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Covid-19 Dänemark macht wegen des Coronavirus einen "Lockdown" – und beschließt extreme Maßnahmen





"Ernsthaft? Haben Sie mich gerade angehustet?" "Ja"


Dieses Video aus einem Zug in Australien verbreitet sich gerade in den sozialen Medien. Ein Passagier beschwert sich, dass die Frau hustet, ohne die Hand oder die Armbeuge vor dem Mund zu halten.
In Zeiten des Coronavirus reagiert die Frau äußerst unangemessen:
"Ernsthaft? Haben Sie mich gerade angehustet?" "Ja"


Kurz danach nimmt der Streit an Fahrt auf:
"Ich habe Sie höflich darum gebeten, die Hand vor dem Mund zu halten, wenn Sie husten."
"Ich mache meinen Mund nicht auf, wenn ich huste. Haben Sie nicht zugehört?"
"Sind Sie Arzt?"
"Sind Sie? Sind Sie?"


Der australische Journalist Andy Park hat die Szene gefilmt, die daraufhin im Netz viral geht. Knapp 200.000 Mal wurde das Video seit der Veröffentlichung angeklickt. Während einige Twitter-User finden, dass der Mann – auch in Zeiten des Coronavirus – zu ängstlich reagiert, finden andere, dass die Frau die Schuldige ist.
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Dänemark unternimmt einen drastischen Schritt, um die Ausbreitung des Coronavirus im Land einzudämmen: Schulen und Universitäten werden geschlossen, Beamte nach Hause geschickt. Menschen hamstern und Gesetze werden im Eilverfahren beschlossen.

"Dänemark wird dichtgemacht" – so titelte die dänische Zeitung "Berlingske" auf ihrer ersten Seite. Die dänische Regierung unternehme einen "historischen Schritt", um die Ausbreitung des Coronavirus zu begrenzen. Zentrale Teile der Gesellschaft unseres Nachbarlandes werden heruntergefahren oder ganz geschlossen: Schulen und Universitäten schließen, Tausende Beamte werden nach Hause geschickt. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs an Maßnahmen.

Es war am Mittwochabend um 20.30 Uhr, als Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen vor die Presse trat. Eine ungewöhnliche Zeit für eine Pressekonferenz. Doch der Zeitpunkt war offenbar gut überlegt: Um diese Zeit sind viele Dänen zu Hause, können die Ansprache der Staatsministerin verfolgen, die im Fernsehen übertragen wurde. Und was sie zu sagen hatte, war wichtig für die dänische Bevölkerung. Sehr wichtig.

Dänemarks Gesundheitsminister Magnus Heunicke (l.) und Regierungschefin Mette Frederiksen (r.)
Dänemarks Gesundheitsminister Magnus Heunicke (l.) und Regierungschefin Mette Frederiksen (r.) bei der Pressekonferenz
© Liselotte Sabroe / Ritzau Scanpix / AFP

Zunächst wurde die aktuellste Zahl der Coronavirus-Infizierten gemeldet: 514. Über Nacht ist diese Zahl nochmals gestiegen. 674 Menschen in Dänemark sind positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden, mehr als 1300 sind in Quarantäne, wie der dänische öffentlich-rechtliche Rundfunk "Danmarks Radio" (DR) berichtet. Im Verhältnis zu einer Bevölkerungszahl von rund 5,8 Millionen gesehen ist das eine hohe Zahl.

"Das Coronavirus wird in unserer Gesellschaft gesät"

Nach Angaben des Fernsehsenders TV2 hatte der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza seinen dänischen Kollegen Magnus Heunicke und seine europäischen Kollegen gewarnt. Speranza habe dazu aufgefordert, alles zu tun, was in ihrer Macht stehe, um den Ausbruch des Virus zu verhindern. Italien ist mit am härtesten von der Pandemie betroffen. Auch hier steht das öffentliche Leben weitgehend still.

"Die Zahl (der Infektionen) hat in den letzten Tagen in einer Weise zugenommen, sodass Dänemark nun den Platz als das Land in Europa einnimmt, in dem die Zahl der Infizierten am dramatischsten gestiegen ist", so Heunicke bei der Pressekonferenz mit Frederiksen. "Wir sind am Anfang der Epidemie, das Coronavirus wird in unserer Gesellschaft gesät. Was wir jetzt tun, ist für die Entwicklung in den kommenden Wochen und Monaten von entscheidender Bedeutung", sagte er weiter. "Es sind große Veränderungen, auf die wir schauen, und deshalb fordere ich alle zu Geduld auf", sagte Frederiksen. "Dies kann nur klappen, wenn alle mitmachen. Das Verhalten eines jeden wird absolut entscheidend sein." 

Schulen geschlossen, Beamte nach Hause geschickt

Die Regierung Dänemarks verkündete daher mehrere Maßnahmen und Empfehlungen, die Dänemark nun quasi in einen "Lockdown", also zum Schließen beziehungsweise Dichtmachen, führen. Dies hätte "große Konsequenzen" für alle Dänen, sagte Frederiksen. Dazu gehören:

  • Schüler und Studierende werden nach Hause geschickt. Dies gilt für alle öffentlichen Ausbildungsinstitutionen. Private Schulen und Universitäten werden gebeten, dasselbe zu tun. Die Maßnahme gilt ab Freitag, den 13. März.
  • Schulen und Betreuungsstätten für Kinder sollen vorläufig für zwei Wochen schließen. Dies gilt ab dem 16. März. Kommunen sollen eine Not-Betreuung einrichten.
  • Beamte, die "keine kritischen Funktionen" haben, werden vorläufig für zwei Wochen nach Hause geschickt. Dies gilt ab dem 13. März. Nach Möglichkeit sollen sie von zuhause aus arbeiten. Alle sollen auch weiterbezahlt werden. Zu den Beamten mit "kritischen Funktionen" gehören beispielsweise Personal im Gesundheits- und Pflegesektor, bei der Polizei, Strafverteidigung, Sozialhilfe und bei den Fleischkontrollen.
  • Alle öffentlichen Kultureinrichtungen, Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen, die in geschlossenen Räumen sind, sollen ab dem 13. März geschlossen bleiben – ebenfalls vorläufig für zwei Wochen. Private Einrichtungen, Vereine und Glaubensgemeinschaften werden dazu aufgefordert, sich dieser Maßnahme anzuschließen.
  • Alle privaten Arbeitgeber werden gebeten sicherzustellen, dass möglichst viele Arbeitnehmer von zuhause aus arbeiten können. Es wird dazu aufgefordert, dass physische Sitzungen nur dann abgehalten werden, wenn dies unbedingt notwendig ist.
  • Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel soll begrenzt werden. Bei der Dänischen Staatsbahn DSB wird ein Ticket mit Platzreservierung in vielen Zügen Pflicht.
  • Krankenhäuser und Pflegeheime sollen Besuche strenger regulieren.
  • Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen in geschlossenen Räumen sollen verboten werden. Ein Gesetz soll im Eilverfahren verabschiedet werden, welches Behörden die Befugnis geben soll, Veranstaltungen und Veranstaltungen zu verbieten und private Institutionen, Schulen und Betreuungseinrichtungen zu schließen.
  • Reisehinweise des Außenministeriums wurden verschärft. Dies gilt für Frankreich, die Schweiz, die Türkei, Thailand, Ägypten und Vietnam. Für Deutschland wurde eine Teilreisewarnung ausgesprochen. Dänemark rät von allen nicht notwendigen Reisen nach Bayern und Nordrhein-Westfalen ab.
  • Die Regierung prüft Schritte, die die Einreise nach Dänemark betreffen. Dazu gehören die Möglichkeit der erzwungenen ärztlichen Untersuchung oder Quarantäne bei Ankunft aus Risikogebieten sowie ein Einreiseverbot von Ausländern aus solchen Gebieten. Auch ein Verbot von Landgängen bei Schiffen aus dem Ausland wird erwägt. Die deutsch-dänische Grenze ist nicht geschlossen. Dies teilte die Polizei in Südjütland auf Twitter mit. Die Grenzkontrollen würden wie üblich bis auf Weiteres fortgesetzt.

Neben diesen Maßnahmen und Empfehlungen, die Mittwochabend von Seiten der Regierung vorgestellt wurden, sollen noch einige Gesetze im Eilverfahren verabschiedet werden, die den Behörden und Ämtern weitreichende Ermächtigungen geben sollen, wie die Fernsehsender TV2 und DR berichten. Laut DR hat sich eine Mehrheit für die Gesetze gefunden. Sie sollen zeitlich begrenzt sein und zum 1. März 2021 auslaufen. Die Gesetze sollen noch am Donnerstag final abgesegnet werden. Die meisten davon sollen in das Ressort des Gesundheitsministers Heunicke fallen. Diese sind:

  • Das Ministerium für Gesundheit und ältere Mitbürger soll befugt werden Privateigentum enteignen zu können.
  • Falls erforderlich kann der Gesundheitsminister Regeln setzen, um die Versorgung mit Waren sicherzustellen.
  • Das Gesundheitsministerium soll sämtlichen Besuch in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbieten können.
  • Der Minister soll gemeinsam mit dem Transportminister beschließen können, den Zugang zu Transportmitteln zu verbieten oder diese mit Restriktionen zu belegen.
  • Um die Behandlung von Menschen mit Covid-19 zu gewährleisten, soll der Gesundheitsminister Bestimmungen einführen können, die Patientenrechte wie Untersuchungspflicht, freie Krankenhauswahl und Behandlungsgarantie aussetzen können.
  • Der Gesundheitsminister soll Befugnisse erhalten, öffentliche Einrichtungen oder ganze Gebiete zu schließen beziehungsweise abzuriegeln. Auch Veranstaltungen sollen untersagt werden können.
  • Außerdem soll das Gesundheitsministerium die Befugnis bekommen, Menschen mit einer Infektion oder einem Verdacht auf solche, zu einer medizinischen Behandlung, einer Einlieferung in ein Krankenhaus oder in Quarantäne zu zwingen. Auch eine zwangsweise Impfung bei "bestimmten Risikogruppen" könne mit einem solchen Gesetz beschlossen werden.
  • Um die von der Regierung erlassenen Vorschriften zu gewährleisten, soll die Polizei die Möglichkeit haben, Räumlichkeiten ohne gerichtliche Anordnung betreten zu können. Dies soll auch nur bei einem Verdacht auf eine Corona-Infektion gelten. Dieser Vorschlag sei aber abgelehnt worden, so TV2

Viele Firmen und Einrichtungen hätten den Maßnahmen der Regierung folge geleistet. So habe etwa die größte Kino-Kette Dänemarks beschlossen, bis Ende März keine Filme zu zeigen, berichtet TV2. Laut dem Sender werden auch alle Gottesdienste in Kirchen für die nächsten 14 Tage abgesagt. Drei große Fitnessstudioketten hätten geschlossen, die dänische Fußball-"Superliga" pausiere ebenfalls für zwei Wochen. Arbeitsämter hätten ebenfalls beschlossen, ihre Türen zu schließen, so die Zeitung "B.T.". Soldaten würden nach Hause geschickt, so "Berlingske". Der Leiter der dänischen Gesundheitsbehörde, Søren Brostrøm, bezeichnete am Donnerstagnachmittag in einer Pressekonferenz ganz Dänemark als Risikogebiet.

Auch die dänischen Royals sind betroffen: Prinz Christian, Prinzessin Isabella, Prinz Vincent und Prinzessin Josephine reisen aus der Schweiz zurück, wie das dänische Königshaus mitteilte. Die Kinder waren in dem Alpenland – welches ebenfalls von der Coronavirus-Pandemie betroffen ist – zur Schule gegangen.

Regierungsmaßnahmen sorgen für Hamsterkäufe

Nach der Pressekonferenz mit Mette Frederiksen kam es in Dänemark zu Hamsterkäufen, wie mehrere dänische Medien berichteten. Wie "Berlingske" berichtet, kam es am Mittwochabend zu "panikartigen" Szenen in der Hauptstadt Kopenhagen, wo Kunden sich massenhaft mit Lebensmittel und Toilettenpapier eingedeckt haben. Dabei hatte Frederiksen noch versichert, dass es keine Lebensmittelkrise gebe. Auch Industrieminister Simon Kollerup beschwichtigte: "Die Nachricht aus den Filialen ist völlig klar: Die Filialen sind wie gewohnt geöffnet. Es sind Artikel auf Lager. Und die Lastwagen fahren wie gewöhnlich mit neuen Gütern. Es gibt genug für uns alle", sagte er auf einer Pressekonferenz am Donnerstag, wie die Zeitung "Jyllands-Posten" berichtet.

Leere Regale in einem Supermarkt in Kopenhagen
Leere Regale in einem Supermarkt in Kopenhagen
© Davut Colak/ / Picture Alliance

Auch Lebensmittelminister Mogens Jensen habe dies bestätigt, sagte aber, dass es "Herausforderungen mit dem Hamstern" gebe. Falls es Probleme mit hamsternden Dänen geben sollte, könne es Restriktionen geben, so Jensen weiter. In einer gemeinsamen Presseerklärung mehrerer Supermarktketten hieß es, dass es keinen Grund zum Hamstern gebe. Es sei genug an Lebensmitteln in den Filialen, jeder solle so einkaufen, wie gewohnt, zitiert "Jyllands-Posten" aus der Erklärung.

Doch das scheint offenbar nicht alle zu beruhigen. Die Polizei in Südjütland schrieb auf Twitter: "Am Mittwochabend mussten wir eine Patrouille zu einem Supermarkt im Kreis schicken. Die Kunden weigerten sich, das Geschäft zum Geschäftsschluss zu verlassen, und holten weiterhin Artikel aus den Regalen. Wir müssen dazu auffordern, zur Vernunft zu kommen !!"

Die Maßnahmen treffen die Dänen spürbar. Eine Angestellte in einer IT-Firma erzählt dem stern von den Schritten, die an ihrem Arbeitsplatz unternommen wurden. So sollen sich die Mitarbeiter mit dem Arbeiten von zuhause aus abwechseln. Essenslieferungen von außen würden fürs Erste eingestellt, jeder solle sein eigenes Essen mitbringen. Außerdem solle jeder beim Mittagessen mehr Abstand voneinander halten und den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen generell reduzieren. Zusätzlich würde stärker gereinigt und wer sich krank fühle, solle nicht zur Arbeit kommen. Zu den Maßnahmen der Regierung sagt sie: "Ich finde es in Ordnung, dass die Regierung dies angekündigt hat und ich kann es sehr gut verstehen. Schließlich soll das Gesundheitssystem nicht überlastet werden."

Eine Mitarbeiterin eines Kindergartens sagte dem stern, dass man eine Not-Betreuung für Kinder eingerichtet habe, deren Eltern bei der Polizei oder im Gesundheitswesen arbeiten würden. 

Dänen spüren Regelungen im Alltag - auch Norwegen macht dicht

Eine Krankenschwester in einer Notaufnahme, die nicht namentlich genannt werden möchte, berichtete dem stern, dass man bis jetzt keine großen Auswirkungen durch das Coronavirus gespürt habe. Aber man glaube, dass es mehr werde. Patienten mit Grippesymptomen würden isoliert. Einen Corona-Fall hätte man auf ihrer Station aber noch nicht gehabt.

Eine Krankenschwester in Ausbildung, die ebenfalls anonym bleiben möchte, berichtet, der theoretische Unterricht sei ausgefallen. Aber man solle in Krankenhäusern aushelfen. Sie selbst hält die Maßnahmen der Regierung für richtig: "Es ist natürlich ärgerlich, dass das die Ausbildung betrifft und alles auf Pause setzt. Aber man muss auch darauf achten, dass sich alle von großen Veranstaltungen fernhalten."

Auch darüber hinaus sei der Alltag betroffen. "Viele Orte sind geschlossen, zum Beispiel ist mein Fitnessstudio geschlossen. Alles, was man normalerweise im täglichen Leben und in der Freizeit tut, wird angehalten", so die Krankenschwesterschülerin. Angst infiziert zu werden habe sie nicht wirklich. Sie sei da sehr ruhig.

Inzwischen hat als zweites skandinavisches Land nach Dänemark Norwegen wegen der Corona-Krise seine Bildungseinrichtungen geschlossen. Alle Schulen, Universitäten und Kindergärten im Land blieben ab Donnerstagabend geschlossen, sagte die norwegische Regierungschefin Erna Solberg bei einer Pressekonferenz in Oslo. Auch Kultur- und Sportveranstaltungen würden abgesagt und Sportstätten geschlossen, so der norwegische Sender NRK. Auch das Königspaar soll laut NRK in Quarantäne sein. Bislang gibt es im Land nach Angaben der norwegischen Gesundheitsbehörde mehr als 620 bestätigte Infektionen. Gestorben ist bislang noch niemand in Norwegen an der Covid-19-Erkrankung.

Mit dieser und weiteren Maßnahmen gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 werde zwar der Alltag der Bevölkerung auf den Kopf gestellt, doch seien diese Schritte nötig, um Leben und Gesundheit zu schützen, so Solberg. Die Maßnahmen seien die umfassendsten, die das Land in Friedenszeiten erlebt habe.

Quellen: Regierung Dänemark, Nachrichtenagentur DPA, TV2, DR, NRK, "Berlingske", "B.T.", "Jyllands-Posten", dänisches Königshaus, Außenministerium Dänemark


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