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Diabetes: Weg mit der Spritze

Die Zahl der Zuckerkranken wächst rasant, zunehmend sind auch Kinder und Jugendliche betroffen. Oft verschreiben Ärzte sehr schnell Insulin. Dabei könnten sich viele Patienten die Hormonspritzen ersparen - wenn sie ihre Lebensgewohnheiten ändern würden.

Von Beate Wagner

Sein Übergewicht trug Wolfgang Pfetzing schon seit einer Weile mit sich herum. Es störte den Kasseler nicht. Der selbstständige Fernsehjournalist schätzt nach einem harten Drehtag deftiges Essen und ein ordentliches Bier: "Schließlich lebe ich nicht für meine Laborwerte." Doch sein Lebensstil bescherte ihm mehr als ein paar zusätzliche Pfunde. Als er wegen Herzproblemen ins Krankenhaus kam, erfuhr er, dass sein Blutzuckerspiegel viel zu hoch ist.

Was dann geschah, erleben sehr viele, die zu hohe Glukosewerte haben: Pfetzing kam an die Nadel. Vor allem an die leitende Stationsärztin erinnert sich der heute 57-Jährige eindrücklich: "Wir nannten sie 'Dr. Diabetes', denn sie hat alle Patienten alternativlos zum Insulinspritzen verdonnert." Pfetzing verließ die Klinik mit einer neuen Aufgabe: "Jeweils morgens und abends knallte ich mir fortan bis zu 100 Einheiten Insulin in die Bauchdecke und konnte zusehen, wie ich immer noch dicker wurde."

Folgekrankheiten machen Diabetes teuer - und gefährlich

Es ist wichtig, den Blutzuckerspiegel möglichst schnell stark zu senken. Das verbessert nicht nur die Aussichten bezüglich des Diabetes, sondern senkt auch das Risiko, eine der typischen Folgekrankheiten zu bekommen, die Diabetes so gefährlich - und für das Gesundheitssystem so teuer - machen, zum Beispiel Augen- und Nierenschäden, Durchblutungsstörungen und Taubheitsgefühle. Zuckerkranke bekommen häufiger Arteriosklerose, Schlaganfälle und koronare Herzerkrankungen. Mehr als die Hälfte aller Diabetiker stirbt an einem Herzinfarkt.

Der sofortige Griff zu Tablette oder Insulinspritze ist nach dem Stand der Wissenschaft allerdings oft nicht der richtige Weg. Beim Typ-2-Diabetes orientiert sich der Arzt am so genannten HbA1c-Wert. Er gibt den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der vorangegangenen acht bis zehn Wochen an.

Erreicht der HbA1c die kritische Obergrenze von 6,5 Prozent, soll der Patient zunächst mit einer Umstellung seiner Gewohnheiten gegensteuern: abnehmen, sich viel bewegen und gegebenenfalls mit dem Rauchen aufhören. "Ab einem Wert von sieben Prozent muss der Patient Tabletten nehmen, die dem erhöhten Blutzucker entgegenwirken", sagt der Bochumer Endokrinologe Helmut Schatz, ehemaliger Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG). Erst wenn sich die Situation nach etwa einem Vierteljahr nicht gebessert hat, kommen Insulinspritzen zum Einsatz.

Die Zahl der Zuckerkranken wächst rasant

In der Praxis wird häufig schon früher mit der Insulintherapie begonnen. Der Patient muss das Mittel dauerhaft nehmen, die Gesellschaft hat einen chronisch Kranken mehr. Derzeit wächst die Zahl der Zuckerkranken in den Industrienationen rasant. Allein in Deutschland schätzen Experten den Anteil der Diabetiker unter den Erwachsenen auf sieben bis acht Prozent. Weltweit gab es im Jahr 2000 rund 150 Millionen Betroffene - bis zum Jahr 2025 wird mit einer Verdoppelung gerechnet.

Seit Jahren streiten Experten darüber, wie man das Leiden in den Griff bekommt. Kritiker des Trends, frühzeitig Insulin zu verordnen, raten, den Schwerpunkt nicht auf die medikamentöse Behandlung zu legen. Stattdessen solle mehr für einen gesünderen Lebensstil mit viel Sport und weniger Gewicht getan werden. Das soll das Risiko verringern, dass die Regelmechanismen für Blutzucker aus der Bahn geraten - und so dafür sorgen, dass weniger Tabletten oder Insulingaben erforderlich werden.

Tatsächlich gibt es Anzeichen dafür, dass eine Umstellung der Gewohnheiten sogar vielen helfen kann, die bereits regelmäßig Medikamente nehmen. So wurde kürzlich das Ergebnis einer Studie veröffentlicht, bei der ein 18-tägiges Programm mit Bewegung und einer Ernährung nach dem so genannten LOGI-Modell in der Allgäuer Reha-Klinik Überruh erstaunliche Ergebnisse brachte: Bei fast der Hälfte der Patienten, die sich nach diesem Prinzip ernährt haben, konnten anschließend die Diabetesmedikamente abgesetzt, bei 42 Prozent die Dosis deutlich reduziert werden. Die LOGI-Kost setzt auf einen möglichst niedrigen glykämischen Index von Lebensmitteln und basiert auf reichlich Obst und Gemüse - und wenig kohlenhydrathaltigen Sättigungsbeilagen.

Einiges spricht für den Erfolg einer Ernährungsumstellung

Mit einer Stichprobe von nur 45 Teilnehmern und einer nicht zeitgleich beobachteten Kontrollgruppe ist das Ergebnis dieser Untersuchung nur bedingt aussagekräftig. Doch auch andere Ansätze sprechen für den Erfolg von einer Ernährungsumstellung und mehr Bewegung.

In der Kasseler Habichtswald-Klinik zum Beispiel lassen die Mediziner Diabetes-Patienten fasten. Und sie setzen während der Behandlung - wenn medizinisch vertretbar - sogar alle Insulinpräparate und blutzuckersenkenden Medikamente ab. In dem Krankenhaus, das die Konzepte von Schulmedizin und Naturheilverfahren miteinander verbindet, nehmen Zuckerkranke für einige Zeit nur Wasser, Säfte, Tee mit Honig und dünne Gemüsesuppe zu sich. Nach zwei bis drei Tagen mit einer Zufuhr von jeweils nur 200 bis 300 Kilokalorien schaltet der Körper auf die "Versorgung von innen" um. Wer die Heilfastenkur nach Buchinger länger als 14 Tage durchführt, nimmt etwa 350 Gramm bis 450 Gramm pro Tag ab und verbessert dadurch seine Blutfett-, Leber- und Zuckerwerte.

Nach den strengen Kriterien der evidenzbasierten Wissenschaft gilt Heilfasten als überholte Methode. Weder sind Effekte wie "entschlacken" oder "entgiften" wissenschaftlich begründbar, noch lässt sich Buchingers Kur zur Gewichtsreduktion empfehlen.

Der Patient soll schnell Erfolgserlebnisse haben

Volker Schmiedel, Chefarzt der Inneren Abteilung der Habichtswald-Klinik, beschreibt die Methode als Mittel zum Zweck: "Die purzelnden Kilos sind nur positiver Nebeneffekt." Viel wichtiger sei, dass der Patient schnell Erfolgserlebnisse hat, Selbstvertrauen findet und motiviert wird, etwas grundlegend zu ändern. "Wenn er merkt, dass es gar nicht so schwer ist, körperliche Bedürfnisse nach ständigem Essen zu überwinden, kann die Fastenzeit genutzt werden, um das Ruder umzuwerfen", so der Mediziner. "Ziel ist, die Lebenssituation und die Prognose deutlich zu verbessern, indem man die Medikamente reduziert oder wenn möglich sogar ganz weglässt."

Hinter dem Konzept steht die Idee, die Ursache der Zuckerkrankheit anzugehen. Es gibt zwei Diabetestypen: Beim Typ 1, auch Autoimmundiabetes genannt, werden die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse durch einen Immunprozess zerstört, sodass sie kein Insulin mehr produzieren können. Das Hormon ist für den Menschen unverzichtbar. Es ermöglicht den Transport von Glukose in die Zellen von Leber, Muskulatur und Fettgewebe. Zudem beeinflusst es viele andere Prozesse wie etwa den Eiweiß- und Fettstoffwechsel und drosselt den Salzverlust über die Niere. Beim Typ-1-Diabetes muss dem Körper das Insulin deshalb grundsätzlich von außen zugeführt werden - daran kann auch eine Umstellung des Lebensstils nichts ändern.

Doch neun von zehn Betroffenen haben Diabetes vom Typ 2. Früher wurde er auch Altersdiabetes genannt. Doch es erkranken immer mehr Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene daran. Die Vorstufe des Typ-2-Diabetes ist Insulinresistenz. Für sie gibt es zwar auch angeborene Faktoren, hauptsächlich entsteht sie aber durch zu fettes und kalorienreiches Essen, Übergewicht und Bewegungsmangel.

Irgendwann reicht das eigene Insulin nicht mehr

Bei einem ständig erhöhten Zuckerangebot im Blut schüttet die Bauchspeicheldrüse verstärkt Insulin aus. Mit der Zeit reagieren die Zellen weniger gut auf das Hormon, sodass der Körper immer mehr davon braucht, um die gleiche Menge an Zucker in die Zellen zu schleusen. Irgendwann reicht das ausgeschüttete Insulin dennoch nicht mehr aus, um des vielen Zuckers Herr zu werden.

Es entsteht ein Teufelskreis: Mehr Insulin im Blut macht Appetit. Der sorgt dafür, dass dem Körper noch mehr Kalorien zugeführt werden. Dadurch steigen das Körpergewicht und auch die Insulinresistenz. Schließlich ist die Bauchspeicheldrüse derart überfordert, dass sie kein Hormon mehr produziert. Der Blutzuckerspiegel steigt, anfangs nur nach Mahlzeiten, später auch im nüchternen Zustand.

Genau hier setzen Behandlungskonzepte an, die mit einer Umstellung der Lebensgewohnheiten den Ursachen des Typ-2-Diabetes begegnen wollen, auch die "ganzheitliche Diabetestherapie" der Habichtswald-Klinik. "Nur wenn die Patienten abnehmen und so der Insulinresistenz entgegenwirken, durchbrechen wir den Teufelskreis und befreien Diabetiker vom Spritzen", sagt Chefarzt Schmiedel. "Schätzungsweise 80 bis 90 Prozent aller Betroffenen könnten hinterher auf Medikamente verzichten." Je höher das Übergewicht seiner Patienten sei, desto größer sei die Insulinresistenz - und damit auch die Chance auf Erfolg.

Der Griff zu Medikamenten ist bequemer

Allerdings ist gerade die Neuausrichtung ihrer Ernährungsgewohnheiten für viele Diabetiker eine schwer zu überwindende Hürde. Sie wissen genau, dass Quarkbrot und ein regelmäßiger Spaziergang ihrer Gesundheit zuträglicher sind als der fette Braten und das Nickerchen auf der Couch. Doch der Griff nach Medikamenten ist noch bequemer. Nicht wenige werden in diesem passiven Verhalten sogar durch den behandelnden Arzt bestärkt: "Jetzt spritzen Sie doch, also können Sie auch alles wieder essen!"

Auch Wolfgang Pfetzing war skeptisch, als er vor zwei Jahren erstmals von der ungewöhnlichen Diabetestherapie in Kassel hörte: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Körper das mitmacht." Kein Wunder, der war ja auch anderes gewöhnt. Dennoch meldete er sich für sechs Wochen zum Heilfasten in der Habichtswald-Klinik an. Bei der Eingangsuntersuchung brachte der Fernsehjournalist runde 120 Kilogramm auf die Waage, so viel wie nie zuvor. Dann begann der Kuralltag: Jede "Mahlzeit" nehmen die Patienten gemeinsam im sparsam eingerichteten Fastenraum ein. Morgens um 7.30 Uhr trinken sie zusammen Tee an dem großen Tisch mit der steifen Krankenhaustischdecke und der Kunstblumenvase in der Mitte.

Danach geht es zum Schwimmen, Nordic Walken, Meditieren oder zum Gespräch mit den behandelnden Ärzten. Mittags löffeln die Patienten ihre Tasse dünnen Gemüsesud. "Die ersten Tage war der Weg zum Essen allerdings beschwerlich", sagt Pfetzing, "denn man muss direkt an dem normalen Speisesaal vorbei. Nach ein paar Tagen störte mich der gute Duft nicht mehr."

"Ein freier Kopf ohne beruflichen Stress"

Die Kur zeigt Wirkung. Pfetzing nimmt ab - und lernt seinen Körper kennen wie nie zuvor: "Es ist faszinierend, dass das Hungergefühl einfach verschwindet." Der Freiberufler kommt zu sich, genießt den "freien Kopf ohne beruflichen Stress. Diese Wochen hier sind besser für mich als jeder Urlaub." Auch das eigentliche Ziel des Aufenthalts wird erreicht: Pfetzings Blutzucker fällt vorbildlich in den Keller.

Nicht für jeden Diabetiker ist die Rosskur geeignet. Ausgeschlossen ist sie für Typ-1-Diabetiker und chronisch Kranke, deren Bauchspeicheldrüse zu wenig Insulin produziert. Wichtig sei eine gründliche Untersuchung, sagt Volker Schmiedel. "Bevor ich einen insulinpflichtigen Diabetiker fasten lasse, bestimme ich das C-Peptid im Blut als Maß für die körpereigene Insulinproduktion. Nur wenn dieser Wert normal ist, liegt eine Insulinresistenz vor, und ich kann den Patienten unbedenklich fasten lassen und das Insulin absetzen."

Der Arzt rät dringend davon ab, die Therapie ohne fachliche Begleitung zu starten. Nie sollten insulinpflichtige Diabetiker im Selbstversuch die Medikamente weglassen und zu fasten beginnen - oder gar fasten und weiterspritzen. Im ersten Fall kann das tödlich enden, im zweiten Fall endet es sicher tödlich. Für die, die in der Kur erfolgreich den Insulinhaushalt einstellen konnten, beginnt am Tag danach die eigentliche Arbeit. Wolfgang Pfetzing verlässt die Habichtswald-Klinik rund 17 Kilogramm leichter und ohne Insulin spritzen zu müssen. Als er, die Kamera geschultert, wieder im Alltag unterwegs ist, fühlt er sich leichter und schneller als je zuvor und freut sich über jedes verlorene Pfund. "Das ist einfach super, wenn der Tontechniker beim Dreh nicht mehr hinterherkommt, weil ich plötzlich so wendig bin."

Ihm steht noch eine harte Zeit bevor

Doch Pfetzing weiß auch, dass ihm eine harte Zeit bevorsteht, um das in der Klinik Gelernte fest in den stressigen Alltag einzubauen. "Am glücklichsten", sagt er, "bin ich über die Erkenntnis, dass es immer Alternativen gibt, selbst beim Diabetes. Mein Leben muss nicht mit Insulin weitergehen."

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