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Gebärmutterhalskrebs: Langzeitwirkung unbekannt

Die HPV-Impfung soll vor Gebärmutterhalskrebs schützen und ist inzwischen Kassenleistung für Mädchen. Doch noch sind nicht alle Zweifel ausgeräumt.

Die Gefahr, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, wird durch die Impfung nur verringert

Die Gefahr, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, wird durch die Impfung nur verringert

Ein Virus löst Gebärmutterhalskrebs aus - als Harald zur Hausen diese Hypothese vor gut 30 Jahren erstmals veröffentlichte, belächelte ihn so mancher Kollege. Jetzt wurde der langjährige Leiter des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg mit dem Medizinnobelpreis geehrt. Die Auszeichnung erhielt er auch, weil seine Entdeckung es möglich machte, einen Impfstoff gegen die humanen Papillomaviren zu entwickeln.

Im Herbst 2006 wurde die erste "Anti-Tumor-Spritze" in Europa zugelassen, im März 2007 gab die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut vor, alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren gegen HPV zu impfen. Die Kosten von knapp 480 Euro müssen seitdem die Krankenkassen übernehmen. Inzwischen mehren sich skeptische Stimmen. Manche Experten befürchten, dass Mädchen und Frauen durch die Impfung indirekt gefährdet sind.

6500 Frauen erkranken, 1700 sterben

Jährlich erkranken in Deutschland rund 6500 Frauen an einem Zervixkarzinom, knapp 1700 versterben. Hauptrisikofaktor sind Infektionen mit humanen Papillomaviren, von denen es mehr als 100 Varianten gibt. Die meisten sind ungefährlich, einige können den Gebärmutterhals so angreifen, dass Krebs entsteht. Übertragen werden die Viren beim Geschlechtsverkehr. Etwa 70 Prozent aller Frauen sind irgendwann in ihrem Leben HPV-positiv. "Bei den allermeisten heilt die Infektion folgenlos aus", sagt Peter Mallmann, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde am Universitätsklinikum in Köln. In seltenen Fällen setzt sich der Keim im Gebärmutterhals fest. Das führt dort zu Gewebeveränderungen, aus denen sich im Laufe vieler Jahre ein bösartiger Tumor entwickeln kann. "Kann, aber nicht muss", betont Mallmann.

Als besonders gefährlich gelten HPV 16 und 18. Sie sind nach Schätzungen für 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich. Gegen sie richtet sich Cervarix. Der zweite zur Verfügung stehende Impfstoff Gardasil wehrt zusätzlich die Typen 6 und 11 ab, die rund 90 Prozent der nicht gefährlichen, aber unschönen Genitalwarzen verursachen. Beide Impfstoffe wurden in Studien mit bis zu 20 000 Frauen getestet. Teils laufen diese Untersuchungen noch, doch die Zwischenergebnisse fielen so positiv aus, dass die Europäische Arzneimittelagentur Eemea sie bei der Zulassung berücksichtigte. "Bei den geimpften Frauen trat bis heute kein einziger Fall einer höhergradigen Gewebsdysplasie auf, die zweifelsfrei auf diese Typen zurückzuführen ist", sagt Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesamt für Sera und Impfstoffe – sofern sie nicht einen Monat vor oder nach der letzten Teilimpfung mit einem der beiden Viren infiziert waren. Dem trägt die Empfehlung der Stiko Rechnung: Alle drei Dosen sollen den Mädchen vor dem ersten Geschlechtsverkehr verabreicht werden.

Impfung verringert nur die Gefahr

Die Gefahr, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken, wird durch die Impfung nur verringert. Mindestens zehn andere HPV-Stämme können Zervixkarzinome verursachen. "Gegen die hilft die Impfung nicht", sagt Mallmann. "Frauenärzte müssen ihre Patientinnen unbedingt darüber aufklären, dass auf die jährliche Abstrichuntersuchung keinesfalls verzichtet werden darf."

Für Diskussionsstoff sorgt auch die Frage, ob das Verhindern von Infektionen mit HPV 16 und 18 dazu führt, dass sich andere krebsauslösende Stämme stärker ausbreiten. Laut Stiko wurden dafür bisher keine Hinweise gefunden. Die Immunforscherin Charlotte Haug hingegen schrieb unlängst im "New England Journal of Medicine", dass Studien bei Geimpften eine steigende Tendenz zu Krebsvorstufen zeigten, die nicht durch die zwei Hochrisikotypen verursacht wurden. Zwar sei dieser Trend statistisch noch nicht signifikant. Doch wenn er sich bestätige, bestehe "Anlass zu großer Sorge".

Weil es sehr lange dauert, bis sich aus einer HPV-Infektion Gebärmutterhalskrebs entwickelt, werden noch Jahre vergehen, bis sich Fragen zu Nutzen und Risiken zweifelsfrei beantworten lassen. "Mädchen rate ich, sich vor dem ersten Geschlechtsverkehr impfen zu lassen", sagt Mallmann, zumal sich die Nebenwirkungen meist auf Schmerzen an der Einstichstelle sowie leichtes Fieber beschränkten. Anders beurteilt der Gynäkologie-Professor die Impfempfehlung vieler Frauenärzte an Erwachsene: "Sie denken, es wird schon nicht schaden, und vielleicht hilft es sogar – doch dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg."

Mallmann wünscht sich einen therapeutischen Impfstoff, der unabhängig vom Infektionsstatus wirkt. "Damit könnten wir das Problem Gebärmutterhalskrebs tatsächlich lösen." In Heidelberg entwickelt ein Team um Nobelpreisträger Harald zur Hausen ein Vakzin, das HPV-Infektionen und Krebsvorstufen heilt. Bei Mäusen wirkt es bereits.

Ulrich Kraft / GesundLeben

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