HOME

Stern Logo Ratgeber Ernährung

Japanische Esskultur: Fast Food statt Sushi

Statt Fisch gibt es in Japan immer öfter Hamburger, statt Reis stehen Pommes und Fertignudeln auf dem Speiseplan. Die Folgen sind besonders bei Kindern bereits sichtbar.

Zum Mittagessen gab es bei der zehnjährigen Sayaka Oyama Spaghetti mit Fleischsoße, nachmittags Schokolade und Kekse. Während des Abendunterrichts in der Schule wurden Reisbällchen und belegte Brote serviert, vor dem Zubettgehen zu Hause schlang sie noch ein paar Nudeln hinunter. Schließlich war Sayaka 1,26 Meter groß und wog 49 Kilogramm - etwa 23 Kilogramm mehr, als sie sollte. "Ich habe einfach so gerne Nudeln gegessen", sagt sie. "Ich kam müde von der Schule nach Hause und darum habe ich abends immer gegessen."

Wie viele japanische Schüler nimmt Sayaka zusätzliche Unterrichtsstunden, um sich auf die Aufnahmeprüfung der weiterführenden Schule vorzubereiten. Zu ihrem bereits überfüllten Stundenplan kamen dann noch die Sportstunden, an denen sie seit einem Jahr teilnimmt - sie versucht, das angefutterte Gewicht wieder zu verlieren.

Lebenserwartung sinkt

Mit den geänderten Ernährungsgewohnheiten wächst die Gefahr von Diabetes und anderen Krankheiten - die Lebenserwartung sinkt. Für Frauen liegt sie in Japan derzeit bei 86 Jahren, für Männer bei 78 Jahren. "Ich weiß nicht, wie lange Japan diese höchste Lebenserwartung halten kann", sagt der Direktor des Internationalen Zentrums für die Erforschung kardiovaskulärer Krankheiten, Yukio Yamori. "Wenn sich die Ernährungsgewohnheiten ändern, verkürzt sich die Lebenserwartung und das wird schon jetzt deutlich."

Trotzdem sind die Japaner noch bei weitem nicht so dick wie die Amerikaner. Derzeit gelten 14 Prozent der Japaner über 15 Jahre alt als übergewichtig, in den Vereinigten Staaten sind es 65 Prozent. Der Trend zum Bauch wird jedoch auch in Japan deutlich: Waren 1980 nur 23 Prozent der Männer in den Vierzigern zu schwer, waren es 2003 schon 34 Prozent.

Regierung erforscht fettleibige Kinder

Ähnlich sieht es bei den Kindern aus. Seit 1980 ist bei ihnen der Anteil Übergewichtiger um mehr als 30 Prozent nach oben geschnellt: von sechs auf acht Prozent. Kinder geraten besonders schnell in einen Teufelskreis: Sie werden wegen ihrer Pfunde gehänselt, ziehen sich zurück und essen zum Trost noch mehr. "Kinder müssen heutzutage viele Sorgen und Stress ertragen", sagt Ernährungsexperte Yuriko Ota, der auch Sayaka unterrichtet. "Ich habe das Gefühl, es gibt mehr fettleibige Kinder, die sehr traurig sind. Das war früher nicht so."

Auch die Regierung ist alarmiert und stellt im Haushalt für 2006 und 2007 rund 72 Millionen Yen (500.000 Euro) für die Hilfe für übergewichtige Kinder bereit. Außerdem soll der Zusammenhang zwischen dem Übergewicht der Kinder und dem Lebensstil der Eltern erforscht werden.

Wartelisten für den Kindersport

Eltern, die das Problem erkannt haben, melden ihre Kinder bei Sportprogrammen an - so wie Sayakas Eltern. Bereits seit 1985 treiben die Kursleiter mit den Kindern Sport und sprechen mit ihnen und ihren Eltern über gesunde Ernährung. Anfangs war es schwierig, 20 Kinder pro Kurs zusammenzubekommen - heute gibt es Wartelisten.

Für Sayaka hat sich die harte Arbeit ausgezahlt. Sie ist sei dem Beginn des Kurses vor einem Jahr um sechs Zentimeter gewachsen, hat aber ihr Gewicht gehalten. Obwohl sie immer noch über dem Idealgewicht liegt, ist sie doch stolz auf ihren Erfolg. "Ich habe aufgehört, jeden Abend Nudeln zu essen und esse sie jetzt noch einmal in der Woche", sagt sie. "Früher mochte ich kein Gemüse, aber jetzt versuche ich, es jeden Tag zu essen."

Kana Inagaki/AP / AP
Themen in diesem Artikel