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Impfdebatte nach Masernausbruch: Was Sie über die Impfpflicht wissen müssen

Nach den Masern-Ausbrüchen in Berlin ist die Debatte über eine Impfpflicht neu entflammt. Gab es schon einmal eine Pflicht? Was spricht dafür? Was dagegen? Fragen und Antworten zum Thema.

Ab elf Monaten können Kleinkinder gegen Masern geimpft werden

Ab elf Monaten können Kleinkinder gegen Masern geimpft werden

Nach Masernausbrüchen in Deutschland wird erneut über eine Impfpflicht diskutiert. Die Debatte ist nicht neu und schwappte in der Vergangenheit immer mal wieder hoch - zuletzt im Sommer 2013. Den Befürwortern der Impfpflicht stehen diejenigen gegenüber, die stattdessen eine bessere Aufklärung zum Thema Impfen fordern.

Wie sind die aktuellen Regelungen?

In Deutschland besteht keine Impfpflicht. Impfungen werden von den obersten Gesundheitsbehörden öffentlich empfohlen. Dies basiert in der Regel auf Grundlage von Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Jeder Bürger entscheidet also frei über eine Impfung.

Gab es in der Vergangenheit eine Impfpflicht in Deutschland?

Ja. Im Jahr 1874 wurde mit dem Reichsimpfgesetz eine einheitliche Zwangsimpfung gegen Pocken für Kinder eingeführt. Schon 1807 hatte Bayern die Impfung für Säuglinge zur Pflicht gemacht. Noch im 19. Jahrhundert starb jedes fünfte Kind in Deutschland an dieser Krankheit. Durch die Impfpflicht und die Einführung eines wirksameren Impfstoffs konnten die Pocken drastisch zurückgedrängt werden. Die Impfpflicht gegen den Erreger galt bis in die 1970er Jahre. 1979 erklärte die Weltgesundheitsorganisation die Krankheit für ausgerottet. In der DDR gab es noch weitere Pflichtimpfungen, zum Beispiel ab 1970 gegen Masern.

Wer ist für, wer gegen eine Impflicht gegen Masern?

Angesichts der aktuellen Masernausbrüche bringen Gesundheitspolitiker der schwarz-roten Koalition eine gesetzliche Impfpflicht ins Gespräch. Die Opposition lehnt dies ab und fordert bessere Aufklärung. Auch Kinder- und Jugendärzte befürworten eine Impfpflicht. Der Deutsche Ethikrat sprach sich im vergangenen Jahr hingegen dafür aus, dass freiwilligen Impfungen "der Vorzug zu geben ist". Die Experten sehen den Staat in der Pflicht, ausreichend über das Thema zu informieren.

Warum wird über das Impfen derart gestritten?

Auf der einen Seite steht das Recht des Einzelnen auf freie Entscheidung zur Impfung - auf der anderen das Interesse der Gemeinschaft, durch eine möglichst hohe Durchimpfungsrate die Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen oder Krankheiten ganz auszurotten. Das macht das Thema so sensibel. Zudem werden Impfungen bei Gesunden angewandt und gehören zu den häufigsten medizinischen Maßnahmen überhaupt, was Fragen nach den Risiken für Kinder und dem Nutzen der Spritzen aufwirft.

Wie hoch sind derzeit die Impfraten bei Masern?

In den vergangenen Jahren ist die Impfbereitschaft in Deutschland gestiegen. 2012 lagen die Quoten bei Schulanfängern für die erste Masernimpfung bundesweit bei 96,7 Prozent. Für die entscheidende zweite Masernimpfung wurde eine Quote von 95 Prozent allerdings nur in zwei Bundesländern erreicht.

Welche Argumente bringen Impfgegner vor?

Impfgegner und Impfskeptiker gibt es schon seit Einführung der Pockenschutzimpfung. Und manche ihrer Argumente haben sich bis heute kaum geändert. Zu den häufigsten Einwänden gegen das Impfen zählen die angeblich fehlende Wirksamkeit, unkalkulierbare Risiken und Nebenwirkungen sowie religiöse Motive. Andere meinen, das Durchmachen von Krankheiten sei für eine normale Entwicklung ihres Kindes wichtig.

Experten halten den Impfkritikern entgegen, dass auch sogenannte Kinderkrankheiten wie die Masern sehr drastisch verlaufen können. Eine gefürchtete Begleiterscheinung der Masern, die Gehirnentzündung, entwickelt sich bei einem von 1000 erkrankten Kindern. Auch nach einer Impfung tritt dies in einem von einer Million Fällen auf - das ist aber tausend Mal seltener als bei einer Erkrankung. Unbestritten ist, dass Impfstoffe Nebenwirkungen haben können. Die lange kursierende These, wonach die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus begünstigen könne, ist allerdings längst wiederlegt.

Andrea Hentschel/AFP / AFP

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