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Kopfschmerz: Dämonen im Schädel

Millionen Deutsche leiden unter Kopfschmerzen, manchem wird das Leben zur Hölle. Geholfen werden könnte den allermeisten, aber viele gehen erst gar nicht zum Arzt. Und oft sind selbst die Mediziner mit Diagnose und Therapie überfordert

Von Anika Geisler

Es soll aufhören! Nur: Wie hört es auf? Man kann ein Glas Wasser trinken. Zwei Tassen Kaffee. Tabletten schlucken. Sich Spritzen geben lassen. Den Kopf gegen die Wand hauen. Das Gehirn operieren lassen. Sich umbringen. All das tun Menschen, um sie loszuwerden, die Krankheit, die sie stört, nervt, quält oder ihnen gar das Leben unerträglich macht: Kopfschmerzen.

Die meisten Mediziner sind überfordert

Noch vor 50 Jahren galt das Leiden in vielen Teilen Deutschlands als gottgegeben, noch vor 20 Jahren wurde das Thema in medizinischen Lehrbüchern in wenigen Sätzen abgehandelt. Inzwischen ist der Damm gebrochen: Es gibt Wälzer, die von nichts als Kopfschmerz handeln, Fachkliniken, internationale Kongresse und Selbsthilfegruppen. Nur: Die, die davon profitieren sollten, die Millionen Schmerzgeplagten in Deutschland, haben bisher wenig davon. Ein Großteil versucht, sich allein durchzuschlagen: 38 Prozent der Migräne-Kranken und 64 Prozent der von Spannungskopfschmerz Gequälten sind noch nie wegen ihrer Schmerzen in ärztlicher Behandlung gewesen. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Noch immer sind viele der Meinung, Kopfschmerzen seien nicht heilbar. Zweitens: In der Apotheke bekommt jeder billige Schmerzmittel ohne Rezept. Und drittens: Oft wissen auch Ärzte keine Abhilfe. Verfolgt man die Leidenswege von Betroffenen, ihre Odysseen durch Praxen und Kliniken, die vielen Arztwechsel und Fehldiagnosen, bleibt nur ein Schluss: Die meisten Mediziner sind vom Kopfschmerz überfordert. Das fängt schon bei der richtigen Befundstellung an. Häufig werden Migräne und Kopfschmerz nicht als solche erkannt. Eine Untersuchung von Hartmut Göbel, Neurologe und Leiter der Schmerzklinik Kiel, zeigte, dass nur 26 Prozent der Patienten, die eindeutig an Migräne litten, das auch von ihrem Doktor mitgeteilt bekamen. Die anderen erhielten Diagnosen wie "Erkrankung der Halswirbelsäule", "Herz-Kreislauf-Störung" oder "Lebensstil-Probleme".

Je nach Fachrichtung benennen Mediziner die vermeintlich zugrunde liegenden Ursachen nicht nur falsch, sondern doktern auch noch mit ganz eigenen Methoden an ihnen herum: Der Internist erklärt, der Blutdruck sei schuld an den Beschwerden, und verordnet Tabletten. Der Augenarzt verschreibt eine neue Brille. Der Orthopäde renkt Wirbel ein. Der Psychiater bekämpft eine angebliche Depression. Anästhesisten setzen Betäubungsspritzen, Gynäkologen versuchen es mit Hormonen. Bis die Patienten irgendwann bei einem fähigen Hausarzt oder einem Fachmann, nämlich einem spezialisierten Neurologen oder Schmerztherapeuten landen, können Monate vergehen. Oder Jahre.

So erging es auch Tanja Ender, 19, aus Griesstätt am Inn. Als ihre Schmerzen vor vier Jahren erstmals auftraten, wusste kein Mediziner richtig weiter: Hausarzt und HNO-Arzt behandelten ihre Nebenhöhlen. Ihr Schädel wurde geröntgt. Der Zahnarzt hatte eine malade Wurzel im Verdacht und ließ eine Aufbissschiene anpassen. Ein dreiviertel Jahr dauerte es, bis sie in einer Klinik die erste richtige Diagnose bekam: Migräne. Später stellte sich heraus, dass sie zusätzlich auch noch chronische Spannungskopfschmerzen quälten.

Nur Schlaf half

Die junge Frau litt derart, dass sie nicht essen und nicht sprechen konnte. Die Attacken dauerten bis zu vier Tage, Schmerzmedikamente halfen wenig. Allein Schlaf linderte die Qual. In der Schule bekam Tanja Ender Probleme: Das Lernen fiel ihr wegen der Schmerzen schwer, die Noten wurden schlechter, und die Mitschüler glaubten, sie schwänze den Unterricht. "Mein Leben bestand aus Schmerzen, sich zwischen den Attacken wieder erholen und schnell für die Schule arbeiten", sagt sie. "Meine Hobbys musste ich aufgeben."

Der Fall zeigt: Der Bedarf an Aufklärung und zügiger, richtiger Behandlung ist enorm. In Deutschland ergab eine Umfrage in 30.000 Haushalten: Für 71 Prozent der Bevölkerung stellen Kopfschmerzen ein "ernstes Problem im Leben" dar. Allein die Kosten für den Arbeitsausfall von Migräne-Kranken schätzen Experten auf 15 Milliarden Euro pro Jahr. Dazu kommen 27 Milliarden Euro für die Behandlung in Kliniken. Die Kosten, die durch die - oft fruchtlosen - Besuche bei niedergelassenen Ärzten entstehen, werden auf einige Milliarden Euro geschätzt.

Damit die Betroffenen schneller einen kompetenten Arzt finden als bisher, hat die Schmerzklinik Kiel zusammen mit der Techniker Krankenkasse eine Liste von 240 Experten in ganz Deutschland zusammengestellt, die in puncto Kopfschmerz nach dem neuesten Stand des Wissens arbeiten (www.schmerzklinik.de; www.tk-online.de). "Die Ärzte, die bei diesem neuen Versorgungsmodell mitmachen, müssen sich dafür qualifizieren und sich laufend weiterbilden", erklärt Göbel. "Und sie halten sich an feste Regeln nach aktuellem wissenschaftlichem Standard, was die Diagnose und Therapie betrifft."

Vorurteil: Kopfschmerz als Vorwand

In guten medizinischen Händen zu sein, ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Aber auch psychologisch müssen sich die Schmerzgeplagten wappnen. Bei kaum einem anderen Leiden nämlich glaubt der Laie, derart gut Bescheid zu wissen - was zu den merkwürdigsten Vorurteilen führt: Die Krankheit betreffe nur Frauen, sie werde von Schokolade ausgelöst, oder sie sei "seelisch bedingt". Und, auch das hält sich immer noch hartnäckig: Sie diene oft nur als Vorwand, wenn man keine Lust auf Sex, die Hausarbeit oder aufs Büro habe.

"Die verbreitete Ansicht, dass Kopfschmerzen nur als Ausrede vorgeschützt würden, ist ein großes Problem für die Betroffenen", sagt Hartmut Göbel. "Man kann den Schmerz nicht sehen. Es gibt keinen Verband oder Gips am Kopf. Da fällt es Unbeteiligten schwer zu glauben, wie schlecht es einem tatsächlich gehen kann."

Die Pein tritt in unterschiedlichsten Formen auf. Rund 250 einzelne Typen können Experten unterscheiden: vom sogenannten Orgasmus-Kopfschmerz, über den Koffeinentzugs- oder Eiscreme-Kopfschmerz bis hin zum Donnerschlag-Kopfschmerz. So können Kopfschmerzen ein Symptom von lebensgefährlichen Erkrankungen sein: von Blutungen im Gehirn etwa, einem Schlaganfall, einem Tumor oder einer Hirnhautentzündung. Diese Ursachen sind jedoch vergleichsweise selten.

Kopfschmerz-Varianten

Meist treten Kopfschmerzen als eigenständige Krankheit auf:
• Am häufigsten sind "normale" Kopfschmerzen, die oft mit einer Aspirin oder einem Spaziergang an der frischen Luft in den Griff zu bekommen sind. Diese sogenannten episodischen Spannungskopfschmerzen fühlen sich meist dumpf und drückend an, sitzen in beiden Schädelhälften und treten nur ab und zu auf.
• Aus dieser Befindlichkeitsstörung können sich allerdings "chronische Spannungskopfschmerzen" entwickeln. Davon sprechen Mediziner, wenn sie an mehr als 15 Tagen im Monat auftreten. Schätzungsweise 2,4 Millionen Deutsche leiden daran.
• Nicht auf beiden Seiten, sondern nur in einer Schädelhälfte wütet die Migräne, die nach Schätzungen elf Millionen Deutsche quält. Sie kann mit Seh- oder Empfindungsstörungen beginnen, fühlt sich pulsierend oder wie ein Presslufthammer an und ist häufig mit Übelkeit, Erbrechen und Licht oder Lärmempfindlichkeit verbunden.
• Schier unerträglich sind die seltenen "Cluster-Kopfschmerzen", Betroffene sagen, es sei ein Gefühl, als ob "ein Messer in der Schläfe steckt".
• Und besonders hinterhältig ist jener Kopfschmerztyp, der durch die Mittel ausgelöst wird, welche die Pein eigentlich bekämpfen sollen: Schmerztabletten.

Je weiter Wissenschaftler enträtseln, was sich in den Köpfen der Betroffenen tatsächlich abspielt, desto besser lassen sich die Vorurteile mit Argumenten und Fakten entkräften. Tatsache ist: Die Hirnsubstanz selbst ist schmerzunempfindlich - weswegen Chirurgen dort Operationen auch bei vollem Bewusstsein des Patienten vornehmen können. Und: Schmerzsignale sind eigentlich nichts Besonderes. Permanent erreichen das Gehirn auch bei gesunden Menschen solche Botschaften aus dem ganzen Körper, die allerdings normalerweise durch eine Art Filter bewertet, ausgeblendet und deswegen nicht wahrgenommen werden.

Bei den jeweiligen Unterarten des Kopfschmerzes liegen mannigfaltige Entstehungsmechanismen zugrunde. Ursachen von Spannungskopfschmerz können etwa sein: eine falsche Körperhaltung, permanente Muskelanspannung beim Sitzen am Schreibtisch, Ärger, Stress oder Angst.

Erhöhte Empfindlichkeit ist angeboren

Anders verhält es sich bei Migräne: Die Forscher vermuten, dass eine Entzündung an geweiteten Blutgefäßen der Hirnhaut und dadurch überbeanspruchte sensible Nerven die pulsierenden Schmerzen verursachen. Dem geht ein fatales Zusammenspiel aus Trigger-Reizen wie zum Beispiel Stress, Hormonschwankungen oder Schlafmangel plus einem hoch angespannten Nervensystem voraus. Die erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems ist bei Migräne-Kranken angeboren. Sie fallen im Alltag als besonders sensible und wache Zeitgenossen auf. "Deren Gehirn ist permanent wie auf dem Sprung", sagt Kopfschmerzexperte Göbel. "Wie ein Autofahrer, der an einer Ampel steht, und wartet, dass sie gleich grün werden wird."

Die Forscher konnten spezielle Nervenzellen in einer Region im Hirnstamm ausmachen, die die Schmerzattacken auslösen und am Laufen halten - dieses Areal heißt "Migräne-Generator". Und sogar einzelne genetische Veränderungen konnten die Fachleute inzwischen lokalisieren. Was erklärt, weshalb häufig mehrere Generationen einer Familie an Migräne leiden.

Eine dieser Familien sind die Sandrowskis aus Schönböken bei Neumünster. Drei Generationen - Oma, zwei Töchter und drei Enkelsöhne - quälen sich mit schlimmen Migräneattacken. Tochter Heike heiratete zudem einen Mann mit Migräne und Dauerspannungskopfschmerzen. Und auch alle drei Ehefrauen der Enkelsöhne leiden an Migräne. Die Urenkel sind noch klein und haben keine Beschwerden - bislang weiß man nicht, ob sie das schmerzhafte Erbe der Familie antreten werden.

"Ich dachte, ich werde blind"

"Als ich das erste Mal als Teenager eine Migräneattacke bekam, war ich verunsichert, weil ich nicht wusste, was das ist", erzählt Björn Sandrowski. Es fing mit Sehstörungen an, einer Art "stehendem Blitz vor Augen", wie sich der 36-Jährige erinnert. "Ich dachte, ich werde blind." Bei etwa zehn Prozent der Betroffenen beginnt eine Migräne mit vorübergehenden neurologischen Störungen, "Aura" genannt. Kurz darauf setzten heftige Kopfschmerzen ein. Panisch lief Björn von der Schule nach Hause. "Meine Mutter wusste zum Glück sofort Bescheid, als ich es ihr erzählte - sie hatte es ja selber oft genug erlebt."

Migräne tritt meist in der Pubertät zum ersten Mal auf, und am häufigsten quält sie Erwachsene im Alter zwischen 35 und 45. Der Leidensdruck der Betroffenen ist hoch, und ihre Lebensqualität kann drastisch sinken: Wer regelmäßig nur noch im verdunkelten Zimmer liegen kann, sich vor Schmerzen krümmt und sich übergeben muss, hat oft nicht mehr die Kraft für Familie, Freunde oder Broterwerb.

Björn Sandrowski traf es unter den drei Brüdern am schlimmsten: In besonders heftigen Phasen hatte er drei Monate lang jede Woche eine Attacke, die bis zu drei Tage lang anhielt. Dann war vor lauter Schmerz an Schule oder Arbeit nicht zu denken, und ihm war speiübel - nur Schlaf half. Inzwischen sind die Attacken seltener geworden, und Björn Sandrowski hat sie schneller im Griff als früher.

Im Alter seltener

Das ist typisch für die Krankheit: Je älter die Patienten werden, desto seltener treten die Anfälle auf. Zudem lernen die Betroffenen im Laufe der Zeit, welche der Migräne- und Schmerzmittel bei ihnen am besten wirken und wie man sie richtig einsetzt. Und schließlich erfahren Migräne- Kranke, die in guter Behandlung sind, wie man Kopfschmerzen durch disziplinierte Lebensführung vorbeugen kann. Auch Björn Sandrowski hält sich strikt an seine Prinzipien: Er isst und schläft regelmäßig, steht auch am Wochenende zu festen Zeiten auf, trinkt viel Wasser und andere nichtalkoholische Getränke, baut Entspannungspausen in den Alltag ein und treibt regelmäßig Sport. Seinem Lebenswandel hat Björn Sandrowski viel zu verdanken - aber auch seinen spezialisierten Ärzten.

Zur Zeit der Pharaonen hätte man Björn Sandrowski einen lebenden Zitterrochen auf den Kopf gebunden - als eine Art urzeitlicher Elektrotherapie. Die Sumerer glaubten, dass Dämonen im Schädel schuld an der Pein wären. Um sie herauszulassen, wurde bei lebendigem Leib ein Loch in den Schädel gebohrt. Heute traktiert man den Kopf nur noch oberflächlich, mit feinen Nadeln: Akupunktur kann offensichtlich bei chronischen Spannungskopfschmerzen und Migräne helfen. "Es gibt inzwischen gute Studien dazu", sagt Arne May, Neurologe an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf und Kopfschmerzexperte. "Akupunktur funktioniert in 40 Prozent der Fälle. Ich empfehle meinen Patienten, die Methode auszuprobieren."

Und was tun die, die sich nicht mit Nadeln piksen lassen wollen? Pfefferminzöl, auf Stirn und Schläfen getupft, lindert akute Spannungskopfschmerzen. Bei Migräne- Kranken scheint die regelmäßige Einnahme von Medikamenten aus den Heilpflanzen Mutterkraut oder Pestwurz neuen Attacken vorzubeugen, so Professor Edzard Ernst, Leiter der Abteilung für Komplementärmedizin der Universität Exeter.

122 Millionen Schachteln ohne Rezept

Die meisten Betroffenen behelfen sich allerdings mit wesentlich gängigeren Mitteln: Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen. Im Jahr 2006 wurden hierzulande rund 27,3 Millionen Packungen verordnet und 122 Millionen Schachteln ohne Rezept in den Apotheken gekauft. Von Migränemitteln gingen knapp 8 Millionen Packungen über den Ladentisch. Allein bei der Lufthansa verteilen die Stewardessen an Bord der Maschinen jährlich 1,2 Millionen Schmerztabletten.

Die potentesten Medikamente gegen Migräne sind allerdings sogenannte Triptane, spezielle Wirkstoffe, die erst seit 1993 eingesetzt werden. Auch als Nasenspray oder Zäpfchen, denn mancher behält nicht einmal eine Tablette bei sich, wenn eine Attacke im Anmarsch ist.

Schmerzmittel sind ein Segen - wenn sie genau richtig dosiert und eingenommen werden. Werden sie aber zu lange geschluckt, verursachen sie paradoxerweise ebenfalls Kopfschmerzen. Dieser "Kopfschmerz nach Medikamentenübergebrauch" fühlt sich drückend an wie die Spannungskopfschmerzen oder aber pochend wie Migräne, geht aber nicht von alleine, geschweige denn mit noch mehr Schmerzpillen weg.

Schmerzmittel höchstens zehn Tage im Monat

Der Mechanismus hinter diesem Phänomen ist nicht ganz klar. Wissenschaftler versuchen ihn so zu beschreiben: Der Körper gewöhnt sich an die Schmerzmittelzufuhr, steuert gegen die künstlich herabgesetzte Empfindlichkeit an und wird sensibler für Schmerzreize. Deswegen propagieren Experten den Merksatz: Unabhängig von der Dosis höchstens zehn Tage im Monat Kopfschmerzmittel einnehmen.

Anke Briola hatte diese Regel sogar schon einmal gehört. Trotzdem schaffte die Kielerin es nicht, sich daran zu halten. Seit sie 40 ist, leidet sie an Migräne. Als sie sich auch noch das Steißbein brach, nahm sie noch mehr Pillen. "Wenn die Schmerzen da waren, konnte ich nicht mehr frei handeln: Ich griff zu den Packungen, ohne über die richtige Dosis nachzudenken. Ich habe einfach die Kontrolle verloren." Sie vertraute darauf, nichts falsch machen zu können - schließlich hatte ihr Arzt ihr die Tabletten immer wieder verschrieben.

Wenn Anke Briola heute nachrechnet, kommt sie zu folgendem Ergebnis: Jeden Tag ein bis zwei Tabletten gegen die Steißbeinschmerzen - also bis zu 60 Tabletten im Monat. Dazu kam an mehr als 15 Tagen im Monat etwas gegen die Kopfschmerzen.

Irgendwann war der Schmerz dauernd da

Ihre Probleme verselbstständigten sich: Die Schmerzen im Kopf waren irgendwann dauernd da, unbezwingbar mit Medikamenten. Schließlich ging sie in die Schmerzklinik Kiel. Zum Entzug. Vier Wochen dauerte ihr Aufenthalt.

"Der schwerste Schritt ist, die Tabletten komplett abzusetzen", sagt Professor Göbel. "Die Schmerzen nehmen nämlich erst einmal zu." Diese Phase müsse man aushalten und durchstehen. Moderne Therapien helfen, die Entzugssymptome zu lindern. Immerhin zwei Drittel bleiben ohne Rückfälle.

Doch die Heilkunst hat Grenzen: Es gibt Patienten, bei denen auch die modernste Therapie nicht angeschlagen hat, und die sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben. Meist litten sie an sogenannten Cluster-Kopfschmerzen, die relativ selten sind. "Cluster" bedeutet im Englischen "Haufen". Der Name kommt daher, dass die Schmerzattacken gehäuft an einigen Tagen hintereinander auftreten und dann in der Regel wochen- und monatelang wieder aussetzen. "Auf einer Schmerzskala von ‚null‘ bis ‚zehn‘ geben Patienten mit Cluster-Kopfschmerz ‚zwölf ‘ an", sagt Arne May. Einer seiner Patienten hatte in fünf Jahren 3500 Attacken, meist um neun Uhr abends oder zwei Uhr nachts. "Manche Betroffene hauen den Kopf gegen die Wand, so unerträglich sind die Schmerzen", sagt May. Und Professor Hans-Christoph Diener, Neurologe an der Universität Essen und Direktor des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums, erzählt: "Frauen, die Cluster-Kopfschmerzen haben, vergleichen sie mit den Schmerzen beim Kinderkriegen."

Unerträgliche Schmerzen

Den meisten Cluster-Patienten können die Mediziner helfen: Inhalieren von reinem Sauerstoff lindert die Pein oder eine Spritze mit einem Triptan-Wirkstoff, die sich Betroffene eigenhändig unter die Haut setzen können. Aber ist das Arsenal der Therapien erschöpft, bleiben unerträgliche Schmerzen, die immer wiederkommen. "Sehr selten bringt sich jemand deswegen um", sagt Arne May, "sehr selten zwar - aber es passiert."

Die Ursachen für den extremen Schmerz sind vermutlich eine Entzündung von Venen, die hinter dem Auge liegen, sowie eine Reizung der umliegenden Nervenfasern. Zudem konnte Arne May bei Cluster-Patienten in speziellen Computertomografien eine veränderte Struktur im Gehirn nachweisen: Sie hatten mehr graue Substanz im Hypothalamus. Es gibt neue, experimentelle Operationsverfahren, bei denen genau dort eine Elektrode eingepflanzt wird, die die Schmerzattacken unterbinden soll - die sogenannte Tiefenhirnstimulation. "Das ist eine wirklich innovative Methode, die nur von wenigen Operateuren gemacht wird", sagt May. "Sie ist noch mit Vorsicht zu genießen."

Bernd-Wolf Crusius ist wegen seiner Cluster-Kopfschmerzen in Frührente gegangen. Anfangs kamen die Attacken nur selten. Im Jahr 2005 traten sie drei Wochen lang am Stück auf, fünfmal am Tag, jeweils zwei Stunden lang. "Dann wäre ich am liebsten gegen die Wand gelaufen", sagt der ehemalige Heizungsbauer. "Ich musste immer wieder den Arzt holen, damit er mir eine Spritze gibt."

Inzwischen kann er sich selbst helfen - mit einem Migränemittel, dass er sich unter die Haut am Oberschenkel injiziert. "Jedes Mal, wenn eine Attacke losgeht, schleiche ich wie ein Tiger durchs Haus", sagt der 52-Jährige. "Dann wird meine linke Gesichtsseite warm, das Auge tränt, und ich kann meinen Speichelfluss nicht halten." Jedes Mal heißt: jeden Tag. Vier- bis siebenmal. Und das seit Ende 2006. Crusius weiß: Sein Kampf gegen die Kopfschmerzen wird weitergehen - und der Ausgang ist ungewiss.

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