook-Posts lese oder die Reaktionen auf ihre Herkunft erlebe. Sie würde all den Menschen gerne erklären, dass sie in die Staaten kam, um an Kongressen teilzunehmen und nun nicht zurück in ihre Heimat könne, weil alle Flüge gestrichen wurden. Genau wie all die anderen Westafrikaner in den Staaten vermisse sie ihre Familie und müsse in ständiger Sorge um sie leben. Doch niemandem sei geholfen, wenn die Welt nun in kollektive Angst und Ignoranz verfalle.

Mirja Hammer

Wissenscommunity