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Ausbreitung von Covid-19 Pandemie oder nicht? Warum das im Kampf gegen Corona eine zweitrangige Frage ist

Coronavirus: Mediziner aus Italien – "Früher oder später werden wir alle dieses Virus haben"
Alessio Ippolito, Zahnmediziner aus Turin, schildert, wie er die Situation im Land in Sachen Coronavirus wahrnimmt:


Unsere Regierung verbreitet die richtigen Informationen, ohne auf der einen Seite Panik zu kreieren oder das Ganze herunterzuspielen


Das Problem ist da. Wir haben einen Virus, den wir nicht kennen. Und wir wissen auch nicht, wie wir ihn konfrontieren können. Es existiert keine Impfung. Ist das Virus besonders gefährlich? Für die meisten Menschen wahrscheinlich nicht.


Meiner Ansicht nach haben viele uns das Virus schon in sich. Einfach deshalb, weil wir es am Anfang mit einer gewöhnlichen Grippe verwechselt haben. Aber das heißt nicht, dass wir das Problem nicht angehen müssen.
  
Ich bin mir sicher, genau wie viele Virologen, dass wir früher oder später alle dieses Virus haben werden. Aber an diesem Punkt werden wir schon über die notwendigen Antikörper verfügen, sodass wir es gut wegstecken werden.


Es macht keinen Sinn, in die Einkaufszentren zu gehen und die Läden zu plündern, die Pasta-Regale. Genau das sollten wir vermeiden. Wenn wir alle auf einem Haufen sind, ist eine Ansteckung naheliegend, fast schon selbstverständlich.


Ich habe die Anzahl meiner Visiten reduziert, ich helfe wirklich nur noch den Notfällen.


Meiner Meinung nach gibt es nicht nur in Italien Krankheitsfälle. Italien hat ein Gesundheitssystem, das allen offensteht. Die Notaufnahmen stehen jedermann offen. Wir müssen alle adäquat behandeln. Sowohl in Sachen Diagnostik als auch in Sachen Therapie. Deshalb ist es einfach, den Virus bei jemandem zu entdecken. In anderen Ländern, auf anderen Kontinenten ist es so: Wer keine Krankenversicherung hat, wer also selbst für seinen Arztbesuch bezahlen muss, lässt sich oft nicht behandeln. Abstriche kosten, Untersuchungen kosten. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass das Virus dort nicht entdeckt wird – auch wenn es da ist.
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Das neuartige Coronavirus breitet sich immer weiter aus. Die WHO hat bereits zur Vorbereitung auf eine "mögliche Pandemie" aufgerufen. Aber was bedeutet das eigentlich?

China, Südkorea, Iran, Italien, Deutschland – das neuartige Coronavirus breitet sich immer weiter auf dem Globus aus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief mit Blick auf den Erreger der Atemwegserkrankung Covid-19 bereits am Montag zur Vorbereitung auf eine "mögliche Pandemie" auf, vor der offiziellen Einstufung der Krankheitswelle als "Pandemie" schreckt sie aber weiterhin zurück.    

Der Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern "pan" für "alles" und "demos" für "Volk" zu sammeln. Anders als eine Epidemie ist eine Pandemie nicht örtlich beschränkt, sondern breitet sich länder- und kontinentübergreifend aus.    

So definiert die WHO eine Pandemie

Die WHO definiert eine Pandemie als eine Situation, in der die ganze Weltbevölkerung einem Erreger potenziell ausgesetzt ist und "potenziell ein Teil von ihr erkrankt", wie der WHO-Direktor für Notfälle, Michael Ryan, erläutert. Darüber, wie ansteckend oder tödlich die jeweilige Krankheit ist, sagt der Pandemie-Begriff jedoch nichts aus.    

Laut WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus müssen nun zwar alle Länder alles ihnen Mögliche tun, um sich "auf eine potenzielle Pandemie" vorzubereiten. Derzeit gebe es aber "keine unkontrollierte weltweite Ausbreitung dieses Virus", auch verursache der Erreger nicht massenhaft Todesfälle.    

In China, wo das neuartige Coronavirus im Dezember seinen Ausgang nahm, zählten die Behörden bislang mehr als 78.000 Infektionen und mehr als 2700 Todesfälle. Mittlerweile geht die Zahl der Neuinfektionen in der Volksrepublik zurück, dafür entwickelten sich in anderen Ländern neue Infektionsherde. Am Mittwoch meldete die WHO erstmals mehr neu registrierte Fälle außerhalb Chinas als in der Volksrepublik selbst.    

In Südkorea wurden bereits mehr als 1200 Fälle festgestellt, ein Dutzend Menschen starben hier. In Italien, dem größten Infektionsherd in Europa, wurden binnen weniger Tage mehr als 370 Infektionen nachgewiesen. Zwölf Infizierte starben bis Mittwoch an dem Erreger. Im Iran ist die besonders hohe Zahl von rund 20 Todesopfern besorgniserregend.    

Es gebe "Epidemien in verschiedenen Teilen der Erde", die die Länder in verschiedener Weise träfen und passgenaue Maßnahmen erforderten, konstatiert Tedros. Dementsprechend hat die WHO ihre Einstufung des neuartigen Coronavirus seit dem 30. Januar nicht geändert, als sie dessen Ausbreitung als "öffentlichen Gesundheitsnotfall von internationalem Interesse" einstufte.

Kategorisierung des Virus "ohnehin zweitrangig"

Wie das Virus kategorisiert wird, ist laut WHO-Sprecher Tarik Jasarevic ohnehin zweitrangig. "Von Definitionen und Begrifflichkeiten abgesehen bleibt unser Rat derselbe", sagt er.    

Nach Einschätzung des Mediziners Bharat Pankhania von der englischen University of Exeter handelt es sich beim neuartigen Coronavirus bereits "in allem außer dem Namen" um eine Pandemie. Es sei "nur eine Frage der Zeit, bis die Weltgesundheitsorganisation anfängt, den Begriff in ihren Mitteilungen zu verwenden".    

Der Infektiologe David Heymann von der London School of Hygiene & Tropical Medicine warnt, die Einstufung als "Pandemie" könne von den wirklich wichtigen Fragen ablenken. "Es ist notwendig, die gegenwärtige Lage in jedem einzelnen Land zu verstehen", sagt er.    

Auch Tedros warnte, die Einstufung als "Pandemie" könnte mehr schaden als nutzen. Der Begriff "entspricht derzeit nicht den Fakten", warnte der WHO-Chef. Jetzt sei "nicht die Zeit, sich darauf zu konzentrieren, welches Wort wir verwenden". Selbst wenn die WHO eine Pandemie ausrufen würde, mahnt Tedros, würde dies "heute keine einzige Infektion verhindern und kein einziges Leben retten".

tim AFP

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