VG-Wort Pixel

Coronavirus Warum die Inzidenz unwichtiger wird – aber (noch) nicht ganz wegzudenken ist

Inzidenz Corona Deutschland: Passanten in einer Einkaufsstraße
Passanten in einer Einkaufsstraße
© Marcus Brandt / dpa
Lange war die Inzidenz das Maß aller Dinge, wenn es darum ging, das Infektionsgeschehen zu bewerten. Nun rücken auch andere Werte in den Fokus. Ist das das Ende der Inzidenz? Noch ist es dafür zu früh, sagen Experten.

In den vergangenen Monaten war die Inzidenz der wesentliche Gradmesser der Pandemie: Fällt der Wert, sinkt oder steigt er? Sind Lockerungen möglich, darf die Gastronomie öffnen oder drohen weitere Lockdown-Verschärfungen? Die Maßnahmen der im Juni ausgelaufenen Bundesnotbremse waren streng an die Inzidenz geknüpft. Verständlich, dass für viele der tägliche Blick auf die Zahl fast schon so dazugehört wie die Wettervorhersage.

Doch unumstritten war der Wert, der sich aus der Zahl der gemeldeten Neuinfektionen binnen sieben Tagen je 100.000 Einwohner errechnet, nie. Kritiker argumentieren, die Inzidenz hänge von weiteren Faktoren ab, darunter der Zahl der Tests und Ferienzeiten, und unterscheide nicht danach, wo die Infektionen stattfinden. Ein lokaler, in sich geschlossener Ausbruch, etwa in einem Studentenheim, ist leichter einzudämmen als zahlreiche, diffuse Einzelfälle. Beide Szenarien lassen die Inzidenz jedoch gleichermaßen steigen.

Befürworter halten dagegen, dass der Wert ein früher Gradmesser sei, der es erlaube, eine mögliche Überlastung von Kliniken und Intensivstationen vorherzusehen, ehe sie eintreffe. Würde dagegen nur die Auslastung der Intensivstationen betrachtet – wie von einigen Inzidenz-Kritikern gefordert – könnte eine drohende Überlastung unter Umständen nicht rechtzeitig erkannt werden.

Kliniken rücken in den Fokus

Die Debatte um das Für und Wider der Inzidenz ist alt, aber hat mit der steigenden Impfquote in Deutschland erneut Fahrt aufgenommen. Das Robert Koch-Institut (RKI) will fortan neben der Inzidenz nun auch stärker die Belegung der Krankenhäuser berücksichtigen, wenn es darum geht, das Pandemiegeschehen zu bewerten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) unterzeichnete am Montag eine neue Verordnung, die Kliniken dazu verpflichtet, mehr Einzelheiten zu Covid-19-Patienten zu übermitteln – darunter der Impfstatus und das Alter. Auch sollen die Kliniken Daten darüber sammeln, wie viele Patienten mit Covid-19 auf den Normalstationen aufgenommen werden. Bislang war vor allem die Belegung der Intensivbetten im Fokus.

"Mit steigenden Impfquoten entkoppeln sich die Inzidenzen immer weiter von medizinisch relevanten Größen wie Sterblichkeit und Krankenhauseinweisungen", erklärte Christoph Rothe, Leiter des Lehrstuhls für Statistik an der Uni Mannheim, auf Anfrage des "Science Media Center" (SMC). "Dieser Effekt ist gerade in England zu beobachten, wo stark steigende Infektionszahlen aktuell mit einem vergleichsweise niedrigen Anstieg von Krankenhausbelegungen und Sterbefällen einhergehen." Für Deutschland erscheine es deshalb "sinnvoll", künftig detailliertere Daten aus den Krankenhäusern zu berücksichtigen, so Rothe.

Ähnlich äußerte sich auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf Twitter. "Da die gefährdeten Risikogruppen geimpft sind, bedeutet eine hohe Inzidenz nicht automatisch eine ebenso hohe Belastung bei den Intensivbetten", so Spahn. Die Inzidenz verliere zunehmend an Aussagekraft. Mit den Daten aus den Kliniken könne zudem abgeschätzt werden, wie gut die Impfungen wirken. 

Inzidenz bleibt "wichtiger Parameter"

Als einen Kurswechsel oder eine Abkehr von der Sieben-Tage-Inzidenz will die Bundesregierung die Verordnung aber nicht verstanden wissen. Die Inzidenz "ist und bleibt ein wichtiger Parameter", sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums am Montag. Doch warum ist das so?

Auch hier kommt wieder die Impfquote ins Spiel. Zwar gibt es große Fortschritte: 59,5 Prozent der Bevölkerung haben mindestens eine Impfdosis erhalten, 45,3 Prozent haben den vollen Impfschutz. Doch zwischen den einzelnen Altersgruppen gibt es große Unterschiede, wie aus Zahlen des Robert Koch-Instituts hervorgeht.

Während bei den Über-60-Jährigen fast drei von vier Personen vollständig immunisiert sind (73,7 Prozent), sind es in der Altersgruppe U-18 gerade einmal knapp zwei von 100 (1,9 Prozent). Ältere sind damit mehrheitlich gut vor Ansteckungen und schweren Verläufen geschützt, doch das Virus kann sich in jungen Bevölkerungsschichten gut ausbreiten, wie bereits Beobachtungen aus Nachbarländern zeigen.

Aus Sicht des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach bereitet eine völlige Abkehr von der Inzidenz zum jetzigen Zeitpunkt mehrere Probleme, wie er auf Twitter schreibt. Werde nur auf die Zahl der Krankenhauseinweisungen geblickt, drohe eine Durchseuchung der Kinder und eine "Welle" von Long-Covid-Patienten, so Lauterbach.

Für Kinder zwischen 12 und 17 Jahren darf zwar der Impfstoff von Biontech/Pfizer verwendet werden. Seitens der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt es allerdings keine pauschale Empfehlung für diese Altersgruppe, sondern nur für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen. In der Praxis führt das dazu, dass gesunde Kinder kaum gegen das Coronavirus geimpft werden. Grundsätzlich haben sie aber auch ein niedrigeres Risiko für schwere Verläufe. 

Hohe Inzidenzen und Fallzahlen bereiten auch Experten Sorgen, die Mutationen des Virus im Blick haben. Je mehr Fälle und Übertragungen es gibt, desto größer ist demnach die Wahrscheinlichkeit, dass eine bedeutsame Mutation auftritt, die das Virus beispielsweise ansteckender oder unempfindlicher gegenüber Impfstoffen machen könnte, so die Befürchtung.

"Dreiklang" für den Herbst

Noch sind die Inzidenzen niedrig, doch Experten erwarten, dass die Fallzahlen spätestens Richtung Herbst erneut steigen. Christian Karagiannidis, Leiter des ECMO-Zentrums am Klinikum Köln-Mehrheim, plädierte für einen "Dreiklang" als Richtwerte für das Pandemiegeschehen – bestehend aus der Inzidenz, der Intensivbelegung und -neuaufnahmen sowie der Krankenhausneuaufnahmen. Diese drei Faktoren würden dabei helfen, die Situation "präziser einschätzen zu können" und seien "extrem wertvoll" für den Herbst, so Karagiannidis.

Auch Hajo Zeeb, Präventions-Experte am Leibniz-Institut in Bremen, betonte gegenüber dem SMC den Nutzen der Inzidenz, zumindest für die kommenden Monate: "Für den Herbst und Winter wird es aus meiner Sicht weiter sinnvoll sein, eine Infektionsüberwachung anhand von Inzidenzen durchzuführen", so Zeeb. "Danach wird zu prüfen sein, ob darauf verzichtet werden kann."

ikr / mit Informationen der DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker