HOME

Forschung: Kälber sollen mit BSE infiziert werden

Größter BSE-Versuch Deutschlands: 56 Kälber werden mit Erregern des Rinderwahnsinns infiziert. Der Langzeitversuch soll den Infektionsweg des Rinderwahnsinns ermitteln.

Die ersten von insgesamt 56 Kälbern stehen auf der Ostseeinsel Riems für den größten BSE-Versuch Deutschlands bereit. Sie sollen im Januar künstlich mit dem tödlichen Erreger des Rinderwahnsinns infiziert werden. Das drei Monate alte Fleckvieh eines vorpommerschen Biohofes bezog am Mittwoch auf der Insel einen neuen Spezialstall der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere. Mit dem Langzeitversuch wolle das Forscherteam dem Infektionsweg des Rinderwahnsinns auf die Schliche kommen und damit Voraussetzungen für die Entwicklung effektiver BSE-Lebendtests für Rinder schaffen, erklärt der Leiter des Instituts für neue und neuartige Tierseuchenerreger, Martin Groschup.

Deutsche essen wieder vermehrt Rindfleisch

Rund zwei Jahre nach dem Beginn der BSE-Krise in Deutschland und 231 nachgewiesenen Fällen greifen die Deutschen zwar wieder vermehrt zu Rumpsteak und Rinderhack. Viele Fragen um die Hintergründe der Krankheit sind indes bis heute offen. So gilt in der BSE-Forschung als relativ gesichert, dass der Erreger über Tiermehl und Milchaustauscher in den Organismus der Tiere gelangt. Unbekannt ist hingegen, wie die Prionen aus dem Darmtrakt in das Gehirn gelangen, um dort das zentrale Nervensystem zu schädigen.

Tests an lebenden Rindern

«Wenn wir diese Fragen beantworten, können kranke Tiere möglicherweise bereits in der Inkubationszeit erkannt werden», erklärt der BSE-Forscher. Zudem bilden die Untersuchungen eine wichtige Grundlage für Tests an lebenden Rindern. Mehrere Unternehmen forschen nach Angaben der BFAV, die zugleich als deutsche Zulassungsstelle fungiert, an Methoden, die den Erreger im Blut, in der Gehirnflüssigkeit oder sogar im Harn nachweisen können. Bis zur Marktreife sei bisher noch keiner dieser Tests gelangt. Mitte Januar wollen die Riemser BSE-Forscher die Kälber mit je 100-Gramm-Dosen infektiösem Hirngewebe füttern. Rund 5,7 Kilogramm Gewebe von nachweislich an Rinderwahn erkrankten britischen Tieren seien dafür in Großbritannien bestellt worden, sagte der Sprecher der Forschungsanstalt, Knut Janßen. Von Februar an werden dann jeweils vier Tiere im Abstand von vier Monaten getötet und das Gewebe genauestens untersucht. «Die Analyse von je 80 Gewebeproben pro Tier soll Aufschluss darüber geben, wie weit der Erreger jeweils vorgedrungen ist», erklärt Groschup. Dazu werde das Gewebematerial auch in selbst gezüchteten Mäusen injiziert, die besonders sensibel auf veränderte Prionen reagieren. Werde das Tier krank, wäre das ein wichtiger Hinweis auf das Vorhandensein von BSE-Erregern.

Isolierstation Kuhstall

Die Tiere werden in einem rund eine Million teuren Forschungsstall mit steriler Sektionshalle gehalten, der eigens für diesen Großversuch auf dem Gelände des vor fast 100 Jahren gegründeten Forschungsinstituts errichtet worden ist. Weder Fäkalien noch Abwasser gelangen ungeklärt in das Grundwasser. Die rund 5000 Liter Gülle pro Tag werden in einem Nebenlabor in Kesseln bei 136 Grad unter einem Druck von drei Bar zwei Stunden lang sterilisiert und über eine Kläranlage entsorgt. Die Überreste der Kadaver würden verbrannt, erklärt Janßen. Trotz der geringen Lebenserwartung der Rinder garantieren die Forscher weitgehend artgerechte Lebensbedingungen in dem Stall: Die Tiere könnten jederzeit in einen Freiluftbereich gelangen, in dem Netzfenster und sonnendurchlässige Dächer dafür sorgen, dass die Rinder zwar frische Luft und Sonne schnuppern können, von anderen Tieren aber isoliert bleiben.

Wissenscommunity