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Coronakrise Das große Sterben in den USA: "Es gibt wichtigere Dinge als das Leben"

Sehen Sie im Video: Drohnenvideo soll Massengräber von Covid-19-Opfern in New York zeigen.


Aufnahmen aus New York: Gefängnisinsassen in Schutzkleidung begraben mehrere Särge in einem Massengrab. Eine Drohne nimmt die Szene auf „Hart Island“ auf. 


Auf der Insel werden normalerweise nicht identifizierte und von Angehörigen nicht beanspruchte Leichen beerdigt. Hier liegen geschätzt über 1 Millionen Toten – vom US-Bürgerkrieg bis heute. 


Die Aufnahme stammt vom 2. April 2020 und wird von der Non-Profit-Organisation "The Hart Island Project" veröffentlicht. Sie unterstützt Menschen mit begrenzten Mitteln beim Zugriff auf öffentlichen Bestattungsunterlagen und Informationen zu Bestattungsverfahren auf Hart Island.   


Direktorin Melinda Hunt sagt gegenüber dem stern, es hätte auf der Insel fast viermal so viele Beerdigungen als in einer normalen Woche gegeben. Das hinge mit dem Anstieg von Coronavirus-Toten in New York zusammen. Weil Leichen in New York aber nicht auf das Virus getestet werden, kann Hunt nicht bestätigen, dass die Toten an Covid-19 erkrankt waren. 


Bürgermeister Bill de Blasio sagte bei einer Pressekonferenz am 6. April, dass die Stadt möglicherweise auf die berüchtigte Grabstätte zurückgreifen könnte. Gegenüber der "New York Post" sagen aber New Yorker Beamte, dass bisher keine Coronavirus-Opfer auf Hart Island begraben würden.


Als Epizentrum der Coronakrise befindet sich die Metropole jedenfalls in einer kritischen Ausnahmesituation. 
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Nirgendwo auf der Welt sterben soviele Menschen an Covid-19 wie in den USA. Es gibt viele Gründe: das Gesundheitssystem, das Krisenmanagement. Dennoch sollen die Schutzmaßnahmen gelockert werden - damit wieder der Dollar rollt.

Das Virus ist beinahe schon Routine, sagt eine Ärztin in der Notaufnahme des New York Presbyterian-Krankenhauses in Brooklyn.  Zu der Routine gehört, dass alle paar Minuten der Lautsprecher dröhnt und Personal nach draußen ins Zelt neben dem Kühltransporter für die Leichen gerufen wird. Ins Zelt für die Corona-Verdachtsfälle. Zur Routine gehört, dass die Anwohner dem Krankenhauspersonal mittags Pizza schicken. Und dass sie alle hier eigentlich keine Zeit zum Essen haben.

Denn das Corona-Sterben geht unaufhörlich weiter in den USA. Mehr als 45.000 Menschen sind hier am Covid-19 gestorben. So viele wie in keinem anderen Land der Welt. Allein 2053 Menschen waren es am Mittwoch.

Trump prahlt mit der Sterblichkeitsrate

Donald Trump dichtet sich aus diesen schrecklichen Zahlen einen Erfolg zurecht. "Unsere Sterblichkeitsrate liegt ungefähr bei der Hälfte von anderen Ländern", brüstete er sich auf seiner täglichen Pressekonferenz, prahlte sogar, sie sei "eine der niedrigsten auf der Welt". Das stimmt nicht. Die Sterblichkeitsrate liegt zurzeit bei 5,5 Prozent in den USA. Sie ist damit zwar niedriger als in Spanien (10,4 Prozent) und Italien mit 13,2 Prozent. Doch weitaus höher als in Japan und Südkorea mit jeweils 2,2 Prozent oder auch Deutschland mit 3,2 Prozent.

Donald Trump aber will schnelle Erfolge in der Corona-Bekämpfung verkünden, denn er und die meisten Republikaner wollen die Wirtschaft so schnell wie möglich wieder öffnen. Manche sogar schneller als möglich. "Wir zerstören das Land, wir zerstören die Märkte", erklärte der Vize-Gouverneur von Texas in einem Interview mit Fox News. "Es gibt wichtigere Dinge als das Leben", so Dan Patrick. "Und dazu gehört es, das Land für meine Kinder und Enkelkinder und für uns alle zu retten." Natürlich wolle er nicht sterben, ergänzter er, aber man müsse nun einmal "einige Risiken eingehen und dieses Land wieder zum Laufen bringen."

Wer soll sterben, damit die Wirtschaft leben kann?

Es sieht so aus, als seien viele Republikaner und der Präsident dazu bereit, dem amerikanischen Kapitalismus Menschenopfer zu bringen. Die Alten und Schwachen, sie sollen sterben, damit die Wirtschaft leben kann.

Obwohl die Infektionszahlen noch immer hoch sind, lockern die republikanischen Gouverneure von Florida, Texas und Georgia Corona-Maßnahmen. Und Donald Trump stachelt zu Protesten gegen die Einschränkungen in von der Opposition regierten Bundesstaaten an. Gegen Maßnahmen, die er mit seinem Expertenteam selbst empfohlen hatte. Eine Empfehlung lautet, dass ein Bundesstaat erst wieder langsam zur Normalität zurückkehren solle, wenn die Zahlen der Neuinfektionen zwei Wochen lang zurückgehen würden. So lange wollen viele republikanische Gouverneure nicht mehr warten.

Sie spielen ein zynisches Spiel mit dem Leben ihrer Bürger.

Denn es hat viele Gründe, warum ausgerechnet in den USA bislang die meisten Menschen an Corona gestorben sind. Dazu gehören:

  • Das amerikanische Gesundheitssystem ist schlechter auf eine Pandemie vorbereitet als andere Nationen. Viele Menschen sind nicht versichert, viele können die hohen Rechnungen und Zuzahlungen für Behandlungen und Medikamente nicht bezahlen.
  • Donald Trump und seine Regierung nehmen das Virus noch immer nicht ernst und sind unfähig im Krisenmanagement.
  • Es fehlt an Koordinierung, es fehlt an Geld für Coronavirus-Tests. Bei einer Bevölkerung on 329 Millionen Amerikanern wurden bislang gerade einmal 3,8 Millionen Tests durchgeführt. Deutschland hat doppelt so viele Tests pro Million Einwohner durchgeführt.
  • Viele Amerikaner leiden an Vorerkrankungen, die sie besonders gefährden. Geschätzte 60 Prozent haben Krankheiten wie Diabetes, Krebs und Asthma. 40 Prozent sogar mehr als eine.

Zweite Corona-Welle im Winter?

Die Mehrheit der Amerikaner ist deshalb dagegen, die Corona-Maßnahmen zu lockern, davor warnen auch Experten. Der Direktor der Bundesgesundheitsbehörde warnte vor einer zweiten Corona-Welle im Winter, die noch viel schlimmer werden könnte. "Wir haben es dann mit der Grippe-Epidemie und der Coronavirus-Epidemie zur gleichen Zeit zu tun", sagte Robert Redfield.

Er ist mit seiner Prognose nicht allein.

Im Brooklyner Krankenhaus erklärt eine Ärztin, dass seit ein paar Tagen etwas weniger Corona-Patienten eingeliefert würden. Doch sie traue dieser relativen Ruhe nicht. "Ich glaube, dass der Corona-Wahnsinn hier noch lange Routine sein wird", sagt sie.  


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