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Mal kurz die Welt retten, Teil V Alles Bio, alles besser?


In jedem Supermarkt haben wir die Wahl: Biomilch oder konventionelle? Steak vom Ökohof oder aus Massentierhaltung? Bananen aus nachhaltigem Anbau oder herkömmlich? Doch: Wann lohnt Bio?
Von Swantje Dake

Rein äußerlich besteht kein Unterschied: Grün-rot und glänzend liegen die Äpfel in Holzkisten nebeneinander. Auf dem einen pappt ein Aufkleber "Bio". Das andere Exemplar wurde konventionell angebaut. Zwei Bissen machen es nicht leichter; denn lecker schmecken sie beide. Der Bioapfel kostet ein paar Cent mehr. Aber welcher Apfel ist besser?

"Besser" meint hier zweierlei: Zum einen die Herstellung der Produkte und die Haltung der Tiere. Aber auch: Was ist gesünder und schmackhafter? Einfache Antworten gibt es bei dem Thema nicht. Es gibt dutzende Studien, die mal das Gute in Bio belegen und mal den Nutzen für den Verbraucher infrage stellen. Für Verbraucher ist es da nicht leicht, den Überblick zu behalten.

Bio ist besser - jein

Nicht einmal die Frage, ob Bio besser für die Gesundheit des Käufers ist, kann einfach beantwortet werden. Zumal - es ist auch nicht die Aufgabe von Bio. "Der Gesundheitsaspekt wird in der Bioverordnung nicht beachtet", sagt Guido Ritter vom Fachbereich Oecotrophologie der Fachhochschule Münster. Aus der Sicht des Forschers sind Biolebensmittel dennoch immer sinnvoll.

Die Argumente, die für Bio sprechen sind viele: Der Biobauer achtet auf eine artgerechtere Tierhaltung, bevorzugt alte und unterschiedliche Pflanzensorten und Tierrassen, benutzt weniger chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und verzichtet auf den Einsatz von Gentechnik. Doch welche Auswirkungen das für den Verbraucher hat, ist schwer zu belegen. Das europäische Forschungsprojekt "Quality Low Input Food" wertete über fünf Jahre im EU-Auftrag Studien zur Biolebensmitteln aus - und kam zu dem klaren Urteil: Bio ist immer von Vorteil. Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit (FSA) zog ebenfalls mehrere Studien zu Rate - und kam zu dem Schluss, dass sich Biolebensmittel weder positiv noch negativ auf die Gesundheit auswirken.

Stiftung Warentest wiederum hat 1000 konventionelle und 250 Bioprodukte verglichen. Dabei griff das Institut auf 54 Untersuchungen aus den Jahren 2002 bis 2010 zurück. Eindeutiges Ergebnis: Bio schneidet nicht besser ab. Sowohl Lebensmittel mit Biosiegeln als auch herkömmliche Produkte erreichten sehr gute bis mangelhafte Bewertungen. "Die Qualität der Bioprodukte scheint eher abzunehmen. Bislang hat kein einziges Bioprodukt es geschafft, sich im Testfeld nach vorn zu schieben", urteilten die Tester im Heft "Grüner leben", das 2011 erschien.

Wann also lohnt es, mehr Geld für Bio auszugeben? Und wann sollte man herkömmliche Lebensmittel bevorzugen? Ein Leitfaden für den nächsten Einkauf.

Obst und Gemüse

Was verspricht Bio? Lebensmittel, die das Label "Bio" erhalten sollen, dürfen laut EU-Ökoverordnung während des Anbaus nur mit 27 Pestiziden behandelt werden, darunter keine chemisch-synthetischen und kein künstlicher Dünger. 75 Prozent der Bioware, die zwischen 2002 und 2010 von der Stiftung Warentest untersucht wurden, enthielten keine Rückstände von Pestiziden. Das war nur bei 16 Prozent der konventionellen Lebensmittel der Fall.

Weitere Vorteile von Bio-Obst und -Gemüse: Der Gehalt an Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffe ist höher. Gentechnik darf nicht eingesetzt werden, und der Ökobauer achtet durch das Wechseln von Fruchtfolgen darauf, dass seine Äcker und Anbauwiesen länger ertragreich sind - auch ohne chemische Düngung. "Im ökologischen Landbau werden weniger klimaschädliche Gase wie Kohlendioxid und Lachgas freigesetzt. Daher ist diese Art der Produktion klimaschonender", sagt Christiane Huxdorff von Greenpeace.

Und was ist mit konventionellem Obst und Gemüse?

Gerade wenn man die Wahl hat zwischen Bio-Radieschen aus Italien und konventionellen Radieschen aus der Region, spricht besonders der Umweltaspekt für das herkömmliche Gemüse. "Das Optimum sind Lebensmittel, die nicht nur biologisch produziert werden, sondern auch aus der Region stammen und Saison haben", sagt Huxdorff.

Fleisch und Geflügel

Was verspricht Bio? Der Aspekt der artgerechten Haltung der Tiere spricht am stärksten für Bioprodukte. Hühner bekommen mehr Auslauf, Schweine mehr Platz in den Ställen, ihre Schwänze werden nicht kupiert. Gentechnisch verändertes Futter ist tabu, wie auch Wachstumsförderer oder Hormone. Was in Biofleisch deutlich seltener vorkommt, sind Rückstände von Antibiotika: "Im ökologischen Landbau dürfen Antibiotika nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden, wenn ein Tier schwer krank ist. Dadurch bilden sich weniger Keime, die gegen Antibiotika resistent sind", so Huxdorff.

Ökotrophologe Ritter ist überzeugt, dass sich Haltung und Futter positiv auf Geschmack auswirken. "Durch vermehrten Auslauf erhält das Fleisch der Tiere eine andere Fettstruktur. Durch den hohen Grasanteil im Futter ist das Fett anders zusammengesetzt." Dennoch zögern viele Verbraucher beim Griff zum teureren Biofleisch. Gerade mal 0,5 Prozent des Geflügels kommen aus Biohaltung.

Und was ist mit konventionellem Fleisch?

Neben Antibiotika-Rückständen enthält gerade Wurst viele Geschmacksverstärker und Konservierungsmittel.

Milch und Milchprodukte

Was verspricht Bio? Auch bei Milch und Milchprodukten spricht das Argument der artgerechten Haltung für den Griff zu Bio. Mehr Grün- statt Maisfutter sorgt für mehr gesunde Fettsäuren und mehr Vitamine in der Milch. Wenn die Tiere nicht auf der Weide stehen, erhalten sie dennoch Futter ohne Gentechnik.

Und was ist mit konventioneller Milch und Milchprodukten?

"Wenn bei konventioneller Milch 'ohne Gentechnik' auf der Verpackung steht, dann kommt sie sehr nah an die Bioqualität heran", sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Rinde von Käse wird häufig mit Antibiotika wie Natamycin behandelt und zum Konservieren wird Nitrat beigemengt. Zum Reifen wird das gentechnisch erzeugte Enzym Chimosin und in vielen Frischkäsen Verdickungsmittel hinzugefügt. Alles nicht gesundheitlich bedenklich, aber man kann auch gut drauf verzichten.

Fisch

Was verspricht Bio? Bio-Fisch stammt immer aus Aquakulturen. Dort wird auf Antibiotika verzichtet. Zudem haben die Fische mehr Platz und erhalten besseres Futter. Es gibt allerdings nur wenige Sorten Fisch, die in Bioqualität angeboten werden (Lachs, Forelle und Karpfen).

Und was ist mit konventionellem Fisch?

Fisch enthält zwar wenig Schadstoffe, aber die Bestände der Meere sind gefährdet. Daher schützt man mit dem Kauf aus Aquakulturen den Bestand. Wer Wildfang-Fisch kauft, sollte auf das MSC-Siegel achten, das nachhaltigen Fang garantiert.

Süßigkeiten

Was verspricht Bio? Es werden keine Farb- und Konservierungsstoffe verwendet. "Aber Süßigkeit bleibt Süßigkeit", so Valet.

Und was ist mit konventionellen Süßigkeiten?

Der Zucker- und Fettgehalt wird auch mit dem Biosiegel nicht weniger. Daher kann man das schlechte Gewissen nicht mit dem "Bio"-Zusatz beruhigen.

Eier

Was verspricht Bio? Bei Eiern greifen die Deutschen gern zu Bio. Neun Prozent der Eier werden in Bioqualität verkauft. Der Stempel auf jedem Ei weist die Herkunft der Eier aus, daher ist leicht nachzuprüfen, woher die Eier kommen. Allerdings darf man sich die Produktion von Bio-Eiern nicht allzu romantisch vorstellen. "Das sind nicht ein paar Hühner, die auf der grünen Wiese picken. Die Anbieter, die früher Käfighaltung betrieben haben, haben umgestellt auf Freiland oder gar auf Bio. Aber es können weiterhin tausende Hühner in einem Stall sein", sagt Valet.

Und was ist mit konventionellen Eiern? Wer wirklich sichergehen will, dass die Hühner unter bestmöglichen Bedingungen leben, muss beim Kleinbauern auf dem Wochenmarkt kaufen. Sonst sind die Lebe- und Legebedingungen zwischen Freiland und Bio nicht so gravierend anders.

Brot

Was verspricht Bio? Bio bedeutet nicht zwangsläufig Vollkorn. Es heißt lediglich, dass weniger Zusatzstoffe verpacken werden. "Ein Bio-Baguette ist nicht besser als ein herkömmliches", sagt Valet. Wenn Bio in Großbäckereien hergestellt wird, werden auch Zusatzstoffe eingesetzt.

Und was ist mit konventionellem Brot?

Wer wirklich gutes, gehaltvolles Brot haben möchte, muss einen Bäcker suchen, der noch handwerklich backt und ohne Backmischungen auskommt. Wenn der Bäcker seinen eigenen Sauerteig herstellt, dem Brot statt Zusatzstoffe Zeit zum Gehen gibt, dann ist der geschmackliche Unterschied zwischen Bio und konventionell nicht zu schmecken.

Getränke

Was verspricht Bio? Die Biolimonaden werden zwar ohne Süß-, Farb- und Konservierungsstoffe produziert, aber Zucker, Saft und Malzkonzentrate kommen häufig nicht aus biologischem Anbau und für den Hauptbestandteil Wasser gibt es kein Biosiegel.

Und was ist mit konventionellen Säften?

Naturtrübe Direktsäften sind eher zu empfehlen als klare Säfte, da sie mehr sekundäre Pflanzenstoffe enthalten, die antioxidativ wirken.


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