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Erster Ebola-Toter in den USA: Der unglaubliche Fall des Thomas Eric Duncan

Der Liberianer Thomas Eric Duncan brachte Ebola in die USA. Trotz eindeutiger Symptome nahmen die Behörden seinen Fall lange Zeit nicht ernst. Jetzt starb er. Eine Chronologie des Versagens.

Von Alexandra Kraft, New York

19. September 2014

Thomas Eric Duncan verlässt Monrovia in Richtung USA. Er hatte mit einer an erkrankten Frau Kontakt. Laut seiner Nachbarn in Monrovia fuhr er eine schwangere 19-Jährige in ein Krankenhaus. Das war vier Tage vor seiner Abreise. Sie wurde dort abgewiesen. Weil sie zu schwach war, trug er sie zurück in ihre Wohnung. Wenig später starb sie.

Bei seiner Ausreise lügt er, gibt an, nicht mit an Ebola erkrankten Personen in Kontakt gekommen zu sein.

20. September 2014

landet in Brüssel. Er hat keine Symptome und besteigt den Flieger in Richtung Washington Dulles International Airport. Dort steigt er wieder um, und reist weiter nach Dallas.

Obwohl er aus einer Ebola-Region kommt, wird er bei seiner Einreise nicht weiter befragt.

24. September 2014

Laut Familienangehörigen klagt zum ersten Mal über ein Krankheitsgefühl. Von diesem Tag an ist er, so vermuten die , ansteckend.

Zu diesem Zeitpunkt wohnt er mit Louise Troh, ihrem 13-Jährigen Sohn und zwei Neffen (um die 20 Jahre alt) in einem Vier-Zimmer Appartement in . Der Mann teilt sich das Bett mit Troh.

26. September 2014

Duncan wird in der Notaufnahme des Texas Health Presbyterian Hospital in Dallas behandelt. Er klagt über Fieber, Übelkeit und Schwierigkeiten beim Urinieren. Bei der Voruntersuchung sagt er der Krankenschwester, dass er in einem Ebola-Gebiet war. Sie gibt es in den Computer ein. Seine Begleiterin Troh weist auch noch zwei weitere Male darauf hin. Der Arzt erfährt davon nichts, denn die Angabe ist in einem für ihn nicht zugänglichen Bereich im Computersystem. Das Krankenhaus reagiert nach Bekanntwerden des Ebola-Falls und ändert das Programm entsprechend. Duncan wird wieder nach Hause geschickt. Er soll Antibiotika einnehmen.

28. September 2014

Ein Freund des Mannes ruft die Ambulanz. Als die Sanitäter von der Reise nach erfahren, ziehen sie sich Atemschutzmasken über.

Duncan übergibt sich auf dem Parkplatz der Wohnanlage und wird anschließend in dasselbe Krankhaus eingeliefert, das ihn zwei Tage zuvor nach Hause geschickt hatte. Inzwischen wird er als Ebola-Verdachtsfall behandelt und entsprechend isoliert.

30. September 2014

Das Federal Center for Disease Control and Prevention bestätigt, dass Duncan an Ebola erkrankt ist - der erste positive Test in den USA. Dr. Thomas Frieden, Direktor der CDC, macht den ersten Ebola-Fall in den USA bekannt. Die CDC hatte bis dahin 90 Anrufe aus US-Krankenhäusern über mögliche Fälle erhalten. In zwölf Fällen empfahl die CDC einen Ebola-Test. Duncan war der 13. Test.

Trotz des positiven Tests bleiben die Kontaktpersonen von Duncan im Appartement. Troh berichtet, dass überall schmutzige Handtücher herumliegen. Einige Sachen hat sie auf Anweisung der CDC in Plastiktüten verpackt. Das Bett, in dem der Mann lag, und seine Bettwäsche sind ebenfalls noch in der Wohnung. Eine Desinfektion der Wohnung hat bisher nicht stattgefunden.

Troh berichtet via Telefon auf CNN, dass Duncan heftig geschwitzt und unter starkem Durchfall gelitten habe. Verzweifelt beklagt sie sich über ihre Unterbringung in der verschmutzten Wohnung

1. Oktober 2014

Duncans Zustand wird als kritisch eingestuft. Eine Kontaktperson wird im Krankenhaus beobachtet.

Vertreter der Stadt betreten die Wohnung ohne Schutzkleidung. Die Gesundheitsbehörde von Dallas sagt an diesem Tag, dass vermutlich etwa zwölf bis 18 Personen Kontakt mit Duncan hatten.

2. Oktober 2014

Troh und alle anderen in der Wohnung befindlichen Personen werden per polizeilicher Anweisung unter Quarantäne gestellt. Sie hatten sich zuvor nicht daran gehalten und die Wohnung verlassen. Ein bewaffneter Polizist wird daher vor der Wohnung postiert.

Die Körpertemperatur der Isolierten wird zwei Mal täglich gemessen. Die Wohnung ist noch immer nicht gereinigt. Von offizieller Seite heißt es, es sei bisher nicht möglich gewesen, eine Firma zu finden, die die Reinigung übernimmt. Dr. David Lakey, Gesundheitsbeauftragter von Texas sagt, dass man bei der Suche nach einer geeigneten Firma auf "ein bisschen Zögern" gestoßen sei. Ebenso gelingt es nicht, eine Ersatzunterkunft für die vier Personen zu bekommen. Hotels und andere Unterkünfte lehnen ihre Unterbringung ab. Es werden Bilder von einem Mann öffentlich, der komplett ohne Schutzkleidung den Parkplatz mit einem Dampfstrahler reinigt, auf dem sich Duncan übergeben hatte.

Die Gesundheitsbehörde Dallas geht nun von 80 Personen aus, die direkten Kontakt mit Duncan hatten. Am Abend heißt es in einer Pressekonferenz, dass Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde 100 Personen befragen würden. Dr. Thomas Frieden, Chef des Centers for Disease Control and Prevention sagt, dabei handele es sich nur um die direkten Kontaktpersonen. Deren zwischenzeitliche Kontakte seien noch nicht inbegriffen.

Offensichtlich handelt es sich bei der Unfähigkeit der Behörden hinsichtlich der Entsorgung der verschmutzen Wäsche um ein grundsätzliches Problem. Laut New York Times sind derzeit zwei widersprüchliche Anordnungen von Bundesbehörden zum Umgang mit dem Material in Kraft. Als ein Ergebnis fürchten Krankenhäuser, dass sie den Abfall lagern müssen und nicht entsorgen dürfen.

Alle, die direkten Kontakt zu Duncan hatten, werden zwei Mal pro Tag von Mitarbeitern der Gesundheitsbehörde besucht. Jedes Mal wird die Körpertemperatur gemessen und nach Symptomen gefragt.

US-Präsident Obama telefoniert aus der Air Force One mit dem Bürgermeister von Dallas, Mike Rawlings. Er sagt, dass alle staatlichen Mittel genutzt werden sollen, um die Krankheit an der Ausbreitung zu hindern.

Duncan hatte auch Kontakt zu fünf Kindern. In den Tagen nach Bekanntwerden des positiven Ebola-Tests sinkt die Zahl der am Unterricht teilnehmenden Schüler von sonst durchschnittlich 96 Prozent auf 86. Krankenschwestern und Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde gehen durch die Klassenzimmer und informieren die Kinder und untersuchen sie auf Symptome. Schüler berichten, dass ihre Eltern ihnen gesagt hätten, sie sollten ihre Mitschüler nicht mehr anfassen.

3. Oktober 2014

Eine Spezialfirma reinigt endlich die Wohnung. Fünf Tage nach der Diagnose zieht die Familie aus und wird in einer gated community untergebracht. Ein Freiwilliger hatte die neue Wohnung zur Verfügung gestellt.

Die vier Personen wurden ohne Schutzanzüge in einem Polizeiwagen abtransportiert. Bisher zeigt keiner Symptome. Sie durften nichts aus der Wohnung mitnehmen. Außerdem dürfen sie keine Besucher empfangen. Sie werden von der Stadt mit Nahrungsmitteln versorgt. "Niemand wollte diese Familie", sagt Sana Syed, eine Sprecherin der Stadt Dallas.

Die verschmutzen Sachen wurden in Fässer verpackt und bis zu ihrer endgültigen Entsorgung gelagert. Bis man weiß, wie die Sachen sachgerecht vernichtet werden können, bewachen Polizisten die Container. Federal-Transportation-and-Disease- Control-Verantwortliche erlaubten per Eilanordnung, dass die aus Illinois stammende Firma die Entsorgung übernimmt. Die kümmert sich auch um die Abfälle aus jenem Krankenhaus, in dem Duncan behandelt wird. Laut offizieller Angaben werden die Schutzanzüge der Arbeiter verbrannt.

Die Zahl der Personen, die beobachtet wird, ist auf 50 gesunken. Dazu zählt auch die Tochter von Troh, die nur einen Block entfernt mit ihren vier Kindern lebt. Sie hatte ihre Mutter besucht. Nun stehen alle unter Quarantäne, aber anders als bei ihrer Mutter, stehen keine bewaffneten Polizisten vor der Tür. In einem Interview sagt sie, dass sie ihre Kinder (2, 4, 6 und 11 Jahre alt) nicht mehr in den Arm nimmt oder küsst.

4. Oktober 2014

Inzwischen werden noch 40 Personen von der CDC überwacht. Von ihnen seien zehn Personen extrem gefährdet, an Ebola zu erkranken, so die CDC. Die weiteren 30 sind nicht unter Quarantäne und können sich frei bewegen. Inzwischen messen sie einmal täglich ihre Temperatur selbst und berichten telefonisch an die CDC.

Duncans Zustand verschlechtert sich dramatisch. Er schwebt in Lebensgefahr.

5. Oktober 2014

Ein Obdachloser, mit dem Duncan Kontakt in Dallas hatte, wird nach langer Suche gefunden. Er wird an einem geheimen Ort isoliert und beobachtet.

7. Oktober 2014

Agenten des Heimatschutzes sollen bei in die USA Einreisenden verstärkt auf Symptome einer Ebola-Erkrankung achten. An Reisende werden an Flughäfen ab sofort Informationszettel zu den typischen Krankheitszeichen ausgeteilt.

Präsident Obama hat angekündigt, dass weiterhin an einer möglichen Verschärfung der Kontrollen bei der Einreise gearbeitet wird. Sowohl in den betroffenen Ländern als auch in den USA.

In einem Gespräch mit CNN sagt Duncans Freundin Troh, sie habe seit einigen Tagen keinen Kontakt zu ihm gehabt. Er sei bei den letzten Telefonaten extrem geschwächt gewesen und habe kaum sprechen können.

Duncan wird mit einem experimentellen Medikament behandelt, das eigentlich zur Behandlung von Herpes entwickelt wurde. Von einem weiteren, speziell für Ebola entwickelten Medikament sind alle Rationen aufgebraucht. Es ist ebenfalls noch nicht an Menschen erprobt, die Herstellung wird aber mindestens bis zum Jahresende dauern.

8. Oktober 2014

Thomas Eric Duncan stirbt um 7.51 Uhr. Er ist der erste Ebola-Tote in den USA. Eine Krankhaussprecherin sagt: "Er hat heldenhaft um sein Leben gekämpft."

Keine seiner Kontaktpersonen zeigt bisher Symptome einer Erkrankung.

Trotzdem verschärfen die USA ihre Kontrollen für Reisende aus Westafrika. Die Vorkehrungen betreffen die internationalen Flughäfen von Atlanta, Chicago und Washington sowie die beiden New Yorker Airports JFK und Newark. US-Medien berichteten bereits vorab, dass bei Passagieren unter anderem die Körpertemperatur gemessen werden solle.

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