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Engpässe in Kliniken: Wie gefährdet sind andere Notfall-Patienten durch Covid-19?

Die Ausbreitung des Coronavirus bedroht nicht nur Infizierte - sondern indirekt auch andere Patienten, wenn Krankenhausbetten rar werden. Wie real ist die Gefahr in Deutschland? Und wer ist besonders gefährdet?

Coronavirus: Ein Krankenwagen fährt mit Blaulicht auf der Straße

Ein Notfall kündigt sich an: Trotz vieler Coronavirus-Infektionen müssen auch Patienten mit Herzinfarkt und Schlaganfall weiterhin in Kliniken versorgt werden (Archivbild)

DPA

Tausende neue Infektionen, hunderte Todesfälle: Das Coronavirus breitet sich in vielen Ländern rasant aus und bringt Kliniken wie Personal vielerorts an den Rand der Belastungsgrenze. Als kritisch gilt vor allem die Situation in Italien: Weil die Fallzahlen in wenigen Tagen stark gestiegen sind, droht dem dortigen Gesundheitssystem der Kollaps. Das medizinische Personal berichtet von teils dramatischen Zuständen. Einige Patienten können nicht mehr adäquat versorgt werden, weil Intensivbetten rar sind. Oft muss das Personal entscheiden, welchen Patienten eine lebensrettende Behandlung zukommt - und welchen nicht.

Schon jetzt ist klar: Eine medizinische Krise wie sie sich derzeit in Italien abspielt, hat nicht nur Konsequenzen für Covid-19-Patienten. Die Überbelegung von Kliniken trifft auch andere Erkrankte, die auf intensive medizinische Hilfe angewiesen sind. "Übersterblichkeit" nennen Wissenschaftler das Phänomen, wenn die Anzahl der Todesfälle über das Maß hinausgeht, wie es eigentlich unter normalen Umständen zu erwarten wäre. "Insbesondere Patienten mit akutem Schlaganfall, Herzinfarkt, Sepsis, Polytrauma und andere sind gefährdet", sagt Max Geraedts, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung und Klinische Epidemiologie in Marburg.

Doch wie realistisch ist ein solches Szenario in Deutschland?

Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, gibt mit Blick auf die aktuelle Situation Entwarnung. "An normalen Tagen stehen über 100.000 Betten in deutschen Krankenhäusern leer", erklärt Busse. "Da elektive, das heißt planbare Aufnahmen abgesagt werden, gibt es derzeit zudem weniger Patienten als sonst." Auch auf Intensivstationen könne so die Kapazität erhöht werden. Als verschiebbar gelten etwa orthopädische Eingriffe an Hüfte oder Knie. "Diese können meist problemlos auch über längere Zeit verschoben werden oder müssten auch gar nicht stattfinden. Andere Operationen, etwa bei Krebspatienten, sollten hingegen eher zeitnah erfolgen."

Ein weiterer möglicher Hebel ist laut Busse die Verweildauer in Intensivbetten. "Das heißt, wer sonst, sagen wir eine halbe Woche dort geblieben wäre - das entspricht dem Durchschnitt -, der würde dann einen Tag früher auf eine Normalstation verlegt", erklärt der Experte. Natürlich würden die deutschlandweit 28.000 Intensivbetten auch weiterhin anderen Patienten zur Verfügung stehen und nicht ausschließlich für Covid-19-Fälle vorgesehen sein.

Wunsch des Patienten respektieren

Sollten trotz dieser Maßnahmen alle Intensiv- und Beatmungsbetten zeitweise belegt sein, würde sich die entsprechende Klinik bei der Leitstelle abmelden. "Patienten werden auf umliegende Krankenhäuser verteilt, sofern diese noch Kapazitäten haben", so Busse. Einen Überblick über verfügbare Intensivbetten gibt es in einem öffentlich zugänglichen Register der "Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin" (Divi). Dort waren Stand heute (23. März) schätzungsweise 312 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen dokumentiert. Viele Kliniken weisen aktuell noch freie Intensivbetten aus - kenntlich gemacht ist das mit einem grünen Punkt.

Eine intensivmedizinische Behandlung mag für viele Patienten lebensrettend sein. Es sollte im Einzelfall aber immer geprüft werden, ob sie tatsächlich auch dem Wunsch des Patienten entspricht, betont Annette Rogge, Vorsitzende des Klinischen Ethikkomitees. "Wird die Behandlung nicht gewünscht, darf sie – wie auch außerhalb einer Krisensituation – nicht durchgeführt werden."

Bei knappen Ressourcen wie in Italien "sollte transparent und von allen Verantwortlichen nach denselben Kriterien entschieden werden", so Rogge. Anerkannte Kriterien sind etwa die medizinische Bedürftigkeit von Patienten - also der Schweregrad der Erkrankung - und der zu erwartende medizinische Nutzen. Grundsätzlich sei "eine gemeinsame Entscheidungsfindung einer Einzelentscheidung vorzuziehen", betont die Medizinethikerin. "Falls die klinische Situation dies erlaubt, sollte also eine Abstimmung im Behandlungsteam erfolgen."

Personal ist größter Unsicherheitsfaktor

Freie Intensivbetten sind zwar wichtig, um Patienten adäquat behandeln zu können. Der größte Unsicherheitsfaktor sei laut Busse aber der Ausfall von medizinischem Personal. Ärzte und Pflegekräfte seien gleich doppelt belastet: körperlich, als auch psychisch. Hinzu kommt: Sollte sich Personal aufgrund fehlender Schutzkleidung mit dem Erreger infizieren, ist auch mit krankheitsbedingten Ausfällen zu rechnen.

"Bei hoher Covid-19-Belastung werden Personalausfälle negative Konsequenzen haben. Das kann tatsächlich ein Problem werden – die Personalsituation ist bereits heute nicht gut gelöst", sagt Versorgungsforscher Max Geraedts. 

"Bisher sehen wir aber – auch in den anderen Ländern – einen enormen Einsatz und das Melden von Freiwilligen", so Busse. Allein: "Wie lange das durchzuhalten ist, ist aktuell schwierig zu beurteilen."

Quellen: Zitate laut Science Media Center

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